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Kunst und Design Rendite-Gestaltung

Regale und Bilder, Vasen und Skulpturen - Designobjekte von Künstlern erfreuen sich wachsender Beliebtheit. Wer die richtigen Namen kauft, kann auf hohe Wertsteigerungen hoffen und reduziert gleichzeitig sein Risiko.
Von Brigitte von Trotha
aus manager magazin 9/2007

Das Museum of Contemporary Art in Los Angeles gehört zu den renommiertesten Adressen der Welt. Für die meisten Künstler wäre eine Einzelausstellung in den heiligen kalifornischen Hallen ein Meilenstein - sowohl was die künstlerische als auch die kommerzielle Anerkennung angeht. Nicht jedoch für Jorge Pardo. Der gebürtige Kubaner ließ die Kuratoren wissen, dass ihm eine Werkschau in einem Museumsgebäude zu profan sei.

Wie sich der in Los Angeles lebende Künstler eine angemessene Präsentation seiner Werke vorstellt, zeigte er kurze Zeit später: Er baute ein Haus ganz nach seinen Vorstellungen und stellte darin seine Arbeiten aus. Anschließend bezog er den von ihm entworfenen Museumsbau.

Eigenheim und Kunstwerk in einem - für den 44-Jährigen ist ein solcher Zwitter aus Kunst und Design typisch. Seine farbenfrohen Bilder sind mindestens genauso bekannt wie seine bunten Lampen, die unter anderem ein Restaurant im Bundestag erhellen. Damit zählt Pardo zu den wichtigsten Vertretern einer kreativen Spezies, die zwei natürliche Feinde - Kunst und Design - miteinander verbindet.

Denn eigentlich verfolgen Künstler und Designer unterschiedliche Ansätze: Während Designer immer den Zweck eines Produkts, also dessen Nutzbarkeit, im Blick haben ("form follows function"), spielt der Gebrauchswert eines Objekts für Künstler keine Rolle. Der Betrachter soll über das Werk und nicht über dessen Nutzung nachdenken.

Bekannte Künstler wie der Japaner Takashi Murakami und der Österreicher Franz West erzielen mit Comic-Imitationen oder Skulpturen auf Auktionen bereits hohe Preise. Dass sie auch Tische, Regale oder Vasen kreieren, liegt an einem Trend, der die Kunstwelt seit den 90er Jahren bestimmt: Die Grenzen zwischen den einzelnen Medien verschwimmen zusehends.

Junge Künstler, die sich ausschließlich mit Malerei oder Skulpturen beschäftigen, gibt es deshalb kaum noch. Malerei, Fotografie, Skulptur, Installation - die meisten haben heute von allem etwas im Angebot. Und manch einer verlässt sogar die Welt der reinen Kunst und begibt sich in die schnöden Sphären der Produktgestaltung und des Designs.

Für Kunsteinsteiger ist der Markt deshalb ziemlich unübersichtlich geworden.

Dabei schafft eine Regel, die jeder Anleger bei seinen Investments beachten sollte, Transparenz: Auf lange Sicht haben nur die Künstler ein Wertsteigerungspotenzial, die mit ihrer Qualität auch die Fachwelt überzeugen.

Einen Überblick, was in den Köpfen von Sammlern und Museumsdirektoren vorgeht, liefert das manager-magazin-Artpanel (siehe Kasten Seite 134): Viermal pro Jahr benennen 14 unabhängige Kunstexperten ihre Favoriten unter den zeitgenössischen Künstlern.

Wer sich auf die zehn von den Experten des mm-Artpanels ausgewählten Grenzgänger zwischen Kunst und Design (siehe Tabelle Seite 130 oben ) konzentriert,

hat gute Chancen, vom künftigen Wachstum des Kunstmarkts zu profitieren. Gleichzeitig minimiert er das Risiko seiner Investitionen, weil er ausschließlich in Substanzwerte investiert.

Im Gegensatz zu einem Bild von Andy Warhol oder einer Fotografie von Andreas Gursky ist ein Tisch von Tobias Rehberger oder eine Lampe von Jorge Pardo eben auch ein Tisch und eine Lampe. Design ist Kunst, die sich nützlich macht - nicht nur im Portfolio.

Interessant sind die Arbeiten dieser Künstler vor allem für Anleger, die von Kunst mehr erwarten als ein weiteres schönes Bild, das farblich auch noch zur Sofagarnitur passt. Ein Sessel von Franz West ist auch ein Statement gegen den im Irgendwo zwischen Ikea-Katalog und "Schöner Wohnen" changierenden Einheitslook. Wer Individualität schätzt, sichert sich damit zumindest eine hohe emotionale Dividende.

Und auch die Aussicht auf eine höhere Rendite steigt, denn mit Künstlern wie West lässt sich eine Grundregel einfach befolgen: Eine Kunstsammlung sollte nie aussehen wie ein bunt zusammengewürfeltes Nest aus Ostereiern. Es ist stets besser, von zwei Künstlern jeweils fünf Werke zu besitzen als von zehn jeweils nur eines.

Noch solider wird die Basis, wenn die gesammelten Arbeiten die gesamte Vielfalt eines Künstlers abbilden. Das ist naturgemäß bei Künstlern, die auch Gebrauchsgegenstände herstellen, einfacher als bei denjenigen, die vorwiegend malen und nur hin und wieder einmal eine Skulptur fabrizieren.

Die Zusammenstellung einer Werkgruppe - also zum Beispiel eines Bildes, einer Skulptur und eines Möbelstücks - stellt für den Kunstinvestor eine Art Risikopuffer dar: Befindet sich unter den Arbeiten ein Schlüsselobjekt, lässt sich eine weniger gute Arbeit kaschieren.

Ein Blick in die Kunstauktionsdatenbank von Artprice zeigt, dass sich die Preise für die Bilder und Skulpturen der Grenzgänger zwischen Kunst und Design noch auf moderatem Niveau bewegen. Werke von West sind im Schnitt für 11 000 Euro zu haben, bei Pardo werden um die 17 000 Euro gezahlt.

Ganz billig ist die Absicherung in Form einer Werkgruppe dennoch nicht zu haben: Ein West-Sofa gibt es inzwischen kaum noch für unter 20 000 Euro,

und ein Pardo-Schrank kostet mindestens 50 000 Euro.

Und noch eines sollten sich Anleger klarmachen: Der Auktionsmarkt für Designobjekte ist kleiner als für Bilder und Fotografien. Insgesamt finden nur wenige Gebrauchsobjekte ihren Weg in die gängigen Top-Auktionen. Deshalb lohnt ein Besuch in den spezialisierten Galerien in Berlin, Frankfurt, Köln und München.

Ausschließlich bei Galeristen finden sich die vom mm-Artpanel genannten Geheimtipps (siehe Tabelle Seite 130 unten). Die Werke dieser meist noch unbekannten Künstler, denen die Experten gleichwohl eine große Zukunft zutrauen, sind noch günstig zu haben - allerdings auch mit einem ungleich höheren Risiko verbunden: Ob sich etwa Mark Titchner, der immerhin schon zum illustren Kreis der Turner-Preis-Nominierten gehört, am Markt durchsetzt, bleibt abzuwarten.

Eines haben die Designarbeiten von Geheimtipps und etablierten Künstlern aber gemein: Sie sind empfindlich. Ein Kunstwerk, auf dem gesessen oder das an eine Steckdose gestöpselt wird, bekommt eher Gebrauchsspuren als eines, das an der Wand hängt oder in der Vitrine steht. Die Restauration stellt zwar meist kein Problem dar - zu Lebzeiten übernimmt der Künstler sie sogar selbst -, die Kosten aber mindern die Rendite.

Wem das Risiko deshalb zu groß ist, der kann sich auf die Werke konzentrieren, bei denen die Abnutzung Teil des kreativen Prozesses ist. So wie bei Tobias Rehberger (siehe Kurzporträt Seite 132): Der Frankfurter Künstler kaufte zur Fußball-WM 1998 Designerbälle von Louis Vuitton. Stückpreis: 850 Mark. Zusammen mit seinen Freunden malträtierte er das edle Leder so lange auf dem Asphalt, bis es auseinanderfiel. Die etwas mühsame Dauerkickerei brachte Rehberger immerhin eine ordentliche Prämie ein. Als seine Galerie die Bälle schließlich weiterverkaufte, zahlten Sammler pro Stück 2900 Mark.

Mitarbeit: Sven Böll

Welche Künstler, die auch Designobjekte gestalten, von der mm-Jury als herausragend betrachtet werden, und wie sich deren Werke seit 1997 auf den Auktionsmärkten entwickelt haben1)

GRENZGÄNGER VON HEUTE

Künstler

Umsatz2)

Durchschnitts- preis pro Werk2)

Anteil günstiger Werke3)

Zahl der verkauften Werke

Anteil unverkaufter Werke4)

Takashi Murakami 8792 49 61 180 27

Franz West 1471 11 70 139 24

Marc Newson 510 127 0 4 20

Jorge Pardo 367 17 64 22 15

Ron Arad 226 23 50 10 47

Anton Henning 222 14 69 16 30

Andrea Zittel 155 26 67 6 68

Tobias Rehberger 59 15 25 4 60

Pae White 14 7 50 2 33

Mathieu Mercier 5 1 100 5 0

1) Ohne Antiquitäten- und Möbel-Auktionen; 2) In Tausend Euro; 3) Werke bis 10 000 Euro in Prozent; 4) In Prozent. Quelle: Artprice.com

GRENZGÄNGER VON MORGEN

Junge Künstler, denen die mm-Experten eine besondere Entwicklung zutrauen

Künstler Jahrgang Herkunftsland Galerie

Martin Boyce 1967 Schottland www.galerie-schoettle.de

Matthew Brannon 1971 USA www.petzel.com

Jason Dodge 1969 USA www.caseykaplangallery.com

Mark Handforth 1969 Hongkong www.presenhuber.com

Mark Titchner 1973 England www.vilmagold.com

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