Neue Studie Nicht mal 9 Prozent der westlichen Firmen haben Russland verlassen

Nach Beginn des Ukraine-Krieges haben westliche Unternehmen ihren Rückzug aus Russland angekündigt. Doch mehr als 91 Prozent sind letztlich geblieben – und die meisten davon haben ihren Hauptsitz in Deutschland.
Verkauft: Nur wenige westliche Konzerne haben ihre russischen Tochtergesellschaften veräußert. Einer von ihnen ist die Café-Kette Starbucks, die seit dem Betreiberwechsel "Star Coffee" heißt

Verkauft: Nur wenige westliche Konzerne haben ihre russischen Tochtergesellschaften veräußert. Einer von ihnen ist die Café-Kette Starbucks, die seit dem Betreiberwechsel "Star Coffee" heißt

Foto: Dmitry Serebryakov / dpa

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Renault, McDonald's, Shell, Dr. Oetker, Nike, Starbucks – sie und noch viele mehr kündigten im vergangenen Jahr als Reaktion auf den russischen Einmarsch in der Ukraine ihren Rückzug aus Russland an. "Es gibt kein zurück", sagte Tengelmann-Inhaber Christian Haub (58) bereits kurz nach Kriegsbeginn dem manager magazin  – und verschenkte wenig später seine 27 Filialen an einen russischen Investor. So entstand der Eindruck, dass der Großteil westlicher Firmen die Geschäftsbeziehungen zum Kriegsverbrecher Russland im Laufe des Jahres kappte. Doch bis auf ein paar oft prominente Ausnahmen ist diese Annahme falsch, wie jetzt eine Studie  zeigt.

Tatsächlich hätten weniger als ein Zehntel der westlichen Unternehmen Russland wirklich verlassen, haben Forscher der schweizerischen Universität St. Gallen (HSG) und der Wirtschaftshochschule IMD herausgefunden. "Unsere Analyse zeigt, dass Ende November 2022 8,5 Prozent der EU- und G7-Unternehmen mindestens eine ihrer russischen Tochtergesellschaften veräußert hatten", schreiben die Studienautoren Simon Evenett und Niccolò Pisani. Vom Rückzug im großen Stil kann also keine Rede sein.

Für ihre Analyse haben die beiden Professoren – Evenett ist Handelsexperte an der HSG, Pisani hat seinen Schwerpunkt bei Globalisierungsthemen – umfangreiche Daten über Kapitalbeteiligungen ausländischer Unternehmen mit Hauptsitz in der Europäischen Union (EU) und den G7-Staaten gesammelt und überprüft, ob sich Veräußerungen von deren russischen Tochtergesellschaften nach dem Ausbruch des Ukraine-Kriegs bestätigten. Dabei stuften sie die Unternehmen sogar schon dann als "zurückgezogen" ein, wenn diese eine oder mehrere – aber nicht zwangsläufig alle – Tochtergesellschaften in Russland verkauft hatten.

Nur 120 Firmen haben Russland verlassen

Das Ergebnis: Von den 1404 Unternehmen mit Sitz in der EU oder in G7-Staaten, die vor der russischen Invasion insgesamt 2405 Tochterfirmen oder aktive Kapitalbeteiligungen in Russland besaßen, hatten sich neun Monate nach Beginn des Krieges gerade einmal 120 zurückgezogen. Aus Deutschland haben sich laut Studie insgesamt 14 Unternehmen zurückgezogen, darunter neben den oben genannten etwa die Deutsche Bank, Deutsche Telekom, Siemens, Vaillant oder Tönnies.

Das geringe Ausmaß des Rückzugs westlicher Firmen geht mit früheren Forschungsergebnissen der Kyiv School of Economics (KSE) einher, denen zufolge nur 5 Prozent von allen Unternehmen mit Sitz im Ausland Russland verlassen hätten. In ihrer aktuellen Studie schreiben Evenett und Pisanie, dass der Druck, die Geschäftsbeziehungen abzubrechen, besonders hoch bei Unternehmen aus EU- oder G7-Staaten sei. Von daher sei es nicht überraschend, dass der Anteil in ihrer Studie etwas höher ausfalle.

Insbesondere "Underperformer", also Firmen mit einer geringen Rentabilität, sowie Betriebe mit großen Belegschaften haben sich aus Russland zurückzogen. Schließlich machen die bestätigten Veräußerungen nur 6,5 Prozent des gesamten Gewinns vor Steuern aller EU- und G7-Firmen mit aktiver Geschäftstätigkeit in Russland aus, aber 15,3 Prozent der gesamten Beschäftigten. Gerade die Personalgröße könnte dazu beigetragen haben, dass die Unternehmen in der Öffentlichkeit stärker wahrgenommen werden, vermuten die Studienautoren.

Mehr US-Betriebe ziehen sich zurück

Grundsätzlich verließen der Studie zufolge mehr US-amerikanische Betriebe Russland als solche mit Sitz in der EU, Japan, Kanada, Großbritannien, Italien oder Frankreich. Insgesamt zogen sich 30 Unternehmen mit Sitz in den USA zurück, 15 aus Finnland, 14 aus Deutschland, 13 aus Großbritannien. Auffällig ist außerdem, dass gerade bei europäischen und japanischen Firmen, die sich zurückzogen, die Profitabilität häufig sehr gering war.

Insgesamt, so die Zählung der Professoren, sind 1284 der EU- oder G7-Firmen noch immer aktiv in Russland. Die meisten davon: aus Deutschland, nämlich rund 250. Die zweitmeisten, noch aktiven Firmen haben ihren Sitz in Zypern, wobei es hier laut der Studie oft wahrscheinlich ist, dass in Wahrheit russische Eigner dahinterstecken.

In Russland verblieben sind vor allem Firmen aus den Bereichen Landwirtschaft und Rohstoffabbau, während sich Betriebe aus dem verarbeitenden Gewerbe und Dienstleistungssektor eher zurückgezogen haben. So hält etwa der Landmaschinenbauer Claas aus dem westfälischen Harsewinkel  noch immer an Russland fest, ebenso Süßigkeitenhersteller Storck oder Medizinunternehmen wie Braun oder Fresenius, wie die Universität Yale kürzlich auflistete.

Bei einigen verzögert sich Rückzug

Für die Unternehmen, die noch in Russland aktiv sind, gibt es vielfältige Gründe dort zu bleiben, erläutern Evenett und Pisani. In einigen Fällen wollen Unternehmen beispielsweise nicht ihre russische Kundschaft im Stich lassen, die weder an der Entscheidung über den Einmarsch in die Ukraine noch selbst an dem Krieg beteiligt sind. In anderen Fällen möchten die Firmen vielleicht nicht auf langfristige Beziehungen zu ihren Mitarbeitern oder Lieferanten verzichten; oder sie beschließen, ihre Tätigkeit in Russland aufgrund der gesellschaftlichen Relevanz ihrer Produkte und Dienstleistungen, etwa bei Medikamenten, nicht einzustellen.

Als einen weiteren möglichen Grund, dass sich bislang so wenige Firmen aus Russland verabschiedet haben, sehen die Autoren auch die Hürden beim Rückzug. Selbst wenn ein westliches Unternehmen beschlossen und sich öffentlich dazu verpflichtet hat, sich zurückzuziehen, kann es letztendlich scheitern. Einige finden beispielsweise keinen Käufer für die Tochtergesellschaft, der bereit ist, die geforderte Summe zu zahlen. Bei anderen wird der Verkauf durch Hindernisse seitens der russischen Regierung erschwert oder verzögert, indem sie den Transfer der Erlöse ins Ausland verhindert.

Aufgrund dieser teils komplexen und langwierigen Prozesse erwarten die Studienautoren in Zukunft eine zunehmende Zahl an Veräußerungen. Gleichzeitig warnen sie, dass sich viele westliche Firmen die Option eines Rückkaufs in ihren Verträgen offengehalten haben, so etwa Nissan oder McDonalds. Ein vollzogener Rückzug bedeutet also nicht immer das Ende.

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