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Schlamperei

Marseille-Kliniken: Ein seltsamer Umgang mit Informationen, die den Aktienkurs beeinflussen können.
aus manager magazin 1/2003

Die eigenen Aktionäre und die Öffentlichkeit zeitnah und dann auch noch wahrheitsgemäß zu informieren, das kann manchmal ziemlich lästig sein.

Besonders schwer tut sich in dieser Disziplin der Altenheimbetreiber Marseille-Kliniken AG - jene Gesellschaft, die dem höchst umstrittenen Unternehmer und Hobbypolitiker ("Schill-Partei") Ulrich Marseille (47) mehrheitlich gehört.

Positive Meldungen kommen zügig, mit unangenehmen Nachrichten lässt sich das im Börsensegment S-Dax notierte Unternehmen gern Zeit.

Am 3. September 2002 kündigte der Vorstandsvorsitzende Wilhelm Hecker (50) fristlos - ohne Zweifel eine Tatsache, die den Börsenkurs beeinflussen kann und deshalb gemäß Wertpapierhandelsgesetz "unverzüglich" in Form einer Ad-hoc-Meldung zu veröffentlichen ist.

Laut Marseille-Geschäftsbericht war Hecker bis zum 10. September im Amt. Erst abermals eine volle Woche später, am 17. September, wurde in dürren Worten mitgeteilt, dass die Marseille-Kliniken AG und Hecker "ihre Zusammenarbeit beendet" hätten. Finanzvorstand Axel Hölzer (39) habe das Amt des Vorsitzenden übernommen. Mit dieser Meldung sei die Informationspflicht "ausreichend erfüllt", gibt Hölzer zu Protokoll.

Fragwürdig - ebenso wie ein anderer Fall. In der Hauptversammlung am 26. November musste ein neues Aufsichtsratsmitglied gewählt werden. Zum 1. Februar 2002 war der frühere Bundesarbeitsminister Norbert Blüm (67) zurückgetreten.

Die Neubesetzung des Postens zog sich. Ulrich Marseille schmückt sein Unternehmen gern mit schillernden Namen, verbunden mit möglichst beeindruckenden Titeln. Gewählt wurde in der Hauptversammlung, wie das Unternehmen per Pressemitteilung verbreitete, "der Universitäts-Professor und Vorstandsvorsitzende der MWG Biotech AG, Prof. Dr. med. Matthias P. Schönermark (38)".

Zwar kam die Meldung unverzüglich - es war ja auch keine schlechte Nachricht; doch sie war fehlerhaft. Die Ehrfurcht heischende Anhäufung von Titeln stimmte nur zum Teil. Bereits zwei Wochen zuvor hatte MWG Biotech mitgeteilt, Schönermark werde am 15. November ausscheiden. Übrigens war der Firma die Trennung von ihrem Chef - anders als der Marseille-Kliniken AG im Fall Hecker - eine prompte Ad-hoc-Meldung wert.

Schönermark, Anfang Dezember von manager magazin mit der unkorrekten Marseille-Meldung konfrontiert, sprach von einer "Schlamperei". Er werde auf Korrektur drängen. Allerdings war die fehlerhafte Pressemitteilung auch weiterhin, mindestens bis zum 15. Dezember, im Internet-Auftritt der Marseille-Kliniken AG nachzulesen.

Steht wirklich nur Nachlässigkeit hinter verspäteter oder unrichtiger Information? Oder hat diese Art der Öffentlichkeitsarbeit Methode? Ein weiterer Fall mag Aufschluss geben.

Unmittelbar nach der Hauptversammlung am 26. November kam der Aufsichtsrat zusammen. In dieser Sitzung gab Hans Ulrich Gruber (65) den Vorsitz an Ulrich Marseille ab.

Zu diesem Wechsel gab es bis zum 15. Dezember weder eine Presseerklärung noch eine Ad-hoc-Meldung. Lediglich in der Internet-Darstellung des Unternehmens wurde die Änderung der Funktionen in aller Stille nachvollzogen - aber auch erst zehn Tage nach der Sitzung.

Die Heimlichtuerei hat womöglich einen Grund. Die Rückkehr von Ulrich Marseille, bis Dezember 1999 Vorstandschef, in eine Schlüsselposition des Unternehmens dürfte bei etlichen Aktionären und Kreditgebern erhebliche Störgefühle auslösen.

Der Mann galt in der Vergangenheit als Hauptverantwortlicher für Negativschlagzeilen, für einen atemberaubenden Umschlag von Personal und für eine Flut von Rechtshändeln.

Ausgerechnet dieses Mensch gewordene Geschäftsrisiko verfügt künftig über eine Machtposition wie kaum ein anderer Aufsichtsratschef in Deutschland. Vor wenigen Monaten erließ das Kontrollgremium für den Vorstand eine neue Geschäftsordnung, die den Aufsichtsrat übermäßig stärkt, die Handlungsfähigkeit des Managements aber fast bis zur Entmündigung einengt.

Der Katalog der Geschäfte, für die der Vorstand die vorherige Zustimmung des Aufsichtsrats einholen muss, ist ähnlich streng gefasst wie die Hausordnung eines Heims für schwer Erziehbare.

Nicht budgetierte Ausgaben von mehr als 100 000 Euro sind genehmigungspflichtig. Dasselbe gilt für Spenden von über 2500 Euro, auch für die Einstellung von Mitarbeitern mit Jahresgehältern von über 75 000 Euro. Nicht einmal Berater- oder Anwaltshonorare darf der Vorstand eigenverantwortlich vereinbaren, wenn sie über 10 000 Euro pro Jahr liegen.

Zudem muss der Vorstand dem Aufsichtsratspräsidium regelmäßig Bericht über den Geschäftsverlauf erstatten - nicht quartals- oder monatsweise, sondern wöchentlich.

Kaum anzunehmen, dass eine solche Gängelung den Intentionen des Aktiengesetzes (Paragraf 76: "Der Vorstand hat unter eigener Verantwortung die Gesellschaft zu leiten") entspricht. Dem bis September amtierenden Vorstandschef Hecker dürfte die Geschäftsordnung den letzten Anstoß zur Kündigung gegeben haben.

Heckers Nachfolger Hölzer hingegen, seit 1995 treu ergebener Diener Ulrich Marseilles und nun endlich Vorstandschef, mag nur Positives in den neuen Regeln sehen. Sie setzten die "vom Corporate-Governance- Index geforderte Stärkung des Berichtswesens" um. Und: "Wir sehen die Geschäftsordnung als innovativ und zeitgemäß an."

Ulrich Marseille als Leitfigur in Sachen Unternehmenskultur? Arme Deutschland AG.

Sören Jensen

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