Großbritannien storniert Impfstoffhersteller Valneva verliert einzigen Corona-Auftrag

Ein weiterer Hoffnungsträger für die Corona-Impfkampagne steht vor dem kommerziellen Aus. Die britische Regierung storniert ihre Großbestellung bei der französischen Biotechfirma Valneva.
Archivbild: Der britische Premier Boris Johnson beim Besuch des schottischen Valneva-Werks im Januar

Archivbild: Der britische Premier Boris Johnson beim Besuch des schottischen Valneva-Werks im Januar

Foto: Wattie Cheung; Daily Mail / dpa

Großbritannien hat eine Bestellung von 100 Millionen Corona-Impfdosen des französisch-österreichischen Konzerns Valneva storniert. "Die britische Regierung behauptet, Valneva habe seine Verpflichtungen nicht erfüllt. Das bestreitet Valneva entschieden", erklärte  das Unternehmen am Montag an seinem Hauptsitz in Saint-Herblain in Westfrankreich. Das Unternehmen verwies auf die "erheblichen Ressourcen und Mühen", die man im Vertrauen auf die Zusammenarbeit investiert habe.

Ein Sprecher von Premierminister Boris Johnson sagte der Nachrichtenagentur Reuters, die Absage an Valneva werde keinen Einfluss auf das britische Impfangebot haben. Für den Herbst und Winter habe London ohnehin nicht mit Valneva geplant. Auch die beginnenden Auffrischimpfungen, für die Valneva im Gespräch war, seien nicht in Gefahr. Zu den Gründen der Abbestellung könne er sich nicht äußern, da die Auseinandersetzung mit dem Unternehmen noch laufe.

Der Aktienkurs von Valneva brach am Montagmorgen um bis zu 45 Prozent ein und stabilisierte sich im Tagesverlauf mit einem rund 40-prozentigen Minus. Die Aktie war jedoch erst Ende August als neuer Hoffnungswert hochgetrieben worden und kehrt somit auf das vorige Niveau zurück.

Die Absage ist ein harter Schlag für das Unternehmen, das mit Großbritannien seinen bislang einzigen Kunden für den Corona-Impfstoff VLA2001 verliert. Das Vereinigte Königreich hatte 100 Millionen Dosen für den Zeitraum 2021 bis 2022 bestellt, mit Option auf eine Erhöhung auf 190 Millionen Dosen bis 2025 und einem potenziellen Auftragswert von 1,4 Milliarden Euro.

Hoffnungswert für Impfskeptiker

Mit der Europäischen Union verhandelte die französische Biotechfirma bislang erfolglos über einen festen Vertrag. Die EU-Kommission hatte Mitte Januar Gespräche mit Valneva über den möglichen Kauf von bis zu 60 Millionen Impfstoffdosen angekündigt. Im April teilte die EU-Kommission mit, das Unternehmen habe die Bedingungen für einen Liefervertrag nicht erfüllt. Im Juli erklärte das Unternehmen jedoch, die Gespräche mit Brüssel liefen weiterhin. Zeitgleich wurde eine Prognose des Bundesgesundheitsministeriums bekannt, wonach das Haus von Jens Spahn für 2022 mit elf Millionen Impfdosen von Valneva als Beitrag zur deutschen Impfkampagne rechnet, während der Tübinger Hersteller Curevac nach Misserfolg in seiner klinischen Studie keine Rolle mehr spielte.

VLA2001 wird derzeit in einer klinische Studie der abschließenden Phase 3 getestet. Dabei muss das Mittel seine Wirksamkeit im Vergleich mit dem bereits zugelassenen Vakzin von Astrazeneca beweisen, um einen zusätzlichen Nutzen für das Impfangebot zu zeigen. Die Ergebnisse werden im Oktober erwartet. Das Unternehmen hält eine Marktzulassung durch die britische Behörde MHRA bis Ende des Jahres für möglich. "Die MHRA hat den Valneva-Impfstoff nicht genehmigt", stellte der Londoner Regierungssprecher lediglich fest.

VLA2001 ist ein klassischer Totimpfstoff, wie er auch gegen Grippe seit Jahrzehnten eingesetzt wird - im Gegensatz zu den bereits in der EU zugelassenen Covid-Vakzinen, die als mRNA- oder Vektorimpfstoffe auf neuartige Techniken setzen. Ein praktischer Vorteil ist, dass das Valneva-Produkt in normalen Kühlschränken gelagert werden können soll. Damit verbunden wird jedoch vor allem die Hoffnung, auch Impfskeptiker überzeugen zu können, die einer althergebrachten Methode eher vertrauen würden. In mehreren Ländern wurden bereits Totimpfstoffe gegen Covid-19 aus chinesischer, indischer, russischer, kasachischer oder iranischer Entwicklung zugelassen. VLA2001 wäre das erste derartige Angebot eines westlichen Unternehmens. Die EU-Arzneimittelbehörde EMA prüft eine Zulassung des chinesischen Vakzins Coronavac.

"Valneva bleibt weiter engagiert bei der Entwicklung von VLA2001 und wird sich verstärkt um andere mögliche Kunden bemühen", erklärte das Unternehmen. Auch die schottische Regierung teilte mit, sie halte an einer Kooperation mit Valneva fest und fordere eine Erklärung für die Absage aus London. Das Unternehmen hat sein Werk in Livingston für die erste Corona-Impfung aus Schottland ausgebaut. Weitere Produktionsstandorte befinden sich in Schweden und Österreich. Valneva ist 2013 aus der Fusion der französischen Vivalis mit der österreichischen Intercell entstanden. Das Unternehmen hat auch zugelassene Impfstoffe gegen andere Krankheiten im Angebot, darunter einen gegen die japanische Enzephalitis, auf dessen Formel VLA2001 beruht.

ak/AFP, Reuters
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