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Interview "Sind Plastikflaschen so gefährlich wie Handgranaten?"

Datenschützer Hans G. Zeger über schikanöse Kontrollen und den zweifelhaften Nutzen vieler Sicherheitsmaßnahmen an den Flughäfen
aus manager magazin 8/2008

Die Kontrollen an Flughäfen verschärfen sich, ständig werden neue Sicherheits-techniken erprobt, die Wartezeiten werden länger - wird das Fliegen denn wenigstens sicherer?

Zeger: Kaum, denn viele Maßnahmen sind ziemlich nutzlos. Wer zum Beispiel eine Schere mit Klebeband an einen Metallkofferboden klebt, kommt damit ohne Probleme durch den Scanner. Bei Testläufen mit der Gesichtserkennung konnten die Systeme zwischen 64 und 99 Prozent der untersuchten Personen nicht identifizieren. Als Datenschützer wehre ich mich dagegen, dass Gegenstände des Alltags kriminalisiert und Leute schikaniert werden, ohne dass sich dadurch die Sicherheit erhöht.

Politiker und Passagiere wollen mehr Sicherheit, also geht es nicht ohne Kontrollen ...

Zeger: ... sofern sich die Maßnahmen wirklich auf Bereiche beschränken, die nachweislich gefährlich sind. Ein Revolver oder ein scharfes Messer können fraglos dazu dienen, jemanden zu bedrohen. Aber seit wann sind Plastikflaschen, Nagelfeilen oder Cremes so gefährlich wie Handgranaten? Jede im Duty-free-Shop gekaufte Flasche kann ich zertrümmern und die Scherben als Waffe benutzen. Und ist es wirklich auszuschließen, dass sich auch aus Duty-free-Artikeln Bomben basteln lassen?

An vielen Kontrollpunkten werden bereits biometrische Überwachungssysteme eingesetzt. Funktionieren die denn zuverlässig?

Zeger: In vielen Fällen nicht. Bei biometrischen Methoden muss man eines wissen: Die Spuren, die ein Mensch hinterlässt, sind niemals eindeutig. Kein Fingerabdruck einer Person, der zweimal erfasst wird, ist identisch. Die heute gängigen Systeme haben Fehlererkennungsraten von 1 bis 10 Prozent. Was nichts anderes heißt, als dass Fluggäste, die durch den Raster fallen, angehalten und zusätzlich überprüft werden. Stellen Sie sich das mal am Frankfurter Flughafen vor, wo täglich rund 150 000 Passagiere abgefertigt werden. Das wären bis zu 15 000 zusätzliche Kontrollen pro Tag - ein Albtraum.

Vielleicht wird dabei doch der eine oder andere Terrorverdächtige aufgespürt.

Zeger: Da habe ich so meine Zweifel. In den USA wurden beispielsweise Unmengen von Fingerabdruckdaten vernichtet, weil sie mit unterschiedlichen Systemen gescannt wurden, die nicht miteinander kompatibel waren. Hinzu kommt, dass es bei der Identifizierung eines Verdächtigen nicht reicht, den abgenommenen Fingerabdruck mit dem Abdruck im Reisepass zu vergleichen. Um die Identität eines Passagiers eindeutig zu klären, müsste überprüft werden, ob die Fingerabdrücke nicht unter verschiedenen Namen auftauchen - aber das lässt sich technisch derzeit nicht realisieren.

Sind die biometrischen Kontrollen demnach überflüssig?

Zeger: Ja. Sowohl der Finger-Scan als auch der Iris-Scan erwecken nur den Anschein von mehr Sicherheit. Die Attentäter vom 11. September konnten ihre Anschläge nur deshalb verüben, weil damals in den Vereinigten Staaten viel zu lasch kontrolliert wurde. Auch in London und Madrid wurden die Anschläge von im Prinzip unbescholtenen Leuten verübt, die echte Pässe besaßen. Wer heute wirklich Verbrechen verüben will, seien es Terrorakte, sei es der Schmuggel von Waffen, der reist mit legalen Papieren ein oder fliegt beispielsweise von Mexiko aus über die grüne Grenze.

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