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Schreibtischtäter

Missmanagement: Kritische Unternehmensgeschichten waren über Jahrzehnte hinweg das Markenzeichen von mm - zur Freude von Unbeteiligten und zum Frust von Betroffenen. Warum machen wir das, und wie kommen wir den Tätern auf die Spur?
aus manager magazin 9/2001

Die Idee

Von Beginn des manager magazins an war klar: Es sollten unbedingt negative Fallstudien im Heft sein. Und zwar in jeder Ausgabe. "Wir haben sie sofort Missmanagement genannt", erinnert sich Heinz Streicher, der allererste Chefredakteur.

Bald wurden die Missmanagementgeschichten zum Markenzeichen von mm - zum Leidwesen der Zielgruppe.

In den Gründerjahren nahm deshalb der eine oder andere Manager den damaligen Chefredakteur Leo Brawand zur Seite und fragte: "Muss das denn sein? Wir sitzen doch im selben Boot." Brawand antwortete stets: "Ja, das muss sein. Auch Manager machen Fehler. Wer kann darüber glaubwürdiger schreiben als das manager magazin." Dieser Grundsatz gilt heute noch.

Die Misse-Täter*

Kaum ein Unternehmen blieb von der spitzen Feder der Redakteure verschont. Fast alle großen deutschen Namen tauchten in der ungeliebten, aber gern gelesenen Rubrik auf.

Der erste Fall war Zeiss Ikon, der vorerst letzte Siemens. Adidas, BASF, Commerzbank, Ford, Mannesmann, Opel - viele renommierte Firmen wurden wegen schlechter Führung angeprangert. Manche Firmen wurden freilich durch Schaden nicht klug. Sie gerieten gleich zweimal auf die Anklagebank, darunter AEG, Felten & Guilleaume, Grundig, KHD, Krupp, Philips und SEL.

Die Ermittler

Absoluter Rekordhalter unter den Missmanagement-Autoren ist Klaus Hoffmann (65), seit Ende 2000 im Ruhestand. Hoffmann hat als Mann der ersten Stunde fast 30 Jahre für mm geschrieben. Aus seinem Füller - er hatte nie einen Computer - flossen über 120 Missmanagementgeschichten.

Zu denen, die Missmanagement durch zahlreiche kritische Artikel zum Markenzeichen machten, gehörten auch die langjährigen Redakteure aus der Gründerzeit Ulrich Blecke, Peter Morner, Helmut Raithel und Wilfried Wilhelm. Für alle Kollegen galt: Missmanagementgeschichten erhöhen das Standing in der Redaktion.

Die Verhöre

Blecke und Hoffmann waren es auch, die bis fünf Uhr morgens bei Josef und Peter Neckermann saßen. Es wurde heiß diskutiert und heftig gestritten. Zur Abkühlung gab es um Mitternacht Champagner. Es half nichts: Die beiden Versandhauskönige versuchten vergeblich, den beiden Redakteuren ihre Negativstory auszureden.

Das Gespräch mit den Betroffenen steht meist am Ende der Recherche. Davor erfolgt die nahezu kriminalistische Spurensuche. Für die legendäre Missmanagementgeschichte über AEG-Telefunken (2/1973) - die erste übrigens, die auf die Missstände in dem Frankfurter Konzern hinwies - hat Ulrich Blecke über 100 Leute vernommen.

Wer sind die Zeugen? Betriebsräte, Konkurrenten, Berater, Aufsichtsräte, geschasste Vorstände. "Sie finden immer Leute, die reden", sagt Redakteur Hoffmann. Manchmal sagen sie aber nicht unbedingt die Wahrheit. Jeder hat seine eigenen Interessen, will entweder seine Fehlleistungen vertuschen oder andere belasten.

Aufgabe des Rechercheurs ist es dann, die unterschiedlichen Aussagen - wie bei einem Puzzle - zu einem stimmigen Gesamtbild zusammenzufügen.

Die Sünden

Universitätsprofessoren und Unternehmensberatungen benutzen Missmanagementartikel häufig in ihrer täglichen Praxis als hilfreiche Fallstudien.

An der Universität Kiel wurden anhand der mm-Artikel die häufigsten Ursachen für Missmanagement erforscht: überhastete Expansion, falsche Produktpolitik, veraltete Technologien, verkrustete Strukturen.

Aber meist liegt es an den Personen: selbstherrliche Patriarchen, die kritikunfähig sind; Blender, die völlig abheben, und überforderte Möchtegern-Manager.

Die Einsprüche

Die betroffenen Unternehmen wehren sich. Es gibt Anrufe beim Chefredakteur oder beim Autor. Wenige Manager sind auf Jahre beleidigt, die meisten suchen ein klärendes Einzelgespräch.

Manche schreiben Leserbriefe. Wie zum Beispiel Granini-Geschäftsführer Heinz Schürmann. Er wartete ein Jahr, bis er bessere Zahlen aufweisen konnte. Dann griff er triumphierend zur Feder: "Ihre meinungsgeladene Missmanagement-Story im vergangenen Jahr habe ich mit zähneknirschender Gelassenheit zur Kenntnis genommen." Es war ein kurzer Triumph: Ein paar Jahre später war der "Saftladen Granini" wieder unter Missmanagement vertreten.

Gegendarstellungen als Replik sind eher selten. Die längste war zwei Seiten lang und stammte von den Rollei-Werken (12/1973). Tenor: Alles halb so schlimm. Von wegen: Kurze Zeit später hatte Rollei wieder enorme Probleme.

Ganz selten gibt es Anzeigenentzug. Die Deutsche Entwicklungs-Gesellschaft DEG hat das einmal getan. Ihr Chefsyndikus Christof Rotberg teilte per Leserbrief (4/1981) mit: "Wir erklären, dass wir Ihnen künftig keine Inseratenaufträge mehr erteilen werden."

Die Unschuldigen

Nicht immer lag mm bei seiner Verurteilung richtig. Zum Beispiel wurde in Heft 4/1981 Audi-Chef Wolfgang Habbel auf dem Titel angeprangert: "Der Lack ist ab." Doch der blieb dran und glänzte in den Folgejahren wie die Bilanz.

Chefredakteur Werner Funk entschuldigte sich deshalb im Editorial 7/1983: "Vor gut zwei Jahren druckte mm einen Beitrag über die vermeintlich verfehlte Marken- und Fertigungspolitik der VW-Tochter Audi. Wir haben Unrecht behalten mit unseren Befürchtungen."

*Mehr über die interessantesten Missmanagementgeschichten gibt es unter www.manager-magazin.de/link/missmanagement/

*Mehr über die interessantesten Missmanagementgeschichten gibtes unter www.manager-magazin.de/link/missmanagement/

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