Sixt kooperiert mit Mobileye München soll zur Robotaxi-Hochburg werden

Der Autovermieter Sixt und die Intel-Tochter Mobileye wollen ab 2022 mit 25 Robotaxis in München starten. Auch Volkswagen testet selbstfahrende Prototypen in Bayern.
Im kommenden Jahr palmenfrei in München unterwegs: Robotertaxi-Prototyp von Mobileye und Sixt

Im kommenden Jahr palmenfrei in München unterwegs: Robotertaxi-Prototyp von Mobileye und Sixt

Foto: Mobileye / Sixt SE

Vom großen Hype zum stillen Rückzieher – so ließ sich, zumindest zuletzt, das Verhältnis deutscher Autohersteller zu Taxidiensten mit selbstfahrenden Fahrzeugen beschreiben. Um der Google-Tochter Waymo mit ihren Robotaxis Paroli zu bieten, hatten sich deutsche Autohersteller jahrelang in starken Ansagen geübt: Daimler und Bosch etwa hatten bereits im Jahr 2017 angekündigt, ab 2021 mehr als zehntausend Robotaxis zu produzieren – für den Einsatz im urbanen Raum. BMW tat sich vor vier Jahren mit Intel, Mobileye und Fiat-Chrysler zur großen Selbstfahr-Kooperation zusammen. Das Ziel: Bereits 2021 ein Auto vorzustellen, das vollautonom fahren kann. Volkswagen setzte lange Zeit auf die Zusammenarbeit mit dem Selbstfahr-Start-up Aurora – und wollte ursprünglich seine Moia-Shuttles ebenfalls ab 2022 teilweise autonom fahren lassen.

Aus den großen Plänen wurde nichts: Die Daimler-Bosch-Kooperation ist beendet, die BMW-Selbstfahr-Allianz so gut wie aufgelöst, und Volkswagen hat beim autonomen Fahren längst den Partner gewechselt: Statt Aurora setzt VW nun auf die Ford-Tochter Argo.AI, die in punkto Selbstfahr-Technik in Fachrankings als ziemlich fortgeschritten gilt. Argo.AI-Chef Brian Salesky wurde von manager magazin auch deshalb vor einiger Zeit ausführlich porträtiert .

Auf der generalüberholten Autoshow IAA in München bekommt das Thema autonomes Fahren wieder deutlich mehr Aufmerksamkeit: Volkswagen etwa stellte den Prototypen eines autonom fahrenden "Bulli"-Busses mit Elektroantrieb vor. Zunächst will Volkswagen die Technologie mit fünf aufgerüsteten ID.Buzz-Prototypen testen, ab 2025 soll dann der Serienbetrieb mit solchen selbstfahrenden Taxi-Shuttles möglich sein.

Sixt und Mobileye bringen 25 Roboterautos nach München

Erproben wollen Volkswagen und sein Technikpartner Argo zunächst in München, aber auch im Rahmen seines Moia-Shuttleservices in Hamburg. In der bayerischen Metropole erhält Volkswagen aber recht zügig Konkurrenz von ungewohnter Seite: Wie Intel-CEO Pat Gelsinger und Alexander Sixt auf der IAA verkündeten, bringt die Intel-Tochter Mobileye mit dem deutschen Autovermieter eine Robotaxi-Flotte auf Münchens Straßen. Und zwar schon bald: Bereits ab Mitte 2022 sollen die ersten Robotaxis mit menschlichem Kontrollfahrer an Bord verfügbar sein. Buchen lassen sich die Fahrten dann via Sixt-App oder über die Mobilitäts-App Moovit, die Intel vor etwas mehr als einem Jahr für 900 Millionen Dollar erwarb.

Dass Mobileye Roboterauto-Tests in München plant, ist seit gut einem Jahr bekannt. Neu ist allerdings, dass die Erprobung der Robotaxis nun deutlich schneller und in größerer Zahl vorankommt als bislang vermutet. Denn in München wollen Mobileye und Sixt gleich mit 25 Fahrzeugen loslegen, während Volkswagen zunächst nur fünf Fahrzeuge testet.

Den Mobileye-Robotaxi-Test in München treibt ein in der Branche bekannter Manager voran: Johann Jungwirth (48), der gut zwei Jahrzehnte lang für Daimler arbeitete, im Volkswagen-Konzern von 2015 bis 2018 als Chief Digital Officer fungierte und Ende 2019 zu Mobileye ging. Bei dem israelischen Unternehmen, einem Kamera- und Sensorspezialisten, ist Jungwirth als Vice President für Mobilitätsdienste verantwortlich.

"Ich glaube fest an selbstfahrende Fahrzeuge und ich glaube, dass das Leben der Menschen dadurch verbessert werden kann", erklärte Jungwirth in einem Pressegespräch vor dem Start der IAA. In Deutschland habe man nun durch ein Ende Juli beschlossenes Gesetz die Möglichkeit, selbstfahrende Fahrzeuge genehmigen zu lassen und auf die Straße zu bringen.

Ein China-SUV dient als Roboterauto-Basis

Das will Mobileye gemeinsam mit Sixt nutzen. Der Autovermieter sieht in der Kooperation einen "nächsten Schritt im Ausbau unserer Mobilitätsplattform". Spannend an dem Projekt sind nicht nur die technischen Details: Die Fahrzeuge haben Kameras, Lidar- und Radarsensoren an Bord, für die Kameras gibt es sogar eine Selbstreinigungsfunktion der Linsen. Sie sollen in fast allen Situationen selbst fahren können, in der Nomenklatur des autonomen Fahrens entspricht dies Level 4 von 5 möglichen.

Das optische System und das auf Lidar- und Radarsensor-Informationen basierte arbeiten voneinander unabhängig. Ein Hochleistungsrechner vergleicht die Informationen beider Systeme und schlägt Alarm, wenn es Abweichungen gibt.

Als Basis für die Selbstfahr-Autos dient Mobileye aber kein deutsches Premium-Fabrikat, sondern ein Elektro-SUV aus China: Nios ES8. Man habe kein Fahrzeug in Deutschland gefunden, dass die Voraussetzungen dazu mitbringt, meinte Jungwirth dazu. Entscheidend dürfte dabei aber auch gewesen sein, dass sich Nio bereiterklärte, die Fahrzeuge für den autonom-Fahrbetrieb umfassender anzupassen als etwa deutsche Hersteller. Die SUVs dürften aber ohnedies nur eine Vorstufe sein: Der Autozulieferer Schaeffler verkündete nun ebenfalls eine Zusammenarbeit mit Mobileye für den Bau eines Bodenplatte für E-Fahrzeuge. Auf dieser Basis soll wohl ein Shuttlefahrzeug ähnlich eines Busses entwickelt werden.

Die Mobileye-Kooperationen mit Automobilherstellern sieht Jungwirth durch das Projekt nicht in Gefahr: Sein Unternehmen arbeite eng mit über 25 Herstellern zusammen, denen es weiterhin Gesamtlösungen für Bilderkennungssysteme liefern werde. Auch VWs autonom fahrender "Bulli" ID.Buzz, ließ Jungwirth durchblicken, werde Mobileye-Systeme an Bord haben.

Waymo ist noch längst nicht in Reichweite

Bloß: Die Steuerungssoftware im "Bulli"-Robotaxi wird wohl eher von der Ford-Tochter Argo stammen, die vielen dabei als erfahrener und fortgeschrittener gilt als die Intel-Tochter. Denn in den einschlägigen Rankings zum autonomen Fahren liegt die Google-Tochter Waymo nach wie vor vorne, gefolgt vom GM-Ableger Cruise und Fords Argo AI. Mobileye befindet sich dabei bislang noch im Mittelfeld.

Immerhin hat Mobileye den Mut, sich in für autonom fahrende Fahrzeuge eher schwer zu handhabende Städte zu wagen: Prototypen fahren etwa auch in New York City – und bald auch in München, das wegen hoher Verkehrsdichte und häufigeren Regelübertretungen als schwieriges Pflaster für Robotaxis gilt.

Waymo testet seine Fahrzeuge im Serienbetrieb bislang nur in Austin, Texas – wo die Straßen breit und das Wetter ziemlich sonnig ist. In Kürze geht Waymo aber auch in San Francisco an den Start. Die Google-Tochter hat nicht Fiat-Chrysler und Jaguar als Autolieferanten gewinnen können – sondern lässt die Robotaxi-Flotte bereits teilweise ohne menschlichen Kontrollfahrer durch Austin kurven.

Wann das bei Mobileye und Sixt der Fall sein könnte, ließ Jungwirth im Gespräch noch offen.

wed
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