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Schonzeit für die "Ente"

Stinnes: Rekordgewinn, Kursanstieg - die Veba-Tochter ist fit für den nächsten Börsengang. Aber darf sie auch?
Von Arno Balzer und Dietmar Student
aus manager magazin 3/2000

Streng und verloren blickt er von der Wand im Clubraum in der Holding-Beletage - es ist einfach nicht mehr seine Zeit.

Hektischer, freizügiger auch. Seit' an Seit' mit Beate Uhse rutschte sein Unternehmen Ende 1999 in den MDax. Und jetzt will die Firma rapido ins E-Business-Zeitalter.

Alles ein bisschen viel für Hugo Stinnes. Der Schwerindustrielle, der in diesem Monat 130 Jahre alt geworden wäre, und seine Nachfahren im Geiste kommen da nicht so leicht mit.

Daran ist vor allem Wulf Bernotat (51) Schuld. Der seit knapp eineinhalb Jahren amtierende Vorstandsvorsitzende der Mülheimer Stinnes AG räumt mächtig auf an der Ruhr und stellt in diesen Wochen die Weichen für die Zukunft des Transport- und Logistikkonzerns: Die Unternehmensstruktur gewinnt letzte Konturen, die Sanierung siecher Firmenteile ist abgeschlossen, eine Technologieoffensive wird gestartet.

Ein bisschen viel auch für Bernotat.

Aber was soll er machen? Die Konkurrenz ist ihm nahe gerückt. Post-Chef Klaus Zumwinkel (56) hat die behäbige Stempelkissenbude durch Milliardenzukäufe zum Logistikkrösus umgemodelt und will noch in diesem Jahr an die Börse.

Das plant auch Bernotat - zum zweiten Mal. Der einstige Shell-Manager möchte die nächste Tranche möglichst noch vor der Post-Emission platzieren. Doch Ulrich Hartmann (61), Vorstandsvorsitzender des Stinnes-Mehrheitseigners Veba, erwägt eine Verschiebung ins kommende Jahr. Dann, so hofft er, ermöglicht ihm die geplante Reform von Finanzminister Eichel einen steuerfreien Verkauf.

Die Aussichten für den Stinnes-Börsengang Nummer zwei sind gar nicht einmal schlecht. Seit Mitte September hat der Kurs des MDax-Novizen um 30 Prozent zugelegt.

Ende März wird Bernotat für 1999 ein Rekordergebnis verkünden (ein Plus von mehr als 20 Prozent gegenüber dem Vorjahr). Und der Turnaround der maroden Baustoffsparte ist geschafft: 1998 wurden 48 Millionen Mark Verlust erwirtschaftet, nun werden plus 30 Millionen ausgewiesen. Für rund eine Milliarde Mark will Bernotat das Geschäft noch in diesem Monat an die Münchener Handelsgenossenschaft Baywa verkaufen.

Das Geld wird nicht lange in der Kasse bleiben. Bernotat ist an der Viag-Stahlhandelstochter KlöCo interessiert (Preis: 600 bis 800 Millionen Mark). Im Veba-Viag-Kern ist für die Firma kein Platz mehr. Viag-Chef Wilhelm Simson (61) hat bereits die Deutsche Bank mit einem Verkaufsprospekt beauftragt.

Viel Geld und Nerven will Berno- tat zudem ins E-Business stecken. Seine Führungskräfte hat er verdonnert, detaillierte Online-Pläne vorzulegen. Starttermin für die ersten Projekte: 15. Mai. Damit der Prozess künftig besser gesteuert wird, will Bernotat als Ersatz für den zur Deutschen Bahn wechselnden Stinnes-Vorstand Bernd Malmström (58) eine Art obersten Internet-Manager einkaufen. Moderner und schlanker soll der Traditionskonzern am Ende dastehen. Von den einst 18 Geschäftsbereichen bleiben nur noch drei: Verkehr, Chemiedistribution, Werkstoffe.

Ganz hat Modernisierer Bernotat den Respekt vor der Stinnes-Tradition allerdings nicht verloren. Das Wiesbadener Luxushotel "Nassauer Hof" mit seinem Nobelrestaurant "Ente" jedenfalls steht vorläufig nicht zum Verkauf. Firmenpatriarch Hugo persönlich hatte das Anwesen erworben, vor 77 Jahren.

Arno Balzer/Dietmar Student

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