Börsengang der Trading-App So funktioniert das Geschäftsmodell von Robinhood

Der Börsengang von Robinhood Markets hat mehr als zwei Milliarden US-Dollar eingebracht. Die Gründer des Trading-App-Anbieters sehen sich als Kämpfer für den freien Zugang zum Finanzmarkt, doch ihr Geschäftsmodell ist umstritten.
"Bei Robinhood bekommen die Reichen keinen besseren Deal": Gründer Vlad Tenev (CEO) und Baiju Bhatt (Chief Creative Officer) sehen sich als Kämpfer für den freien Zugang zum Finanzmarkt

"Bei Robinhood bekommen die Reichen keinen besseren Deal": Gründer Vlad Tenev (CEO) und Baiju Bhatt (Chief Creative Officer) sehen sich als Kämpfer für den freien Zugang zum Finanzmarkt

Foto: Robinhood

Vladimir Tenev und Bajiu Bhatt (37) haben Großes vor. Die beiden Gründer der Trading-App Robinhood, die sich als Studenten an der Uni Stanford kennenlernten, haben kein geringeres Ziel, als den Finanzmarkt "für alle zu demokratisieren". Wertpapierhandel per App auf dem Handy, mit nur ein paar Fingertipps Aktien kaufen und verkaufen – und das ohne Gebühren. Mit diesem Ansatz will Robinhood auch die Regeln an der Wall Street revolutionieren: Dafür brauchen Tenev und Bhatt noch viel Geld – und das holen sie sich nun von der Börse.

Mit ihrem Börsengang am Donnerstag hat Robinhood rund 2,1 Milliarden US-Dollar eingesammelt. Die Papiere wurden am unteren Ende der Preisspanne zu 38 US-Dollar pro Aktie ausgegeben. Auch der erste Handelstag verlief enttäuschend, die Aktie gab zeitweise um rund 10 Prozent nach und fielen auf 34 US-Dollar. Mit einer Gesamtbewertung von rund 32 Milliarden Dollar ist Robinhood dennoch einer der größten Börsengänge an der Nasdaq in diesem Jahr.

Mächtige Verbündete

Chef Tenev und sein Ober-Kreativer Bhatt haben bereits mächtige Verbündete. Zu den Geldgebern von Robinhood gehören die Finanzinvestoren Andreessen Horowitz, Sequoia und Ribbit Capital, aber auch Prominente wie der Rapper Snoop Dogg und der Schauspieler Jared Leto. Das sind nützliche Unterstützer, wenn man für sich in Anspruch nimmt, zum Nutzen der kleinen Leute die Regeln am großen Finanzmarkt neu zu schreiben.

Robinhood, der Anwalt der Kleinen, muss für dieses Ziel noch kräftig wachsen. Das wissen auch Tenev und Bhatt: Auf ihrer digitalen Roadshow anlässlich des bevorstehenden Börsengangs präsentierten die Gründer Ideen für den weiteren Ausbau ihres Geschäfts. Ziel sei es, sich vom Broker zu einer umfassenden Finanzdienstleistungsplattform ("single money app") zu entwickeln, berichtete der Nachrichtensender CNBC. Außerdem soll das Angebot um US-Rentenkonten, Krypto-Wallets und Bezahldienste erweitert werden.

Wie Robinhood populär wurde

Die 2013 gegründete Firma aus dem kalifornischen Menlo Park gilt als Wegbereiter einer jüngeren Generation von Anlegern am US-Finanzmarkt. "Unser Traum ist es, das Investieren zugänglicher zu machen, speziell für Menschen mit wenig Geld", erklärte der gebürtige Bulgare Tenev bei einer Anhörung vor dem US-Repräsentantenhaus. "Wir glauben, dass das Finanzsystem so aufgebaut sein sollte, dass es für alle funktioniert, nicht nur für einige wenige Ausgewählte."

Über die einfach zu bedienende App ermöglicht Robinhood den provisionsfreien Handel mit Aktien, Fonds, Optionen und Kryptowährungen. Damit hat der Finanzdienstleister seine Nutzerzahl im vergangenen Jahr mehr als verdoppelt – zuletzt lag sie bei 22,5 Millionen. Vielen Menschen haben die Jungbroker die Welt des Tradings geöffnet. Laut Unternehmenseinschätzung wurden zwischen 2016 und 2021 in den USA fast die Hälfte aller neuen Wertpapierkonten bei Robinhood eröffnet.

Die Sache mit Gamestop

Massiv profitierte die Plattform von der Corona-Pandemie, als Privatleute im Lockdown den Aktienhandel für sich entdeckten. Bekanntheit – und jede Menge Kritik – brachte auch ihre Rolle bei den Aktienturbulenzen des Videospielhändlers Gamestop zu Jahresbeginn. Schwärme von Kleinanlegern hatten sich über Internetforen zu Aktienkäufen verabredet und damit institutionelle Anleger wie zum Beispiel Hedgefonds gezwungen, ihre Wetten auf einen Kursverfall dieser Papiere unter teilweise hohen Verlusten aufzulösen.

Inmitten der für die Großinvestoren bedrohlichen Kursrallye von Gamestop schränkte Robinhood zur Überraschung seiner Kunden den Handel zeitweise ein. Damit erntete das Unternehmen lautstarke Kritik und setzte sich Vorwürfen aus, ausgerechnet Kleinanleger gegenüber dem Wall-Street-Establishment zu benachteiligen. Der Fall beschäftigt bereits die Gerichte – etliche Nutzer haben Robinhood verklagt.

Aktienhandel, spielerisch leicht

Aber Kritik kommt auch von anderer Seite. Kritiker werfen Robinhood vor, wie ein Glücksspielanbieter zu agieren und die Kunden zu möglichst vielen Transaktionen sowie zu riskantem Handel zu animieren. Etliche Rechtsstreitigkeiten mit Nutzern und US-Behörden sowie Ermittlungen der Börsenaufsicht machen dem Broker seither zu schaffen. Aktienhandel ist mit Robinhood spielerisch leicht und günstig – doch die Risiken des täglichen Aktienhandels nach dem Motto "Tap-Tap-Trade" gerieten darüber in den Hintergrund, monieren Kritiker.

Umstritten ist insbesondere das unternehmerische Konzept des Brokers. Robinhood nimmt keine Gebühren von Nutzern, sondern verdient an der Vermittlung von Transaktionen an Hochfrequenztrader. Diese zahlen dem Broker Geld dafür, Orders ausführen zu dürfen – diese fragwürdige Wall-Street-Praxis nennt sich "payment for order flow" (PFOF). Aus der Differenz zwischen dem Preis, den der Nutzer zahlt, und dem Preis, zu dem eine Aktie gehandelt wird, nehmen die Marktmacher kleine Gewinne mit, wie der "Economist" erläutert. 

Der Börsenprospekt des Onlinebrokers liefert nun weitere geschäftliche Einblicke. Der Neobroker geht davon aus, dass zwischen 2016 und 2021 in den USA fast die Hälfte aller neuen Wertpapierkonten bei Robinhood eröffnet wurden. Zum Ende des ersten Quartals 2021 umfassten Robinhood-Depots ein Aktienvolumen von rund 65 Milliarden US-Dollar. Hinzu kamen 2 Milliarden US-Dollar in Optionen, 11,6 Milliarden US-Dollar in Kryptowährungen und 7,6 Milliarden US-Dollar in bar.

Für das Geschäftsjahr 2020 verbuchte Robinhood einen kleinen Gewinn von 7 Millionen US-Dollar nach einem Verlust von 107 Millionen US-Dollar im Vorjahr. Einen erheblichen Teil zum Gewinn steuerte angesichts der jungen, technikaffinen Nutzerschaft der Handel mit Dogecoin bei, der in den vergangenen zwölf Monaten zeitweise gut 26.000 Prozent zulegte. Im ersten Quartal 2021 musste Robinhood bei Umsätzen von 522 Millionen US-Dollar einen enormen Verlust von 1,4 Milliarden US-Dollar verkraften.

Langfristig wollen die selbst ernannten Vorkämpfer der Kleininvestoren profitabel sein. Und natürlich, wie Tenev es bei der Roadshow formulierte, nichts weniger als "die Wall Street für immer verändern".

cs/dpa-afx, Reuters
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