Geschäfte in Russland Diese Firmenlenker bringt der Ukraine-Krieg ins Dilemma

Aufsichtsratsposten, eigene Fabriken und Märkte, Beteiligungen an der Gasförderung: Die Verbindungen der deutschen Wirtschaft nach Russland sind vielfältig. Vielen Managern dürfte das jetzt Kopfzerbrechen bereiten. Einige prominente Beispiele.
Flirt mit dem Despoten: Österreichs ehemalige Außenministerin Karin Kneissl - heute im Aufsichtsrat von Rosneft - auf ihrer Hochzeit im Jahr 2018 beim Tanz mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin

Flirt mit dem Despoten: Österreichs ehemalige Außenministerin Karin Kneissl - heute im Aufsichtsrat von Rosneft - auf ihrer Hochzeit im Jahr 2018 beim Tanz mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin

Foto: ROLAND SCHLAGER / AFP

Geschäftliche Interessen kontra deutliche Distanzierung von Russland und seinem Angriffskrieg gegen die Ukraine – so lässt sich das Dilemma beschreiben, in dem sich derzeit zahlreiche Akteure aus Politik und Wirtschaft befinden. Prominentestes Beispiel hierzulande ist zweifellos Ex-Kanzler Gerhard Schröder (77, SPD), der seit Jahren für seine Nähe zum russischen Präsidenten Wladimir Putin (69) kritisiert wird (den er in einem berühmt gewordenen Zitat einmal als "lupenreinen Demokraten" bezeichnete).

Schröder ist Aufsichtsratschef beim staatlichen russischen Energiekonzern Rosneft und hat auch Führungspositionen bei den Pipeline-Projekten Nord Stream und Nord Stream 2 inne. Am vergangenen Donnerstag hatte er die Regierung in Moskau im Online-Netzwerk LinkedIn zwar aufgefordert, den Krieg in der Ukraine schnellstmöglich zu beenden. Von persönlichen Konsequenzen war aber nicht die Rede. Stattdessen geht Schröders Umfeld offenbar mehr und mehr auf Distanz zum Altkanzler: Nach Medieninformationen kehrt Albrecht Funk, seit mehr als 20 Jahren Büroleiter und Redenschreiber Schröders, seinem Chef den Rücken. Auch weitere Mitarbeiter des SPD-Politikers gäben ihre Posten auf, so die Berichte.

Dabei ist Schröder nicht der einzige Ex-Politiker, der inzwischen lukrative Posten in der russischen Wirtschaft bekleidet. Österreichs Ex-Bundeskanzler Wolfgang Schüssel (76) etwa sitzt seit 2019 im Aufsichtsrat des russischen Ölkonzerns Lukoil. Karin Kneissl (57), ehemalige Außenministerin Österreichs, sitzt im Aufsichtsrat des russischen Energiekonzerns Rosneft. Die Bilder von Putins Besuch auf Kneissls Hochzeit im Jahr 2018 gingen um die Welt.

Weder Schüssel noch Kneissl noch Schröder haben sich bislang von ihren Posten getrennt - anders als etwa Christian Kern (56), ebenfalls ehemaliger Kanzler Österreichs, Matteo Renzi (47), früherer Premierminister Italiens, oder Esko Aho (67), ehemaliger Premierminister Finnlands. Die drei zuletzt genannten legten in den vergangenen Tagen ihre Mandate bei russischen Konzernen nieder.

Business as usual? Diese Topmanager müssen sich entscheiden

Im Dilemma zwischen Geschäftsinteresse und politischer Verantwortung stecken nicht nur frühere Politgrößen. Zahlreiche deutsche Unternehmen betreiben florierende Geschäfte in oder mit der russischen Wirtschaft. Auch für sie stellt sich die Frage, wie sie mit der neuen Situation umgehen sollen, in der sich Russland unter Putin als Land entpuppt hat, das sich über das Völkerrecht hinwegsetzt, einen Angriffskrieg begonnen hat und nun zunehmend vom größten Teil der übrigen Welt isoliert wird.

In vielen Konzernzentralen dürften sich daher nun Topmanager die Köpfe zerbrechen. Hier einige prominente Beispiele:

Verantwortlich für 3400 Mitarbeiter in der Ukraine und mehr als 10.000 Mitarbeiter in Russland: Metro-Chef Steffen Greubel

Verantwortlich für 3400 Mitarbeiter in der Ukraine und mehr als 10.000 Mitarbeiter in Russland: Metro-Chef Steffen Greubel

Foto: Sepp Spiegl / imago images/sepp spiegl

Der Handelsriese Metro ist seit 2000 in Russland präsent. Bis heute hat die russische Metro-Sparte eigenen Angaben zufolge 93 Einkaufszentren in 51 Regionen des Landes eröffnet. Metro beschäftigt in Russland etwa 12.000 Personen. Zugleich ist Metro allerdings auch in der Ukraine präsent, wo der Konzern eigenen Angaben zufolge 26 Märkte mit etwa 3400 Mitarbeitern betreibt.

Ein Sprecher des Unternehmens verweist auf Anfrage des manager magazins vor allem auf die Sorge um die Beschäftigten in der Ukraine sowie deren Familien, der Kunden, Lieferanten und Geschäftspartner dort. Metro stehe an der Seite der Kräfte in Wirtschaft und Politik, die sich für eine friedliche Lösung des Konflikts einsetzen, teilt der Sprecher mit.

"Wir empfinden auch eine Verantwortung für unsere mehr als 10.000 Mitarbeiter in Russland (in 93 Märkten), die keine persönliche Verantwortung für die Aggression gegen die Ukraine tragen", so der Sprecher weiter. Über mögliche Auswirkungen auf das Russland-Geschäft solle nicht spekuliert werden. "Aber natürlich beobachten und bewerten wir die Rubel-Situation, unsere Lieferketten und mögliche Auswirkungen von Sanktionen."

Metro Russland sei im Kern geschäftlich eigenständig. Gehälter und Lieferanten würden über etablierte internationale Banken bezahlt, die derzeit nicht von den Sanktionen betroffen seien. "Der größte Teil des Sortiments wird im Inland in Russland bezogen. Wir sehen diesbezüglich keine Engpässe."

Lieferungen nach Russland gestoppt: Der Ukraine-Krieg kommt S.-Oliver-Chef Claus-Dietrich Lahrs bei der Expansion in die Quere

Lieferungen nach Russland gestoppt: Der Ukraine-Krieg kommt S.-Oliver-Chef Claus-Dietrich Lahrs bei der Expansion in die Quere

Als beim Modeunternehmen S. Oliver 2019 Claus-Dietrich Lahrs (58) das Ruder übernahm, war die Verwunderung in der Branche groß: Lahrs stieg bei Luxusmarken wie Boss, Louis Vuitton oder Dior auf - und jetzt ein "Provinzunternehmen" im günstigeren Preissegment? Lahrs hatte eine klare Vorgabe: den Umsatz verdoppeln und das Unternehmen dann verkaufen oder an die Börse bringen . Teil der Strategie dorthin ist auch eine Expansion in Russland. Doch wie steht es jetzt darum?

"Mit Unverständnis und Bestürzung verfolgen wir den russischen Einmarsch in der Ukraine und sind in Gedanken bei der ukrainischen Bevölkerung", teilt eine Sprecherin von S. Oliver auf Anfrage mit. Daraus habe S. Oliver bereits Konsequenzen gezogen.

Auch als Zeichen der Solidarisierung mit den jüngsten Entscheidungen der deutschen Bundesregierung würden bis auf weiteres die Lieferungen von Waren nach Belarus und Russland gestoppt, so die Sprecherin. "Unsere Partner sind bereits über diesen Schritt informiert." Nun beobachtet S. Oliver eigenen Angaben zufolge die Situation und hofft baldmöglichst wieder zu einem normalen Zustand der Zusammenarbeit zurückkehren zu können. Gleichzeitig werde versucht, Flüchtende aus der Ukraine mit Kleidung zu unterstützen.

800 Mitarbeiter in Russland, 40 in der Ukraine: Claas-Chef Thomas Böck

800 Mitarbeiter in Russland, 40 in der Ukraine: Claas-Chef Thomas Böck

Foto: Claas

Gäbe es eine Auszeichnung für "Deutschlands russischstes Unternehmen", dann wäre der Landtechnikhersteller Claas aus Harsewinkel in Ostwestfalen wohl ein Kandidat, meint die "Wirtschaftswoche" . Das Unternehmen produziert seit 2005 Mähdrescher in der russischen Stadt Krasnodar und beschäftigt dort inzwischen 800 Mitarbeiter. Und bei russischen Landwirten genießen die Erntehelfer aus der Fabrik in Krasnodar einen ausgezeichneten Ruf, so die "Wiwo". Das liege auch daran, dass Claas für eine dort produzierte Mähdrescher-Linie "als vaterländisches Unternehmen" anerkannt wurde, sagt Claas-Sprecher Wolfram Eberhardt.

Der Angriff Russlands auf die Ukraine gefährdet nun jedoch das Geschäft der Ostwestfalen, die in beiden Ländern aktiv sind. "In der Ukraine sind wir mit einem Vertrieb vertreten", so Sprecher Eberhardt auf Anfrage. "Die Lage unserer rund 40 Mitarbeitenden in der Ukraine steht für uns seit Tagen im Mittelpunkt."

Von einem Rückzug aus Russland kann bei Claas offenbar keine Rede sein – im Gegenteil. "Wir nutzen jetzt die verbleibenden Möglichkeiten, um den russischen Landwirten, mit Blick auf die kommende Ernte, Landmaschinen und wichtige Ersatzteile zur Verfügung stellen zu können", so Eberhardt. "Zur weiteren Entwicklung und möglichen wirtschaftlichen Auswirkungen spekulieren wir nicht, da hier gegenwärtig nur theoretische Überlegungen möglich sind."

Fünf Kraftwerke in Russland: Klaus-Dieter Maubach (59), CEO von Uniper

Fünf Kraftwerke in Russland: Klaus-Dieter Maubach (59), CEO von Uniper

Foto: Maxim Blinov / imago images/ITAR-TASS

Der Ölmulti BP trennt sich von seiner Beteiligung an Rosneft, Wettbewerber Shell beendet die Zusammenarbeit mit dem russischen Gasriesen Gazprom. Daran wird deutlich, wie stark die Verbindungen westlicher Unternehmen im für Russland so wichtigen Energiesektor ausgeprägt sind. Auch deutsche Energiefirmen sind in Russland aktiv. Uniper etwa bezeichnet das Land als einen seiner wichtigsten Märkte, in dem Energiegewinnung sowie -handel betrieben werde, und aus dem zudem Gas nach Europa importiert werde. So betreibe Uniper fünf Gas- und Kohlekraftwerke in verschiedenen Regionen Russlands.

Auf eine Anfrage, ob bereits Entscheidungen in Bezug auf die neue Situation seit dem Angriff Russlands auf die Ukraine getroffen worden seien, gab es von Uniper zunächst keine Antwort.

Drei Gasprojekte in Russland: Wintershall-Dea-Chef Mario Mehren

Drei Gasprojekte in Russland: Wintershall-Dea-Chef Mario Mehren

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Uwe Zucchi/ picture alliance / dpa

Auch der Öl- und Gaskonzern Wintershall Dea mit Hauptsitz in Celle ist in Russland aktiv, und das bereits seit mehr als 30 Jahren, wie es auf der Website heißt. So werde in Westsibirien gemeinsam mit Partnern Kohlenwasserstoff produziert. Zudem sei Wintershall Dea an drei Gas-Projekten an verschiedenen Standorten in Russland beteiligt. Eine Anfrage zu den Auswirkungen der aktuellen Entwicklung auf das Geschäft blieb zunächst unbeantwortet.

Wintershall-Dea-Chef Mario Mehren (51) äußerte sich zur Situation am Dienstag in einem Statement , das das Unternehmen auf seiner Website veröffentlichte. "Die Welt, in der wir leben, ist eine andere als noch vor wenigen Tagen", sagt er. "Der russische Präsident führt einen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Es herrscht Krieg im Herzen Europas, ich war und bin auch heute immer noch entsetzt und schockiert. Wir fühlen mit den Menschen in der Ukraine, die sich tapfer und unbeschreiblich mutig der Invasion entgegenstellen."

Zur Zukunft der Geschäfte in Russland legt sich Mehren nicht fest. Das Fundament der Arbeit in Russland sei "in den Grundfesten erschüttert worden", sagt er. "Der Vorstand von Wintershall Dea analysiert die Situation bereits sehr sorgfältig, einschließlich der rechtlichen Implikationen."

Beteiligung an Nord Stream I: Eon-Chef Leonhard Birnbaum

Beteiligung an Nord Stream I: Eon-Chef Leonhard Birnbaum

Foto: Roland Weihrauch / picture alliance/dpa

Der Energiekonzern Eon ist im Zusammenhang mit Russlands Angriff auf die Ukraine bereits in die Kritik geraten. EU-Nachbarn wie Polen fordern, nach der neuen Gas-Pipeline Nord Stream 2 auch den Import von russischem Erdgas über die ältere Pipeline Nord Stream 1 zu stoppen. Der Versorger Eon, der mit 15,5 Prozent an Nord Stream 1 beteiligt ist, hält jedoch dagegen: "Bei Nord Stream 1 handelt es sich um eine genehmigte und voll operative Gas-Importleitung", sagte ein Sprecher des Unternehmens der "Rheinischen Post". "Insgesamt sehen wir Nord Stream 1 regulatorisch vollkommen unterschiedlich zu den laufenden Diskussionen um die Nord Stream 2-Leitung, an der wir als Eon nicht beteiligt sind."

Sanktionen aus Washington: Nord-Stream-Geschäftsführer Matthias Warnig

Sanktionen aus Washington: Nord-Stream-Geschäftsführer Matthias Warnig

Foto: MAXIM SHEMETOV / AFP

Nord Stream ist für den Geschäftsmann Matthias Warnig (66) ebenfalls ein unangenehmes Thema. Warnig ist Vorsitzender der Geschäftsleitung der Nord Stream 2 AG, einer Tochterfirma der russischen Gazprom. Der von den USA im Zuge des Ukraine-Konflikts mit Sanktionen belegte Warnig hat sein Mandat im Aufsichtsrat des FC Schalke 04 jüngst bereits niedergelegt.

US-Präsident Joe Biden (79) hatte am Mittwoch vergangener Woche Strafmaßnahmen gegen die Betreibergesellschaft und deren Chef Warnig angekündigt. Das Finanzministerium in Washington erklärte, Geschäfte mit dem Betreiber Nord Stream 2 AG müssten innerhalb einer Woche beendet werden.

Autowerk in Kaluga: Volkswagen-Chef Herbert Diess

Autowerk in Kaluga: Volkswagen-Chef Herbert Diess

Foto: SASCHA STEINBACH / EPA-EFE

Auch die Autoindustrie gerät durch den Krieg in der Ukraine in die Bredouille . Volkswagen betreibt eine Fabrik in Kaluga, südlich von Moskau. BMW hat gerade erst die auslaufende Partnerschaft mit dem russischen Hersteller Avtotor bis 2028 verlängert, das Werk soll dort für umgerechnet 350 Millionen Euro erweitert werden. Mercedes-Benz betreibt seit 2019 in Esipovo bei Moskau eine eigene Fabrik; der russische Präsident Putin war damals extra zur Eröffnung gekommen, um nach Jahren der Flaute mal wieder eine Direktinvestition eines ausländischen Autobauers zu feiern. BMW teilte am Dienstag Abend mit, den Export nach Russland und auch die Fertigung dort einzustellen. In einer Erklärung verweist der deutsche Autobauer auf die geopolitische Lage.

Auf der anderen Seite sitzen in der Ukraine Zulieferer, von denen hiesige Hersteller vor allem Kabelbäume beziehen. Weil diese nun als Lieferanten ausfallen, mussten einige Werke in Deutschland bereits die Produktion stoppen.

Wie werden sich Volkswagen-Chef Herbert Diess (63) und seine Kollegen also künftig positionieren? Das scheint momentan noch nicht endgültig entschieden zu sein. Gegenüber dem "Business Insider"  erklärte ein VW-Sprecher am Montagmittag, in Russland laufe der Geschäftsbetrieb "aktuell geregelt". Bezüglich der weiteren Entwicklungen und etwaigen Konsequenzen auf die Geschäftstätigkeit in und mit Russland sei "eine valide Einschätzung zur Zeit schlicht nicht möglich".

Keine Zusammenarbeit mehr in Russland: Daimler-Truck-CEO Martin Daum

Keine Zusammenarbeit mehr in Russland: Daimler-Truck-CEO Martin Daum

Foto: Marijan Murat/ dpa

Immerhin, ein Automanager hat bereits eine klare Entscheidung getroffen: Martin Daum (62), Chef von Daimler Truck. Der weltgrößte Lastwagenbauer hat wegen des Ukraine-Krieges alle geschäftlichen Aktivitäten in Russland vorerst eingestellt.

Daimler Truck kooperiert nach eigenen Angaben seit 2012 mit dem russischen Lkw-Hersteller Kamaz, den es mit Teilen für zivile Fahrzeuge beliefert. Diese Lieferungen seien nun gestoppt worden. "Wir stehen als Unternehmen für eine friedliche globale Zusammenarbeit", sagte ein Sprecher. Das Unternehmen lehne jede Form vom militärischer Gewalt "kategorisch ab".

Dass das Thema nicht nur Politik und Wirtschaft beschäftigt, zeigt zudem Markus Gisdol (52). Der frühere Bundesligatrainer legte wegen des Angriffs auf die Ukraine sein Amt als Coach von Lokomotive Moskau nieder. "Fußballtrainer ist für mich der schönste Job der Welt", so Gisdol zur "Bild". "Ich kann meiner Berufung aber nicht in einem Land nachgehen, dessen Staatsführer einen Angriffskrieg mitten in Europa verantwortet. Das geht mit meinen Werten nicht überein."

Ein anderer deutscher Trainer scheint damit hingegen weniger Probleme zu haben: Gisdols Nachfolger bei Lok Moskau wird zunächst Marvin Compper (36), der früher unter anderem in Mönchengladbach, Hoffenheim und Leipzig kickte und sogar einen Auftritt in der deutschen Nationalelf hatte.