"Sofortiger Lieferstopp aus Russland nicht ratsam" RWE schließt Pleiten von Vertragspartnern nicht aus

Der Energiekonzern RWE warnt vor den Risiken durch einen Stopp sämtlicher Energielieferungen aus Russland. Neue Lieferverträge für Gas, Kohle oder Öl will RWE mit Russland nicht mehr abschließen.
RWE-Kohlekraftwerk Neurath: Die älteren beiden Blöcke des Kraftwerks sollen bis Ende des Jahres vom Netz gehen

RWE-Kohlekraftwerk Neurath: Die älteren beiden Blöcke des Kraftwerks sollen bis Ende des Jahres vom Netz gehen

Foto: DPA

"Ich kann die Rufe nach maximaler Ausweitung der Sanktionen sehr gut nachvollziehen", sagte RWE-Vorstandschef Markus Krebber am Dienstag auf der Bilanzpressekonferenz in Essen. Europa und insbesondere Deutschland hätten in der Energieversorgung eine große Abhängigkeit von Russland. "Sanktionen müssen so gewählt werden, dass sie auch durchgehalten werden können." Bislang seien für RWE die Auswirkungen überschaubar. Dem Geschäftsbericht zufolge könnten sich die Folgen jedoch verschärfen.

"Obwohl RWE keinen Geschäftstätigkeiten in Russland und der Ukraine nachgeht, könnte eine weitere Eskalation des Konflikts und ein Abbruch der Lieferbeziehungen zu russischen Unternehmen spürbare Auswirkungen auf unsere Vermögens-, Finanz- und Ertragslage haben", hieß es. Der Konzern verwies darauf, dass russische Rohstofflieferanten wegen der Sanktionen gegen Russland ihren Verpflichtungen nicht mehr nachkommen könnten und RWE dann die Rohstoffe womöglich zu hohen Preisen am Markt beschaffen müsste. "Nicht auszuschließen ist, dass Vertragspartner wegen der Sanktionen insolvent werden."

Keine neuen Lieferverträge mit Russland

Neue Lieferverträge mit Russland werde der Versorger nicht abschließen, sagte Krebber. Dies gelte für Erdgas, Steinkohle und Öl. RWE gehört zu den Großkunden des russischen Gaskonzerns Gazprom und hat mit diesem einen langfristigen Liefervertrag. "Welche Auswirkungen die Ukraine-Krise auf den Kontrakt haben wird, ist unbestimmt", hieß es im Geschäftsbericht. "Sollte der Vertrag fortbestehen, haben wir die Möglichkeit, im Rahmen turnusgemäßer Preisrevisionen über Anpassungen der Konditionen an die aktuelle Marktlage zu verhandeln." In der Vergangenheit habe RWE so das Ergebnisrisiko wirksam begrenzt.

Ein sofortiger Stopp der russischen Lieferungen durch Deutschland hätte ungeahnte Folgen für die Wärmeversorgung der Haushalte, betonte Krebber, der 2021 die Führung des größten deutschen Stromkonzerns übernommen hatte. Zudem dürfte eine längere Lieferunterbrechung die Produktionsanlagen der Industrie und des Mittelstandes nachhaltig schädigen. "Es steht außer Frage: Der Energiemarkt wird sich ausgelöst von diesem Krieg fundamental ändern." Deshalb sei es richtig, die Energieversorgung auf eine breitere Basis zu stellen.

Deutschland bezieht rund 55 Prozent seines Erdgasbedarfs aus Russland. Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck hat sich gegen einen kompletten Stopp der Energielieferungen aus Russland ausgesprochen. Er will aber die Abhängigkeit verringern. Dabei setzt er unter anderem auf verflüssigtes Erdgas (LNG) sowie auf Importe aus Norwegen und den Niederlanden.

Konzern unterstützt Sanktionskurs

RWE will diesen Kurs laut Krebber unterstützen. Zugleich müsse die Energieversorgung abgesichert werden, schrieb er im Geschäftsbericht 2021. "Dazu prüfen wir, welche RWE-Kraftwerke als zusätzliche Back-up-Kapazitäten infrage kommen. Außerdem wirken wir bei der Diversifizierung der Gasbeschaffung mit."

Krebber legte am Dienstag auch die Bilanz 2021 vor und bekräftigte die Prognose für 2022. RWE erwartet im laufenden Jahr beim bereinigten Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) auf Konzernebene 3,6 bis 4,0 Milliarden Euro und ein bereinigtes Nettoergebnis zwischen 1,3 und 1,7 Milliarden Euro. "Die schwer absehbaren Folgen des Ukraine-Kriegs sind in der Prognose nicht berücksichtigt", erklärte Finanzchef Michael Müller. 2021 hatte RWE dank Zuwächsen im Handelsgeschäft und beim Betrieb von Kohle- und Gaskraftwerken sein bereinigtes Ebitda auf 3,65 (Vorjahr: 3,29) Milliarden Euro gesteigert. Der bereinigte Überschuss kletterte auf 1,57 (1,26) Milliarden Euro.

von Tom Käckenhoff und Christoph Steitz, Reuters