Zur Ausgabe
Artikel 17 / 45
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Putsch von innen

Eichborn: In der Krise bastelt Vorstand Kierzek an der Aktionärsstruktur. Zum eigenen Vorteil?
aus manager magazin 1/2003

Bis vor kurzem war der Frankfurter Eichborn Verlag ein solides Unternehmen. Neben populären Bestsellern veröffentlichte er auch Hans Magnus Enzensbergers renommierte "Andere Bibliothek", die Firma machte ordentliche Gewinne.

Nun gerät plötzlich alles durcheinander: Querelen in der Chefetage führten zum Abgang eines wichtigen Managers. Autoren wechseln zur Konkurrenz. Und in der Aktionärsstruktur zeichnen sich Veränderungen ab, die nichts Gutes für das bislang im Börsensegment Smax notierte Unternehmen erwarten lassen.

Zentrum der Turbulenzen und Zielscheibe der Kritik ist Alleinvorstand Mathias Kierzek (52). Ein Lektor, der nicht genannt sein will, wirft ihm vor, "publizistische Plattitüden" als Programm auszugeben. Ein Autor beklagt Kierzeks "manierenfreie" Umgangsformen.

Die Misstöne passen zu der ernsten wirtschaftlichen Situation des Verlags, der neben den analhumorigen Comics von Walter Moers ("Das kleine Arschloch") auch Dietrich Schwanitz' bildungsbürgerliche Omnipotenz-Fantasie ("Alles, was man wissen muss") publiziert.

Für 2002 muss der Verlag einen Verlust ausweisen; er beträgt 3,6 Millionen Euro. Der Umsatz ging um 25,3 Prozent zurück - deutlich mehr als bei den meisten anderen Publikumsverlagen.

Verrechnet haben sich die Frankfurter ausgerechnet mit der Erfolgsfigur Harry Potter. Während die Romane der Autorin Joanne K. Rowling und ihrem deutschen Buchlizenz-Verlag Carlsen satte Einnahmen bescheren, erwiesen sich die von Eichborn vertriebenen Schulhefte, Kalender und anderen Gebrauchsgegenstände mit dem Konterfei des jugendlichen Zauberlehrlings als schwer verkäuflich.

Kierzek teilte sich die Rechte für das so genannte Harry-Potter-Merchandi-

sing mit Eichborns Hauptaktionärin, der Kieler Achterbahn AG. Die war einst hoch erfolgreich mit der Vermarktung von Comics und Filmen um den vom Zeichner Rötger "Brösel" Feldmann ersonnenen Klempnergesellen "Werner". Im Oktober 2002 stellte das Unternehmen einen Insolvenzantrag.

Um von Eichborn ein ähnliches Schicksal abzuwenden, will Kierzek nun den Vertrieb von Potter-Devotionalien und weitere literaturferne Nebenerwerbszweige aufgeben.

Der "Rückzug aufs Kerngeschäft" (Kierzek) geht jedoch nicht reibungslos vonstatten. Anfang Dezember kündigte Programmchef Wolfgang Ferchl (47) fristlos - ausgerechnet der Mann, der als Garant des Eichborn-Erfolgs galt: Er erfand etwa das "Lexikon der populären Irrtümer" sowie das Format der "Aldidente"-Reihe, die Kochrezepte und Sozialreportagen kombiniert und Millionenauflagen

erreicht.

Grund für die Kündigung Ferchls war ein seit Jahren schwelender, in der aktuellen Krise eskalierter Streit mit Kierzek. Ferchl sorgte sich um den Gehalt und Tiefgang von Titeln und Konzepten. Außerdem fürchtete der Ex-Prokurist einen Ausverkauf des Verlags an branchenfremde Geldgeber, der sich dann auch aufs Programm auswirken könnte. Kierzek gibt sich froh darüber, dass der interne Machtkampf nun entschieden ist: Er sei "nicht traurig über Ferchls Abgang", tritt er nach.

Aus Verbundenheit mit dem vergraulten Programmchef kündigte Bestsellerautor Moers prompt an, sein nächstes Buch werde nicht mehr bei Eichborn erscheinen, sondern bei Ferchls künftiger Wirkungsstätte, dem Münchener Piper-Verlag.

Weit schwerer wiegt: Moers will nun auch sein Paket von 500 000 Eichborn-Aktien verkaufen, immerhin 10 Prozent der Anteile. Er ist nicht der Einzige. Was mit dem Aktienkurs passiert, wenn der Achterbahn-Insolvenzverwalter die in Kiel gehaltenen 32,9 Prozent zu Geld machen muss, mögen sich Insider nicht ausmalen. Schon jetzt notiert das Eichborn-Papier bei unter einem Euro.

Bei einem solch günstigen Einstandspreis steht womöglich ein Aufkäufer bereit: Ludwig Fresenius (59), Aufsichtsrat der Institut Fresenius AG in Taunusstein, hat im September die Mehrheit an der kleinen Fuldaer Verlagsagentur (FVA) gekauft, und die hält ihrerseits 31,4 Prozent an Eichborn. Durch einen Zukauf der Eichborn-Anteile von Moers und Achterbahn käme Fresenius auf eine satte Mehrheit.

Kierzek

könnte sich "sehr gut vorstellen", dass Fresenius Interesse an den Eichborn-Aktienpaketen

entwickelt - ein auffälliges Wohlwollen gegenüber einem Unternehmer, der bisher keinerlei verlegerische Ambitionen zeigte.

Gibt Fresenius womöglich nur den Strohmann für Kierzek? Jedenfalls gehörten Fresenius' FVA-Anteile zuvor mehrheitlich der Familie des Eichborn-Alleinvorstands.

Mithilfe von Fresenius könnte sich Kierzek zum Alleinherrscher über den inzwischen gesundgeschrumpften Verlag aufschwingen.

Schon hat er dafür gesorgt, dass ein solches Manöver möglichst wenig Aufsehen erregt: Auf Initiative des Vorstands wird die Eichborn AG mit Wirkung vom 20. Dezember nicht mehr im Smax-Index notiert, sondern nur noch im Geregelten Markt. Dort werden an die Publizität weit geringere Anfordernisse gestellt.

Michael O. R. Kröher

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 17 / 45
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel