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Ergo Schwache Kontrolle

Die Fondstochter Ideenkapital erregt Unmut mit seltsamen Prognosen und Interessenkonflikten.
aus manager magazin 11/2008

Martin Strothmann (48) ist ein Mann mit vielfältigen Aufgaben. Er ist Vorstand des Hamburger Emissionshauses Ideenkapital Marine Finance und sitzt in den Geschäftsführungen diverser zugehöriger Schiffsfonds, die Verträge mit Bereederungsgesellschaften abschließen. Die Wahl fällt nicht schwer: Um die Bewirtschaftung sämtlicher hauseigener Schiffe kümmert sich eine Firma namens Stella Marine Services. Chef und alleiniger Gesellschafter: Martin Strothmann.

Was bei vielen Unternehmen undenkbar wäre, ist bei einer Tochtergesellschaft der zur Münchener Rück gehörenden Ergo-Versicherungsgruppe offenbar Alltag: Ein leitender Angestellter macht Geschäfte mit einer Firma, die ihm selbst gehört. Eine derartige Konstruktion ist in der Branche kein Einzelfall - aber womöglich nicht im Interesse der Anleger.

Ideenkapital Marine Finance wurde 2003 von Strothmann und der Ergo-Tochter Ideenkapital AG gemeinsam gegründet. 2006 kaufte Ideenkapital Strothmann heraus, gleichwohl wirkt er noch als Vorstand der Schiffsfonds-Sparte Marine Finance.

Unter dem Dach der sonst sehr auf Seriosität bedachten Ergo, die mit ihren Produkten "erste Wahl für alle Vorsorge- und Versicherungsbedürfnisse ihrer Kunden" sein will, schwelt seither ein Interessenkonflikt. Für erhebliche Irritationen sorgen zudem die Kalkulationen im Prospekt eines der angebotenen Schiffsfonds.

So rechnet das Unternehmen beim neuen Fonds "Navalia 13" mit erstaunlich niedrigen Betriebskosten: Mit gerade einmal 3800 US-Dollar pro Tag soll der Massengutfrachter MS "Port Elisabeth" in den ersten Jahren nach seiner Fertigstellung auskommen - obwohl Strothmann seine Prognosen bei ähnlichen Schiffen unlängst nach oben korrigieren musste: Die "Port Melbourne" beispielsweise wird in diesem Jahr statt 3450 Dollar voraussichtlich 4654 Dollar kosten - ein gutes Drittel mehr. Andere Reedereien kalkulieren bei vergleichbaren Schiffen für die kommenden Jahre mit bis zu 6000 Dollar pro Tag.

Dienen die niedrig angesetzten Kosten nur dazu, die Renditeprognosen aufzuhübschen? "Die Betriebskosten sind angemessen veranschlagt", beteuert Strothmann. Die Prospekte entsprächen den Erfordernissen der Finanzdienstleistungsaufsicht BaFin und seien von ihr genehmigt. Sämtliche Projekte würden von unabhängigen Experten geprüft - und vom Aufsichtsrat der Ideenkapital AG genehmigt. Aufsichtsratsvorsitzender Eckehard Schulz (39), bis Mitte 2008 Leiter des Beteiligungsmanagements bei der Ergo, hält sich gegenüber manager magazin jedoch bedeckt: "Ich kenne die genauen Kalkulationen dort nicht."

Auch der Mutterkonzern Ergo prüft offenbar eher sporadisch. Finanzchef Daniel von Borries (43) lässt schriftlich erklären: Über die "verschiedenen Gremien" der Gruppe sei "jederzeit sichergestellt", dass die "relevanten Informationen" einzelner Tochterunternehmen vorliegen. Die Verantwortung für Kalkulationen und Produktqualität jedoch "obliegt den jeweiligen Tochterunternehmen".

So viel blindes Vertrauen verwundert, zumal das Ergo-Emblem deutlich sichtbar auf Fondsprospekten prangt. Müsste die Ergo die Qualität der Produkte ihrer Tochter - auch im Interesse der Kunden - nicht sorgfältiger kontrollieren? Die Ergo hält das offenbar für unnötig.

Dabei sind unrealistische Prospektangaben nicht der einzige Vorwurf. So fordert ein wichtiger Vertriebspartner und Fondsteilhaber schon seit vielen Monaten den Verkauf des Ideenkapital-Tankers "MS Port Union". Sein Argument: Der Boom am internationalen Tankermarkt böte eine einmalige Gelegenheit, um Kasse zu machen.

Strothmann, der an der Bereederung gut verdient, zeigte sich vom Verkaufsbegehren indes wenig begeistert. Ein Weiterbetrieb des Schiffes, so das Argument, würde dem Fonds aufgrund einer positiven Entwicklung der Tanker-Märkte höhere Erträge erbringen. Die Anteilseigner konnte Strothmann damit jedoch nicht überzeugen.

Der Hamburger Fachanwalt Rolf Thiel prangerte im Mai in einem Schreiben an Ideenkapital unter anderem mangelnde Transparenz und eine lückenhafte Berichterstattung an: "Es wird mit unterschiedlichen Mitteln und Maßnahmen versucht, eine Veräußerung des Schiffes zu verhindern."

Inzwischen haben sich die verkaufswilligen Fondsteilhaber zwar durchgesetzt. Eine Mehrheit von mehr als 75 Prozent beschloss Ende Juli die Veräußerung der "Port Union" zu einem Mindestpreis von 50 Millionen Dollar. Noch hat das Schiff aber nicht den Besitzer gewechselt. Mit dem Verkauf beauftragt: die Fondsgeschäftsführung - und damit auch Martin Strothmann.

Dass das Tankschiff noch nicht verkauft ist, erklärt Ideenkapital damit, dass Besichtigungen nur in bestimmten Häfen gestattet seien. Branchenkenner bezweifeln inzwischen jedoch stark, dass sich das Schiff zum gewünschten Preis wie geplant bis Jahresende verkaufen lässt. Interessenten haben das Problem, dass sich die Banken in der aktuellen Krise mit der Kreditvergabe zurückhalten. Außerdem sind viele potenzielle Käufer angesichts der drohenden Rezession vorsichtig geworden. Sollte der Deal platzen, droht Ideenkapital ein juristisches Nachspiel: Ein Anteilseigner prüft Schadensersatzansprüche - und ist sich der Rückendeckung durch andere Anleger sicher.

All diesen Turbulenzen zum Trotz: Einen Interessenkonflikt in der Doppelfunktion Strothmanns will die Ergo-Gruppe nicht erkennen. Man setzt vielleicht darauf, dass sich das Problem zum Teil von selbst erledigt, wenn der umtriebige Schiffsmanager sich im März 2009 aus dem Vorstand der Ideenkapital Marine Finance zurückzieht. Als Reeder und Geschäftsführer der Schiffsfonds bleibt Strothmann der Ideenkapital jedoch weiter verbunden. Simon Hage

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