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Radikaler Kahlschlag

Deutsche Telekom II: Das Joint-Venture T-Systems zwischen Telekom und Debis droht zu scheitern.
Von Eva Müller und Anne Preissner
aus manager magazin 2/2001

Das Ambiente war edel, die Stimmung glänzend - doch nicht lange. Ende März 2000 hatte die Telekom die Übernahme des Debis Systemhauses von DaimlerChrysler angekündigt. Als sich am 2. Mai im Bankettsaal auf dem Petersberg die Spitzen von Debis und DeTeSystem zum Kennenlernen trafen, verdarb ihnen Ron Sommer (51) gleich die Laune.

Wem seine Strategie nicht passe, verkündete der Telekom-Chef selbstherrlich, der könne das geplante Joint-Venture gleich verlassen.

Nahezu das gesamte Topmanagement des DaimlerChrysler-Ablegers nahm die Aufforderung wörtlich. Mit den Führungskräften stiegen zudem tausende wertvoller Kopfarbeiter aus dem neuen Gemeinschaftsunternehmen T-Systems International GmbH aus. Die knapp elf Milliarden Mark teure Mehrheitsbeteiligung der Telekom am Debis Systemhaus droht zur fatalen Fehlinvestition zu werden.

Grund für den Massenexodus: gravierende Differenzen über die Strategie, extrem unterschiedliche Firmenkulturen, und vor allem: der absolute Machtanspruch der Telekom.

Den wollten sich die selbstbewussten Systemhaus-Manager nicht gefallen lassen; die Liste hochkarätiger Abgänge wuchs von Monat zu Monat.

Als Erster quittierte der Chef des Gemeinschaftsunternehmens, Konrad Reiss (43), im September den Dienst. Dem Ex-Systemhaus-Chef folgte Karl-Heinz Achinger (58) nach.

Achinger, vor Reiss lange Jahre Vorsteher des Systemhauses, hielt den Machtkampf nur bis Mitte November durch. Der eigenwillige Manager verkrachte sich mit dem T-Systems-Aufsichtsratsvorsitzenden Jo Brauner (50) heillos über die Organisation des neuen Unternehmens.

Hans-Jürgen Schwerhoff, der weltweit für die Betreuung von Industriekunden zuständig war, wechselte als Deutschland-Chef zum Konkurrenten EDS. Werner Bongartz, Geschäftsführer der Softwaredivision, zog eine Karriere bei Wettbewerber Atos Origin vor.

Kurt Ring (58), international für Computing Services verantwortlich, flüchtete in den Ruhestand. Ebenso Albert Blau (57), Leiter des nationalen Bereichs Systems Integration.

Zum Jahresende räumte Norbert Reithmann (42) seinen Chefsessel bei den Desktop Services - dies allerdings nicht ganz freiwillig.

Jetzt hat die Telekom endgültig die Macht übernommen. Nachfolger Achingers an der Spitze des Joint- Ventures wurde Christian A. Hufnagl (55), ehemals DeTeSystem-Chef und klar auf Sommer-Kurs. Von den sechs Geschäftsführern der T-Systems stammt mit Karl-Heinz Streibich nur noch einer aus dem Systemhaus.

Die Relation stellt die ursprünglichen Größenverhältnisse beider Unternehmen auf den Kopf. DeTeSystem war vor dem Zusammenschluss nur 1800 Mitarbeiter stark. Die Stuttgarter dagegen brachten mehr als 20 000 Kollegen ein. Die allerdings werden von Tag zu Tag weniger.

Alles ganz normal, lässt die Telekom offiziell verlauten. Insgesamt habe die Zahl der Debis-Mitarbeiter im Jahresdurchschnitt 2000 nur um 2990 unter der des Vorjahres gelegen.

Insider gehen allerdings davon aus, dass bis zum 31. Dezember mindestens doppelt so viele der begehrten Kopfarbeiter abgewandert sind. Ein dramatischer Verlust an Know-how für ein Unternehmen, dessen Wert vor allem aus dem Wissen seiner Angestellten besteht. Schon spotten Telekom-Kenner, T-Systems - Europas größter IT-Dienstleister - stelle nur noch einen Hohlkörper dar.

Die Kunden beginnen zu murren. Sie vermissen ihre vertrauten Ansprechpartner und ärgern sich über Kompetenzwirrwarr.

Wichtige Kunden wie Viag Interkom, Henkel oder Debitel, die ihre Datenverarbeitung langfristig an Debis vergeben haben, sehen sich veranlasst, die Verträge zu überdenken. Höchst unangenehm, da in den kommenden ein bis zwei Jahren viele Kontrakte zur Erneuerung anstehen.

Im kurzfristigeren Geschäft mit Software-Projekten kommen ohnehin kaum noch Aufträge ins Haus. Und selbst der wichtigste Kunde, DaimlerChrysler, will in Zukunft auch bei anderen IT-Dienstleistern einkaufen. So vergibt der Autoriese heute schon Netzwerkprojekte nicht mehr allein an das Systemhaus, sondern auch an den US-Konkurrenten Worldcom.

Das "Projekt der Superlative"(Originalton Sommer), ein international führendes IT-Serviceunternehmen aufzubauen, ist im ersten Anlauf kläglich gescheitert. T-Systems-Chef Hufnagl wird sich schwer tun, einen Ausweg aus der verfahrenen Situation zu finden. Eva Müller/Anne Preissner

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