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Deutsche Börse Rebellen ausgebremst

Die Suche nach einem neuen Aufsichtsratschef verläuft schwieriger als erwartet.
aus manager magazin 12/2008

Ein Traumjob ist es nicht, der in der Aufsichtsratssitzung der Deutschen Börse am 8. Dezember vergeben werden soll: Es steht die Kür eines neuen Aufsichtsratschefs an. Ein Amt, das vor allem Ärger verspricht - mit den für ihren rüden Umgangston bekannten Großaktionären, den Hedgefonds TCI und Atticus.

Entsprechend zäh verläuft die Suche nach einem Nachfolger für den seit 2005 amtierenden Kurt Viermetz (69). Die vom Kontrollgremium engagierten Personalberater aus dem Hause Spencer Stuart fahnden noch, und zwei bereits ausgemachte Kandidaten zieren sich.

Der Frankfurter Privatbankier Friedrich von Metzler (65), der Anfang der 90er Jahre bereits Aufsichtsratschef der Frankfurter Wertpapierbörse war, steht auf dem Standpunkt, dass er genug mit dem eigenen Unternehmen zu tun hat. Und auch der einstige Finanzchef des Daimler-Konzerns Manfred Gentz (66), den sowohl die deutschen Aktionärsvertreter als auch die Arbeitnehmerbank favorisieren, sagt, dass er mit anderen Aufgaben ausgelastet sei.

Dabei muss die Furcht vor der Macht von TCI und Atticus längst nicht mehr so groß sein wie im Frühjahr 2005, als beide zuerst die feindliche Übernahme der London Stock Exchange durch die Frankfurter stoppten und anschließend sowohl Konzernchef Werner G. Seifert (59) als auch den Vorsitzenden des Aufsichtsrats, Rolf E. Breuer (71), zum Rückzug zwangen. Beide Fonds erlitten in den vergangenen Monaten heftige Verluste, ihre Manager werden nun selbst von den Investoren unter Druck gesetzt.

Dennoch reicht der Einfluss der Fonds noch immer aus, um Börsen-Chef Reto Francioni (53) gehörig auf Trab zu halten. Im Sommer etwa bombardierte TCI-Gründer Christopher Hohn (41) Aufsichtsrat und Management mit immer neuen Zerschlagungsfantasien. Wahlweise sollte entweder der im Kassamarkt gebündelte Aktienhandel in Frankfurt, die Terminbörse Eurex oder die Abwicklungstochter Clearstream verkauft und der Erlös als Sonderdividende ausgeschüttet werden.

Von alledem war allerdings in den vergangenen Wochen nichts mehr zu hören. Das Schweigen der Fonds hängt mit einem sowohl an TCI als auch Atticus adressierten Schreiben der Börsenaufsicht im hessischen Wirtschaftsministerium zusammen. Darin werden die Fonds nachdrücklich davor gewarnt, derartige Pläne weiter voranzutreiben.

Die Drohung hat Gewicht. Die Börsenaufsicht kann den Fonds nach dem Börsengesetz die Ausübung ihrer Stimmrechte untersagen, falls "die Durchführung und angemessene Fortentwicklung des Börsenbetriebs beeinträchtigt wird". Der Aktienhandel kann ohnehin nicht gegen den Willen der hessischen Landesregierung veräußert werden, weil die für den Börsenbetrieb nötige Lizenz unverkäuflich ist.

Der Druck verfehlte seine Wirkung nicht. Vor einigen Wochen reisten Emissäre der von den Wirtschaftsanwälten der Kanzlei Gleiss Lutz beratenen Fonds zwecks eines Beschwichtigungsgesprächs zu Ministerpräsident Roland Koch (50) nach Wiesbaden.

Tatsächlich konzentrieren sich Atticus und TCI mittlerweile auf eine andere Front. Bereits im Spätsommer begannen sie, den Rücktritt von Chefkontrolleur Viermetz zu fordern und betrauten die Headhunter des Londoner Egon-Zehnder-Büros mit der Suche nach Ersatz.

Höhepunkt der Kampagne war der Versuch, eine außerordentliche Hauptversammlung zur Abwahl von Viermetz durchzusetzen. Gestellt wurde der Antrag im ersten Anlauf allerdings von einer TCI-Tochterfirma, die überhaupt keine Börsen-Aktien besitzt - erst nach kräftiger Amtshilfe von der Deutschen Börse brachten die Fonds ihre Wünsche auch formal korrekt zu Papier.

Dass Viermetz selbst das Spektakel mit seinem Rückzug beendete, kann aber kaum den Hedgefonds zugerechnet werden. Der Ex-Deutschland-Chef der US-Investmentbank J. P. Morgan wäre nach seinen Versäumnissen als Aufseher der fast kollabierten Hypo Real Estate nicht mehr vermittelbar gewesen.

Wer auch immer neuer Aufsichtsratschef der Börse wird - seine eigentliche Feuertaufe findet erst am 20. Mai 2009 statt. An diesem Tag muss er sich in der Hauptversammlung den Aktionären stellen. Dann zeigt sich, wie groß die Macht von Chris Hohn und seinen Verbündeten wirklich noch ist. Dietmar Palan

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