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Kolumne Schlag ins Kontor

Die Finanzkrise hat mein Bild von der Marktwirtschaft infrage gestellt.
aus manager magazin 12/2008

Für mich als überzeugten Marktwirtschaftler sind die Finanzkrise und ihre dramatischen Folgen für die Wirtschaft ein Schlag für mein Weltbild. Noch vor wenigen Monaten hätte ich mit Überzeugung den Standpunkt vertreten, dass man die Dinge dem Markt, ja sogar den Bankern überlassen sollte. Heute bin ich mir da nicht mehr so sicher. Während des Zusammenbruchs von Lehman Brothers war ich in New York und habe seither viele Länder in Europa und Asien bereist. Ich habe mit den verschiedensten Leuten gesprochen sowie manches erlebt. Das meiste davon ist mehr als erstaunlich, meine eigene Naivität als Anleger eingeschlossen. Ich bin zwar studierter Volkswirt, jedoch beruflich nicht mit volkswirtschaftlichen, finanz- oder geldpolitischen Fragen befasst, sodass ich mich auf diesen Gebieten nicht als Fachmann bezeichnen kann. Insofern sind mein Unwissen und meine Naivität vielleicht unvermeidlich, allerdings, wie ich festgestellt habe, sehr weit verbreitet. Die Wirtschaft, so habe ich fast den Eindruck, versteht sich selbst nicht mehr.

Fangen wir mit einigen Erlebnissen an. Viele Anleger kennen sogenannte Exchange Traded Funds (ETFs) oder Exchange Traded Commodities (ETCs). Diese Produkte werden von den Banken täglich in großer Zahl verkauft. Beim ETC für Gold kauft die das Zertifikat herausgebende Bank die entsprechende physische Menge Gold und lagert es ein. Das ist, was dem Anleger gesagt wird. Als Lehman Brothers pleiteging, fragte ich sowohl bei meiner Bank in Deutschland als auch bei meiner Bank in New York nach, was denn mit dem Gold im Falle des Bankrotts des Zertifikateemittenten passiere. Die entscheidende Frage war, ob es zur Konkursmasse gehöre oder ein getrenntes Sondervermögen sei, auf das ich als Anleger weiterhin vollen Zugriff habe. Ein, wie ich finde, nahe- liegender Punkt. In New York war ich in der Bank, und der ETF/ETC-Spezialist des Hauses wurde hinzugerufen. Er konnte die Frage nicht beantworten. In Deutschland dauerte es zwei Tage, bis ich eine verbindliche Antwort erhielt (mein Zertifikat war getrennt bilanziert). Offensichtlich wissen die Banker selbst bei einem einfachen Produkt, das sie ihren Kunden täglich tausendfach andienen, nicht, was sie verkaufen. Und ich als Anleger war so naiv, diese entscheidende Frage nicht von Anfang an zu stellen. Zu jeder Transaktion gehören zwei. Der Kunde ist Teil des Problems.

In Paris erklärt mir ein Vorstand einer großen französischen Bank, dass die Käufer von Subprime-Zertifikaten sich vertraglich verpflichten mussten, nicht die Einzelobjekte zu prüfen, die hinter den gebündelten Hypotheken steckten. Kann man das glauben? Lauter schlaue Leute kauften also Katzen im Sack beziehungsweise verließen sich blind auf die Rating-Agenturen. Wie ist solche Naivität in derartigen Größenordnungen zu erklären? Wiederum haben wir es hier mit einem Verhalten zu tun, das sich normalem Vorstellungsvermögen entzieht.

Doch meines Erachtens gehen die Fragen viel tiefer. Ich bezweifle, dass es irgendeinen Finanzminister, Zentralbankpräsidenten, Banker oder Wirtschaftswissenschaftler gibt, der die Risiken auch nur annähernd durchschaut. Das hält die diversen Experten aber keineswegs davon ab, Ursachen genau zu erklären, Prognosen bis auf eine Stelle hinter dem Komma für das nächste Jahr abzugeben, die weiteren Folgen vorherzusagen oder zu erklären, dass es sich keineswegs um eine Krise der Marktwirtschaft handle. Verstehen moderne Wirtschaftswissenschaftler überhaupt noch, was Wirtschaft in der Substanz ist? Oder verwechseln sie Wirtschaft mit einem System mathematischer Formeln und Gleichgewichtsbedingungen? Ich habe in der Zeit des Übergangs zwischen "klassischer" und "mathematischer" Volkswirtschaftslehre an einer sehr quantitativ-theoretisch orientierten Fakultät studiert. Ich bin nicht überzeugt davon, dass moderne Volkswirte Wirtschaft verstehen. Ich zweifle auch, ob sie wissen, was Geld ist. Der amerikanische Dollar möge als mein Zeuge dienen. Über fast zwei Jahrhunderte und mit nur kurzen Unterbrechungen im Krieg von 1812 bis 1814 und nach dem Bürgerkrieg Mitte der 1860er Jahre war der Dollar vor allem durch Gold gedeckt und behielt seinen Wert. Seit Abschaffung der Golddeckung im Jahr 1971 hat er rund 75 Prozent seines Wertes gegenüber dem Gold verloren (und etwa die gleiche Prozentzahl gegenüber dem Schweizer Franken). Muss einem das nicht zu denken geben?

Das Subprime-Desaster ist meines Erachtens zwar Auslöser, aber keineswegs wirkliche Ursache der heutigen Krise. Diese Ursache dürfte vielmehr in der ungebremsten Geldvermehrung der letzten Jahrzehnte, vor allem in den USA, liegen. Greenspan & Co. bekämpften jede Krise, indem sie die Notenpresse schneller laufen ließen. Und im Moment rotiert diese Presse eifriger denn je. Die Inflation lässt grüßen, selbst wenn es kurzfristig deflationäre Tendenzen geben mag. Mehr als nachdenklich stimmt mich ein Buch, das ich gerade lese. Es trägt den Titel "Gold - The Once and Future Money". Ich weiß nicht, ob der Autor mit diesem Titel recht behält. Eines aber weiß ich: Die laufende Krise hat mein Bild von Wirtschaftswissenschaftlern, Bankern, Finanz- und Geldpolitikern massiv in Mitleidenschaft gezogen. u

Prof. Dr. Hermann Simon ist Chairman der Unternehmensberatung Simon, Kucher & Partners.

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