Skandalkonzern Gericht erklärt Wirecard-Bilanzen für nichtig

Das Landgericht München erklärt die Wirecard-Bilanzen 2017 und 2018 nachträglich für nichtig. Damit könnte Insolvenzverwalter Jaffé gezahlte Dividenden für die beiden Jahre von den Aktionären zurückverlangen.
Jahresabschlüsse nichtig: Ehemaliger Wirecard-Vorstandschef Markus Braun

Jahresabschlüsse nichtig: Ehemaliger Wirecard-Vorstandschef Markus Braun

Foto: Pool / Getty Images

Die Bilanzen des Zahlungsdienstleisters Wirecard waren nach einem Urteil des Münchner Landgerichts schon in den Jahren vor der Insolvenz falsch. Das Gericht erklärte die Abschlüsse der Jahre 2017 und 2018 und die dazugehörigen Dividendenbeschlüsse der Hauptversammlungen am Donnerstag für nichtig. Sollte das Urteil rechtskräftig werden, was es derzeit noch nicht ist, könnte Insolvenzverwalter Michael Jaffé (59) insgesamt rund 47 Millionen Euro gezahlte Dividenden von den Aktionären zurückfordern – ebenso übrigens von Wirecard gezahlte Steuern.

Damit rechnen müssen allerdings nur Großaktionäre wie der ehemalige Vorstandschef Markus Braun (53), die Kleinanleger dürften schwer zu finden sein (Az. 5 HK O 15710/20). Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig,. heißt es.

Munition liefert das Urteil aber auch für die knapp 1000 Klagen empörter Aktionäre gegen die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY, die die Wirecard-Bilanzen geprüft und testiert hatte. Aktionärsvertreter hoffen, dass das Chancen für Schadenersatzklagen gegen den Wirtschaftsprüfer verbessert.

Das bis in den Dax aufgerückte Unternehmen war im Juni 2020 pleitegegangen, nachdem die Prüfer keinen Nachweis für angeblich auf Treuhandkonten in Asien liegenden 1,9 Milliarden Euro finden konnten. Sie stammten vorgeblich aus Geschäften mit Drittpartnern in Ländern, wo Wirecard nicht über eigene Lizenzen zur Zahlungsabwicklung verfügte. Insolvenzverwalter Jaffe sieht es als erwiesen an, dass es dieses Geschäft nie gab und Wirecard tatsächlich bereits seit 2015 rote Zahlen schrieb. Er hatte die Abschlüsse angefochten, weil die Vermögenswerte darin völlig überbewertet seien. Die Treuhandkonten machten rund 40 Prozent der Bilanzsumme aus.

Ob die fehlenden Milliarden Euro tatsächlich nie existierten oder nur auf anderen Konten lagen, wie Ex-Vorstandschef Braun vermutet, sei für das Urteil unerheblich, sagte der Vorsitzende Richter Helmut Krenek. Wirecard habe in jedem Fall gegen die Grundsätze ordnungsgemäßer Buchführung und damit gegen die Vorschriften zum Gläubigerschutz verstoßen. "Wenn es die Gelder gibt, hätten sie auf anderen Konten gefunden werden müssen."

Aktionärsschützer sehen nun mehr Erfolgschancen für Klagen gegen EY

Die Aktionärsvereinigung DSW sieht mit dem Urteil gestiegene Erfolgschancen für die knapp 1000 Klagen gegen EY. Nach Argumentation von Ex-Wirecardchef Braun sei das Geld "irgendwo ganz anders", sagte DSW-Vizepräsidentin Daniela Bergdolt nach der Urteilsverkündung. "Aber auch dann ist die Buchhaltung, die Buchführung von Wirecard grottenfalsch gewesen. Auch das hätte EY dann sehen müssen."

"Die Buchführung von Wirecard war völlig falsch. Auch das hätte EY sehen müssen"

Anwältin Daniela Bergdolt von der Aktionärsvereinigung DSW

Jaffé hatte in seiner Klage die Überbewertung der Wirecard-Bilanz im Jahr 2017 auf 743,6 Millionen und 2018 auf 972,6 Millionen Euro beziffert. Verklagt hatte der Insolvenzverwalter die Wirecard AG. Das Unternehmen existiert nur noch als rechtliche Hülle, die kein Geschäft betreibt und weder Vorstand noch Aufsichtsrat hat. Ansonsten ist der Konzern zerschlagen, der zeitweilig an der Frankfurter Börse einen dreistelligen Milliardenwert hatte.

Die Münchner Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass Braun und Komplizen mithilfe der falschen Bilanzen bei Banken und Investoren Milliarden erschwindelten. Braun hingegen sieht sich als Opfer von Betrügern im Unternehmen. Eine Schlüsselfigur des Skandals ist der frühere Vertriebsvorstand Jan Marsalek (42), der sich im Sommer 2020 absetzte und bis heute untergetaucht ist. Marsalek soll sich angeblich in Moskau aufhalten. Die Geschäftsberichte wurden sowohl von den Vorständen als auch von den Prüfern unterschrieben, die damit für die Richtigkeit der Zahlen bürgten.

Verbucht waren die vermissten 1,9 Milliarden Euro in den beiden Jahren angeblich bei der Bank OCBC in Singapur. Diese hatte nach Angaben der von Jaffé beauftragten Anwaltskanzlei offiziell bestätigt, dass das Geld dort nicht existierte.

Vorstandschef Braun sitzt seit Juli 2020 in Untersuchungshaft, im Juni steht die nächste Haftprüfung an. Im Strafverfahren prüft das Landgericht München derzeit die Anklage gegen Braun. Sollte die Anklage zugelassen werden, könnte der Strafprozess noch in diesem Jahr beginnen.

hr, rei/Reuters, DPA