Übernahme von Varian Medical Systems Siemens Healthineers will mit Milliardendeal in den Dax

Siemens Healthineers will im US-Geschäft deutlich wachsen und für 16,4 Milliarden Dollar den US-Krebsspezialisten Varian kaufen. Mit dem Milliardendeal strebt der Medizintechnik-Konzern auch den Aufstieg ins Börsenoberhaus an.
Bernd Montag, Chef von Siemens Healthineers, macht aus seinen Ambitionen, nach der Übernahme von Varian Medical Systems in den Dax aufzusteigen, keinen Hehl

Bernd Montag, Chef von Siemens Healthineers, macht aus seinen Ambitionen, nach der Übernahme von Varian Medical Systems in den Dax aufzusteigen, keinen Hehl

Foto: Daniel Karmann/ dpa

Der Medizintechnik-Konzern Siemens Healthineers steht vor einer milliardenschweren Übernahme des auf Krebsbekämpfung spezialisierten Medizingeräteherstellers Varian Medical Systems. Die Tochter will sämtliche Aktien von Varian für 177,50 Dollar pro Anteilsschein in bar erwerben. Das ist ein Aufschlag von rund 25 Prozent gegenüber dem Schlusskurs am vergangenen Freitagabend.

Der Kauf des amerikanischen Spezialisten für insgesamt 16,4 Milliarden Dollar soll im ersten Halbjahr 2021 abgeschlossen sein, teilte der Mutterkonzern Siemens am Sonntag mit . Kurz zuvor hatte die Nachrichtenagentur Bloomberg  unter Berufung auf Insider über die angestrebte Übernahme berichtet.

Varian Medical Systems  mit Sitz im kalifornischen Palo Alto konzentriert sich auf die Entwicklung und Bereitstellung innovativer Krebsbehandlungen und beschäftigt laut eigenen Angaben 10.000 Mitarbeiter. Im Jahr 2019 erwirtschaftete das Unternehmen laut Jahresbericht  einen Umsatz von 3,2 Milliarden US-Dollar. Das Unternehmen bringt es gegenwärtig auf einen Börsenwert von etwa 13 Milliarden Dollar. Die Aktie  wurde zuletzt mit dem 38-fachen der geschätzten Gewinne gehandelt und damit deutlich höher als die im S&P 500 Health Care Index versammelten Unternehmen - hier liegt die Bewertung im Schnitt beim 18-fachen.

Siemens Healthineers , das 2018 vom Mutterkonzern abgespalten wurde, ist an der Börse derzeit umgerechnet etwa 51,4 Milliarden Dollar wert und wollte ursprünglich am Montag  seine Zahlen für das dritte Quartal des laufenden Geschäftsjahres vorlegen, zog die Bekanntgabe aber am Sonntag vor. Demnach fiel der Umsatz des MDax-Konzerns gegenüber dem Vorjahresquartal um 7,2 Prozent auf 3,31 Milliarden Euro. Der um Sondereffekte bereinigte Betriebsgewinn (Ebit) rutschte um 15 Prozent auf 461 Millionen Euro ab. Für das letzte Quartal des laufenden Gechäftsjahres 2019/2020 rechnet der Konzern wieder mit deutlich besseren Geschäften.

Healthineers und Varian arbeiten schon lange zusammen

Siemens begrüßte die geplante Akquisition. "Sie wird Siemens Healthineers entscheidend voranbringen. Ein derartiger transformatorischer Schritt wäre in der Konglomeratsstruktur der alten Siemens AG nicht möglich gewesen", sagte Siemens-Chef Joe Kaeser (63). Die Strategie "Vision 2020+" werde konsequent fortgesetzt.

Die geplante Übernahme erfolgte inmitten erster Anzeichen für eine Belebung der Geschäfte, nachdem die Ausbreitung des Coronavirus und die sich verschlechternden Aussichten auf eine wirtschaftliche Erholung die Stimmung in diesem Jahr gedämpft haben.

Siemens' Anteil an Healthineers wird sinken

Der Mitteilung zufolge  will Siemens Healthineers die Übernahme in etwa zur Hälfte über Kredite und zur anderen Hälfte über neues Eigenkapital finanzieren, das sich die Erlangener über die Ausgabe neuer Aktien beschaffen wollen. Siemens Anteil werde nach der Transaktion von 85 Prozent auf etwa 72 Prozent absinken. Der Mutterkonzern beabsichtigt, "langfristiger Mehrheitseigentümer" an Siemens Healthineers zu bleiben.

Beide Unternehmen arbeiten laut Bloomberg bereits seit mehr als einem Jahrzehnt in Bereichen wie der Strahlentherapie-Diagnostik für Krebsbehandlungen zusammen. Varian's Linearbeschleuniger könnten gut zu den MRT-Geräten und CT-Scannern von Healthineers passen, einem Schlüsselbereich des Unternehmens, der in den vergangenen Quartalen langsamer wuchs. 

Siemens Healthineers hatte Anfang Mai die Notfallzulassung für seinen Coronavirus-Antikörpertest in den USA erhalten und wenige Wochen später mit der weltweiten Auslieferung des Tests begonnen – unter anderem in den USA, wo das Unternehmen eigenen Angaben zufolge  die größte installierte Basis an Analysesystemen hat.

Vorstandsvorsitzender Bernd Montag (51) hatte Ende Juni im Gespräch mit der "Süddeutschen Zeitung"  (SZ) erklärt: "Wir können Übernahmen tätigen, wir müssen es aber nicht unbedingt. Allerdings wachsen verschiedene Bereiche der Medizin immer näher zusammen, da kann man zusammen mehr erreichen."

Genau das hat Montag jetzt wohl vor, will das Geschäft mit der Krebsforschung und Krebstherapie ausbauen. Healthineers mache mit der geplanten Übernahme einen erheblichen Sprung nach vorne, sagte der Vorstandschef am Sonntag. Den Preis nannte er "vernünftig". Varian verfüge über ein stabiles Geschäft und eine hohe Innovationskraft.

Siemens Healthineers sieht sich als Dax-Kandidat

Kommt jetzt der Aufstieg in den Dax? Healthineers-Chef Montag strebt das an, wie er schon im Gespräch mit der "SZ" sagte. Das sei "eine Frage der Zeit", ergänzte Finanzvorstand Jochen Schmitz (54) am Sonntag.

Wer zu den 30 Dax-Werten gehört, richtet sich nach dem Gesamtwert des Streubesitzes - also des Wertes der nicht bei Großaktionären liegenden Aktien - und den Handelsumsätzen der Aktie an der Börse. Schon vor der geplanten Übernahme zählte Siemens Healthineers angesichts seines Börsenwerts zu den zehn wertvollsten deutschen Börsengesellschaften.

Da im Zuge der Übernahme die geplante Kapitalerhöhung ohne Bezugsrecht den Aktienanteil von Siemens auf 72 von 85 Prozent senken wird und der Streubesitz entsprechend steigen soll, hätte das Unternehmen voraussichtlich auch beim Wert des Streubesitzes Dax-Niveau. Durch den höheren Streubesitz wiederum dürften auch die Handelsumsätze steigen - was die Chancen auf einen Dax-Aufstieg zusätzlich erhöht.

Strafen bei Scheitern

Bei einem Scheitern der geplanten Milliardenübernahme muss eine der beiden Firmen unter Umständen einen dreistelligen Millionenbetrag an den anderen zahlen. Varian teilte am Montag mit, wenn er nach den vertraglichen Regelungen für ein Platzen des Deals verantwortlich wäre, müsste er 450 Millionen Dollar aufbringen.

Sollte der Grund für ein Scheitern bei Siemens Healthineers liegen, müsste wiederum das deutsche Unternehmen ein sogenanntes "Termination Fee" von 450 Millionen Dollar - unter bestimmten Umständen sogar von 925 Millionen Dollar - zahlen. Häufig sind derlei Absprachen allerdings selbst wiederum Gegenstand harter Verhandlungen, wenn Deals scheitern.

rei/Reuters