Rekordgewinn bei Hapag-Lloyd Warum Reeder weniger als ein Prozent Steuern zahlen

Ein satter Milliardengewinn, doch die Steuerlast liegt bei unter einem Prozent? In der Schifffahrt ist das möglich, denn hier wird nach Tonnage besteuert. Nach dem Rekordergebnis der Reederei Hapag-Lloyd sorgt das für Diskussionen.
Profiteur der Corona-Krise: Rekordjahr für die Reederei Hapag-Lloyd

Profiteur der Corona-Krise: Rekordjahr für die Reederei Hapag-Lloyd

Foto: Marcus Brandt / dpa

Die Reederei Hapag Lloyd hat im vergangenen 9,4 Milliarden Euro Gewinn gemacht, aber nur 61,3 Millionen Euro Steuern gezahlt. Eine Steuerlast von unter 0,65 Prozent, das sei lächerlich, sagt der Hamburger Linken-Abgeordnete Norbert Hackbusch (67) und sieht darin einen "himmelschreienden Skandal".

Wie kann es sein, dass ein Unternehmen so wenig Steuern zahlt? Grund ist eine Sonderregelung, die es seit mehr als zwei Jahrzehnten Jahren in der Schifffahrt gilt.

Ende der 90er-Jahre wurde die sogenannte Tonnagesteuer, die korrekterweise eigentlich Tonnagegewinnermittlung genannt werden müsste, in Deutschland eingeführt. Der hiesige Standort für die Handelsschifffahrt sollte durch eine Senkung des Steuerniveaus im internationalen Wettbewerb attraktiver werden, im Gegenzug sollten wieder deutlich mehr Schiffe unter deutscher Flagge fahren. Beides gelang – und Reedereien konnten unter bestimmten Voraussetzungen erreichen, dass ihr Gewinn nicht mehr als Maßstab für die Besteuerung herangezogen wurde, sondern stattdessen die Größe ihrer jeweiligen Schiffe.

Das führte zwar dazu, dass auch in schlechten Zeiten, wenn zum Beispiel aus dem Betrieb eines Schiffes kein Gewinn erzielt wird, Steuern zu zahlen sind, doch die Steuerlast in guten Zeiten im Vergleich zum erzielten Gewinn sehr gering ausfallen kann. Und das traf nun ganz besonders im Jahr 2021 zu. Störungen bei den Lieferketten aufgrund der Covid-19-Pandemie und knappe Kapazitäten führten zu stark gestiegenen Frachtraten und damit zu deutlich höheren Gewinnen für die Reedereien.

So auch bei Hapag-Lloyd, mit mehr als 250 Containerschiffen der deutsche Branchenriese. Die Reederei gab kürzlich bekannt, für 2021 mit insgesamt 6,3 Milliarden Euro das Zehnfache der Vorjahresdividende ausschütten zu können. Während also der Fiskus dank der Tonnageregelung weitgehend leer ausgeht, freuen sich die Großaktionäre, darunter unter anderem Klaus-Michael-Kühne (84), der allein durch die Hapag-Beteiligung sein Vermögen um weitere knapp 1,9 Milliarden Euro vermehren kann.

Staatsfonds aus Katar und Saudi-Arabien kassieren

Die gleiche Summe geht an die CSAV Germany Container Holding, die ebenso wie Kühne 30 Prozent an Hapag-Lloyd hält. 2014 fusionierten die Container-Sparten der deutschen und der chilenischen Reederei. Als weitere Anteilseigner profitieren die Staatsfonds aus Katar und Saudi-Arabien von der hohen Dividende – quasi auf Kosten des Fiskus.

Auch die Stadt Hamburg streicht eine beachtliche Summe ein: rund 875 Millionen Euro dürften dank einer 13,9-Prozent-Beteiligung an der Reederei an die Hansestadt fließen. Der Einstieg bei der am noblen Hamburger Ballindamm residierenden Großreederei im Jahr 2009 scheint sich also in Kombination mit steigenden Börsenkursen der Hapag-Aktie zu rentieren. Doch insgesamt verliert der Staat wegen der Tonnage-Regel etwa drei Milliarden Euro an potenziellen Steuereinnahmen.

Für das laufende Jahr könnte ein ähnliches Szenario eintreten. So erwartet der niederländische Hapag-Lloyd-Chef Rolf Habben Jansen (55), dessen Vertrag an der Spitze der Traditionsreederei kürzlich um fünf Jahre verlängert wurde, zumindest im ersten Halbjahr 2022 trotz steigender Treibstoffpreise weiter "eine sehr starke Ergebnisentwicklung".

Hinzu kommt die sich wieder verschärfende Coronalage in China mit erneuten Lockdowns in großen Städten und Häfen. Die Aktie der Containerreederei stieg in dieser Woche nach entsprechenden behördlichen Maßnahmen in Shenzhen und Shanghai um rund 15 Prozent.

Solange die Politik also an der für die Reedereien attraktiven Tonnagegewinnermittlung nichts ändert, werden von den Erfolgszahlen Hapag-Lloyds auch im kommenden Jahre wohl vor allem die verschiedenen Großaktionäre und kaum der Staat profitieren.

Auch Logistikaktivitäten profitieren

Kritiker bemängeln darüber hinaus schon länger, dass von der Sonderregelung in der Schifffahrt zunehmend auch Logistikaktivitäten von der Zollabfertigung bis zur Lagerung von Waren im Hafen profitieren. Die reguläre Körperschaftsbesteuerung werde dadurch vermehrt umgangen. Auch der Bundesrechnungshof monierte darüber hinaus immer wieder, dass der Staat in der Schifffahrt auf viele Einnahmen verzichtet, doch die jeweilige Bundesregierung verwies stets auf die positiven Auswirkungen – auch auf andere Branchen.

So sieht derzeit alles nach einem weiteren Fortbestand der Tonnagesteuer aus. Deren Erfolg zeigt sich auch daran, dass viele andere europäische Länder die Regelung mittlerweile übernommen haben. Eine alleinige Abkehr davon macht es nun schon allein aus Wettbewerbsgründen schwer, denn sie würde den deutschen Schifffahrtsstandort stark gefährden.