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Schnelle Immobilie

Der S 55 ist die größte Limousine aus dem Programm des Mercedes-Tuners AMG. Tester Werner Marnette empfand das geräumige Prunkstück als temperamentvoll, aber klobig.
aus manager magazin 2/2001

Am meisten sorgt sich Werner Marnette um den Eindruck, den er als Testfahrer des Mercedes S 55 AMG bei seinen Mitarbeitern hinterlassen könnte. "Wir sind ein kostenbewusstes Unternehmen", sagt er mehrfach, während er das Prunkstück der Daimler-TuningTochter vorsichtig über das 10 000 Hektar große Betriebsgelände der Norddeutschen Affinerie steuert. "Da muss ich als Vorstandsvorsitzender Zeichen setzen fürs Maßhalten."

Im Alltag versucht er das, indem er einen BMW 740 als Dienstwagen fährt. Der ist, genau genommen, nicht kleiner als die Mercedes-S-Klasse. Doch Marnette besteht darauf: "Mein Auto wirkt nicht so wuchtig." Immerhin basiert der Testwagen auf der Modellversion mit langem Radstand.

An der Ausstattung des AMG stört ihn vor allem, dass "außen so viel drangepackt ist": die auffällige Seitenschürze unter den Türen zum Beispiel, der massige Frontspoiler und die dicken Auspuff-Endrohre.

"Bei filigraner Streckenführung hat der Fahrer viel zu tun", kritisiert Marnette, während er die Limousine durch das Strangguss-Depot der Hamburger Affinerie zirkelt. Zwischen den teilweise übermannshohen Stapeln edel glänzender Kupferzylinder haben die Lageristen nur schmale Gassen gelassen, angelegt für ihre wendigen Radlader.

Auch draußen, in den engen Kurven zwischen den Marsch-Höfen am Südufer der Elbe, stöhnt Werner Marnette über "die Behäbigkeit des großen Schiffs", das er zu steuern hat. "Klar", sagt der gebürtige Rheinländer mit unverkennbarem Zungenschlag, "auch das raffinierteste Tuning-Paket des nobelsten deutschen Automobilherstellers kann die elementare Physik nicht außer Kraft setzen." Und die sagt: "Masse ist träge."

Der S 55 AMG wiegt leer schon über 1900 Kilo. Voll besetzt, beladen und betankt wie bei der Probefahrt, kommen dann knapp zweieinhalb Tonnen zusammen. "Jedes Mal, wenn der Fahrer Einfluss nimmt, muss diese Masse umgelenkt, beschleunigt und abgebremst werden", gibt der promovierte Metallurge zu bedenken.

Andererseits räumt er ein, dass die hoch gerüstete Technik der Testwagen-Sonderausstattung jede erdenk-liche Hilfe leistet. Vor allem das Parktronic-System zur Abstandsmessung beim Ein-parken und die Distronic zum automatischen Abstandhalten während der Fahrt imponieren dem 55-Jährigen als "maßgeblicher Fortschritt und Sicherheitsgewinn".

Auch der V-8-Zylinder-Motor, der in der AMG-Version 360 PS leistet, bekommt zunächst Lob von Werner Marnette: "Man braucht das Gas-pedal nur zu kitzeln, schon setzt selbst diese schwere Karosse zum Sprung an." Auf der Autobahn genießt er das Gleiten, das harmonische Zusammenspiel von Antrieb, Tempomat und Distronic. "Plötzlich verliert unser Gefährt all seine Plumpheit", freut sich der Testfahrer.

Jenseits der 200 Stundenkilometer empfindet Werner Marnette den Motorsound als Belästigung. Der Motor ist von AMG deutlich rauer und kerniger konzipiert als in der auf Dämpfung bedachten Standard-S-Klasse. Obendrein sind ihm dann die Wind- und die Rollgeräusche der Reifen zu laut.

Unzeitgemäß findet Werner Marnette den hohen Verbrauch - am Ende der Testfahrt vom Bordcom-puter mit über 18 Litern je 100 Kilometer berechnet: "Angesichts der Ressourcenknappheit sollte ein neu entwickeltes Auto nicht mehr als zehn, höchstenfalls zwölf Liter Benzin schlucken."

So fällt seine Bilanz durchwachsen aus. Unser Testfahrer lobt nutzerfreundliche Details wie die vielfach verstellbaren Einzelsitze vorn und hinten, die optimal regelbare Klimaanlage und immer wieder die verschiedenen Abstand-Warnsysteme.

Zugleich sagt Werner Marnette: "Eine solch geballte Ladung Technik ist zu viel des Guten." Für ihn hat die S-Klassen-Limousine selbst nach der Temperamentaufbesserung durch AMG "noch zu viel vom Charakter einer Immobilie". Den Luxus, den sie bietet, könnte der Metallverhütter nur "bei deutlich besseren ökologischen Werten" akzeptieren.

Michael O. R. Kröher

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Probleme im Parkhaus

Der Mercedes S 55 AMG strotzt vor Kraft. Im Alltag machen Gewicht und Größe aber zu schaffen.

mm-Testresümee: Für eingefleischte Benz-Fahrer bietet der S 55 AMG sicher die üppigste Kombination aus Luxus und Temperament. Der getunte V-8-Zylinder-Motor liefert das höchste Drehmoment aller Mercedes-Limousinen - und 34 PS mehr als der größte BMW aus der 7er-Reihe.

Wer rund eine Viertelmillion Mark ausgeben kann, der findet hier ein Maximum technischer Sonderausstattung - von der Abstandhalte-Automatik über sprachbedienbare Navigations- und Kommunikationssysteme bis zur elektronischen Reifendruck-Kontrolle. Die ebenfalls teuren Einrichtungsextras - darunter elektrisch verstellbare Ledersitze, auch hinten - lassen an Komfort nichts zu wünschen übrig.

Die Schwächen offenbart der S 55 AMG schon im erstbesten Flug-hafenparkhaus: Das Schlachtschiff kommt nur knapp um die Kurven, der Ausgabeschlitz am Ticketautomaten bleibt nahezu unerreichbar, auch für Fahrer mit langen Armen.

Fast jede markierte Parklücke ist zu klein, die Türen gehen kaum noch auf. Bei der Ausfahrt schiebt und kippt das Zwei-Tonnen-Gefährt stark auf das äußere Vorderrad - trotz gestraffter Federung und teuren AMG-Fahrwerken.

Nahe der Höchstgeschwindigkeit macht das hohe Gewicht ein zu-sätzliches Problem: Zwar gehört zur AMG-Grundausstattung die verstärkte V12-Bremsanlage. Doch die vielen Zentner an Hightech-Extras verlängern dann auch den Bremsweg - bis in die kritische Zone.

Technik: Heckgetriebene Reiselimousine mit V-8-Motor; 360 PS aus 5439 ccm Hubraum, 5-Gang-Automatik.

Fahrwerte: Beschleunigung von 0 auf 100 km/h in 6,0 Sekunden, Höchst-geschwindigkeit 250 km/h (elektronisch abgeregelt).

Verbrauch (nach EU-Norm): 19,8/ 9,5/13,4 l je 100 km.

Grundpreis: 200 000 Mark.

Serienausstattung (Auswahl): ESP inklusive ABS, ASR, Metallic-Lackierung, 18-Zoll-Leichtmetallräder, Lederpolster, pneumatisch klappbare Nackenstützen im Fond.

Sonderausstattung: (Auswahl): Distronic (4500 Mark), Servo-Türschließer (1150 Mark), Navigator (4900 Mark), TV (1900 Mark), Parktronic (1400 Mark), Reifendruck-Kontrolle (1160 Mark), Komfortsitze (1400 Mark), AMG-Styling (9200 Mark).

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