Airlines scheuen Prognosen Rüttelflug für Ryanair und Lufthansa

Hohe Spritpreise, Ukrainekrieg und Corona-Nachwirkungen setzen Europas Airlines derzeit zu - trotz des jüngsten Reisebooms. Wann schaffen es Ryanair und Lufthansa wieder zurück in die schwarzen Zahlen?
Durchgerüttelt: Ryanair CEO Michael O'Leary will sein Unternehmen wieder in die Gewinnzone bringen

Durchgerüttelt: Ryanair CEO Michael O'Leary will sein Unternehmen wieder in die Gewinnzone bringen

Foto: JUSTIN TALLIS / AFP

Steigende Kerosinpreise, Krieg in der Ukraine und Warnungen des Bundesgesundheitsministers Karl Lauterbach (59) vor einer möglichen neuen Coronavariante im Herbst stellen europäische Fluggesellschaften vor Unsicherheiten. Dabei waren die Unternehmen gerade erst dabei, aus den roten Zahlen herauszufliegen.

So hat Europas größte Billigfluggesellschaft Ryanair ihre Verluste deutlich eindämmen können. Der Nettoverlust des Unternehmens schrumpfte für das Ende März abgelaufene Geschäftsjahr 2021/22 von rund einer Milliarde Euro im Vorjahr auf 355 Millionen Euro, wie die Airline am Montag mitteilte. Analysten hatten im Schnitt mit einem etwas höheren Fehlbetrag gerechnet.

Diesen Kurs will das Unternehmen auch weiterhin halten. Nachdem sich der Umsatz auf rund 4,8 Milliarden Euro fast verdreifachte, will das Unternehmen im laufenden Geschäftsjahr wieder in die Gewinnzone zurückkehren. Der Vorstandsvorsitzende Michael O'Leary (61) hatte Ende März gesagt, dass er einen Gewinn von mindestens einer Milliarde Euro anstrebe.

Doch ob er sein Ziel einhalten kann, ist ungewiss. Aktuell hält sich die Fluggesellschaft mit Prognosen für das laufende Jahr wieder mehr zurück. Die Buchungen für den Sommer boomten zwar, die Nachfrage werde aber laut Ryanair durch eine Reihe von Faktoren beeinträchtigt. Das Wachstum werde vor allem durch die Covid-19-Pandemie und Russlands Angriff auf die Ukraine bedroht. Angesichts des anhaltenden Risikos negativer Nachrichten zu diesen beiden Themen sei es laut Unternehmen fast unmöglich, eine vernünftige oder genaue Gewinnprognose abzugeben.

Unsicherheit belastet Ryanair

An der Börse in Dublin kam die fehlende Prognose für das laufende Jahr nicht gut an. Die Ryanair-Aktie verlor am Morgen rund 3,8 Prozent. Vor allem der derzeitige Anstieg der Treibstoffpreise könnte dem Unternehmen noch stark zusetzen. Infolge der internationalen Sanktionen gegen Russland wegen des Ukrainekriegs ist der Ölpreis und damit auch der Kerosinpreis stark gestiegen. Für das neue Geschäftsjahr bis Ende März 2023 habe das Unternehmen aber nach eigenen Angaben inzwischen 80 Prozent seines Treibstoffbedarfs preislich abgesichert.

Bereits Anfang April hatte Ryanair einige Eckdaten zum abgelaufenen Geschäftsjahr bekannt gegeben. In den zwölf Monaten bis Ende März zählte die Fluggesellschaft rund 97 Millionen Passagiere. Das waren rund dreieinhalb Mal so viele wie nach dem coronabedingten Geschäftseinbruch ein Jahr zuvor, aber immer noch über ein Drittel weniger als die 149 Millionen im letzten Jahr vor der Pandemie.

Die rasche Ausbreitung der Omikron-Variante des Coronavirus hatte die Erholung der Ticketnachfrage vor allem in den Monaten Dezember bis Februar zurückgeworfen. Nun hat sich die irische Fluggesellschaft zum Ziel gesetzt, im neuen Geschäftsjahr 165 Millionen Passagiere zu befördern.

Treibstoffpreise sorgen für Unsicherheiten

Für die Umsetzung könnten allerdings die Flugzeuge fehlen – Probleme bereitet dem Unternehmen derzeit wohl der Hauptlieferant des Unternehmens: Boeing. Ryanair-Chef O'Leary beschwerte sich am Montag in einem TV-Interview mit dem amerikanischen Nachrichtensender CNBC über das US-Unternehmen. "Boeing braucht einen Neustart im Management", sagte der CEO. Er sei besonders enttäuscht über späte Auslieferungen und schlechte Kommunikation. So habe sich der Hersteller nach abgebrochenen Verhandlungen im September vergangenen Jahres nicht mehr zu Lieferungen der Standard-Jets von Ryanair, der modernisierten Boeing 737 Max, gemeldet.

Ryanair ist in Europa einer der größten Abnehmer des Modells. Von den insgesamt 505 Jets der Sommer-Flotte stammen nur 29 von Lauda, einem Tochterunternehmen des Konkurrenten Airbus. Von der neuen Boeing 737 Max hatte Ryanair 210 Exemplare bestellt.

Doch trotz unsicherer Prognosen erwartet Ryanair weiterhin einen starken Sommer, da die Reisebeschränkungen aufgehoben seien und dies die Menschen ermutige, wieder zu fliegen. Zu den Ticketpreisen zeigte sich da Unternehmen "vorsichtig optimistisch". Diese dürften in der Hochsaison etwas über dem Niveau von 2019 liegen. Im aktuellen Quartal müsse Ryanair aber weiter mit Rabattaktionen locken, um die Nachfrage anzukurbeln. Trotz der hohen Inflation habe Ryanair demnach die Ticketpreise gesenkt, erklärte das Unternehmen. Im Schnitt kostete ein Ticket 27 Euro.

Bei Lufthansa steigen die Ticketpreise

Bei anderen Airlines müssen Kunden hingegen mit Preiserhöhungen rechnen. Nach Einschätzung von Europas größter Fluggesellschaft Lufthansa dürften die Ticketerlöse im weiteren Jahresverlauf mindestens um einen hohen einstelligen Prozentsatz höher liegen, als im Vorjahr. Das wäre auch mehr als vor der Pandemie im Jahr 2019.

Lufthansa steht, wie auch Ryanair, trotz deutlicher besserer Bilanz im Vorjahr noch immer in den roten Zahlen. Von Januar bis März verdoppelte sich der Umsatz gegenüber dem coronabedingt sehr schwachen Vorjahreszeitraum auf 5,4 Milliarden Euro, die Airline-Gruppe verzeichnete dennoch einen Verlust von 591 Millionen Euro. 2020 lag der Verlust bei rund einer Milliarde Euro.

Für das kommende Jahr will Lufthansa wieder hoch hinaus. Der Konzern, zu dem neben den deutschen Airlines Lufthansa und Eurowings noch Swiss, Austrian und Brussels Airlines gehören, will sein Flugangebot um 75 Prozent im Vergleich zum Jahr 2019 erhöhen. Eine genaue Prognose wagt der Vorstand aber auch hier wegen der zuletzt extremen Sprünge der Kerosinpreise nicht.

Rückkehr zum Vorkrisenniveau im Sommer?

Lufthansa-Chef Carsten Spohr (55) zeigte sich auf der virtuellen Hauptversammlung des Unternehmens in der vergangenen Woche jedoch optimistisch, möglicherweise schon vor 2025 wieder zu einem Angebot auf Vorkrisen-Niveau zu kommen. Der CEO verwies dabei auf die laufende Flottenerneuerung mit effizienteren Flugzeugen, verbesserte Kompensationsangebote für die Passagiere und den Einsatz nachhaltiger Kraftstoffe.

Auf mehr Effizienz setzt auch der TUI-Konzern, zu dem neben Kreuzfahrflotten auch die Fluggesellschaft TUIfly angehört. Beim Buchungsstand für die Hauptsaison liege der Konzern inzwischen bei 80 Prozent des Volumens aus dem Vor-Corona-Jahr 2019. «Der Boden für ein gutes Geschäftsjahr ist bereitet, und ich sehe uns auf sicherem Terrain», meinte der TUI-Chef Fritz Joussen (59) vor dem Start der Sommer-Reisesaison 2022. Angesichts des großen Risikos, dem Tui nach dem Abgang seines russischen Großaktionärs weiterhin ausgesetzt ist, sind das mutige Worte.  

Der deutsche Staat unterstützte TUI, wie auch Lufthansa, in der Pandemie mit Milliarden. Im Gesamtjahr 2021 lag das Minus des Konzerns noch immer im Milliardenbereich bei knapp 2,5 Milliarden Euro. 2020 hatte der Verlust wegen der Corona-Folgen bei 3,1 Milliarden Euro gelegen. Der Flug aus den roten Zahlen könnte demnach noch länger dauern als erhofft.

Mit Unterstützung von dpa/ AFP