Impfstoff für Skeptiker Novavax – vom Start-up zum globalen Impfstoff-Lieferanten

Mit Nuvaxovid kommt in wenigen Tagen ein weiteres hochwirksames Vakzin gegen Covid-19 auf den Markt. Der Proteinimpfstoff soll vor allem Skeptiker überzeugen. Für US-Hersteller Novavax wäre es der ersehnte Durchbruch nach einer langen Serie enttäuschter Hoffnungen.
Durchhaltevermögen: Board of Directors von Novavax im Juni 2011 (der damals neue Chef Stanley Erck im türkisen Hemd 2. von links in der hinteren Reihe)

Durchhaltevermögen: Board of Directors von Novavax im Juni 2011 (der damals neue Chef Stanley Erck im türkisen Hemd 2. von links in der hinteren Reihe)

Foto: The Washington Post / via Getty Images

Viele Hoffnungen ruhen auf ihm, nun ist es bald so weit: Ab dem 21. Februar soll in Deutschland der Corona-Impfstoff von Novavax verimpft werden. Die EU-Arzneimittelbehörde EMA hat das Vakzin bereits Ende Dezember zugelassen, die Ständige Impfkommission hat die Impfung in Deutschland nun vor wenigen Tagen empfohlen.

Die klinischen Studien waren erfolgreich, von Wissenschaftlern gab es zuvor Bestnoten : Das Mittel ist zu 90 Prozent wirksam, ebenso wie die begehrten mRNA-Vakzine von Biontech/Pfizer und Moderna, gegen manche neuen Virusvarianten sogar noch stärker – und das mit milderen und selteneren Nebenwirkungen.

Novavax-Chef Stanley Erck (73) weiß natürlich, dass er spät dran ist mit seinem Impfstoff, wie er bereits im vergangenen Jahres dem "Wall Street Journal"  gestand. Doch gegenüber den anderen bisher in der Europäischen Union zugelassenen vier Impfstoffen – neben denen von Biontech/Pfizer und Moderna sind in der Staatengemeinschaft noch die Vakzine von Johnson & Johnson und Astrazeneca erlaubt – hat das Produkt einen entscheidenden Vorteil.

Neu war die Technik damals, als Novavax gegründet wurde

Die Methode von Novavax ist nämlich gar nicht so neu ist, wie der Firmenname ("nova" für neu und "vax" für Impfstoff) suggeriert. Es ist ein Proteinimpfstoff, bei dem statt des kompletten Virus nur Eiweißmoleküle – in diesem Fall das Spike-Protein des Coronavirus als Angriffsfläche für die Immunabwehr – in den Körper gespritzt werden. Novavax verwendet einige innovative Ansätze, etwa die Hülle aus winzigen Nanolipiden, die rasche Züchtung der Impfkulturen in Mottenzellen oder einen Wirkstoffverstärker (Adjuvans) aus der Rinde eines chilenischen Seifenbaums.

Proteinimpfstoffe an sich aber sind schon so lange im Einsatz, wie es das Unternehmen Novavax gibt, beispielsweise gegen Hepatitis B, Gürtelrose oder Keuchhusten. Die anderen Covid-19-Impfstoffe dagegen verwenden neuere Techniken: Vektorimpfstoffe wie die von Astrazeneca und Johnson & Johnson oder das russische Sputnik-V wurden erstmals 2019 gegen Ebola zugelassen. Für die mRNA-Technik war Biontech 2020 die erste Zulassung überhaupt.

Zwar haben diese Impfstoffe sich inzwischen im zigmillionenfachen Einsatz bewährt. Mediziner erwarten nach den dadurch entdeckten extrem seltenen Nebenwirkungen nicht, dass noch negative Langzeitfolgen auftreten könnten. Doch es gibt immer noch viele Impfskeptiker, die sich vor der als Experiment empfundenen Spritze fürchten. Für diese sei Novavax als das Altbekannte ein verlockendes Angebot, argumentiert in "The Atlantic"  die Public-Health-Expertin Hilda Bastian, die früher auch für die deutsche Arzneiprüfstelle IQWIG arbeitete. Zusammen mit der hohen Wirksamkeit und den schwachen Nebenwirkungen sei ihr Fazit: "Derzeit ist das der beste Impfstoff gegen Covid-19, den wir haben."

Lob erhält Novavax auch von Roger Pomerantz, einem früheren Topmanager des Pharmariesen Merck & Co., der eine angebotene Zusammenarbeit mit dem Start-up einst verweigerte. "Ich bewundere ihre Hartnäckigkeit, ihre Ausdauer, ihren Ansatz, niemals zu sterben", sagte Pomerantz, heute Chef der Biotechfirma Contrafect, dem "Wall Street Journal" .

Bowling mit den Angestellten

In Schwellenländern wie Indonesien oder auf den Philippinen wird das Vakzin bereits verimpft. Hier liegt wohl auch das größte Potenzial für Novavax, da das Mittel bei Kühlschranktemperaturen gelagert werden kann. Aber auch in Australien, Südkorea und Indien ist der Impfstoff bereits zugelassen. Die Europäische Union hat rund 100 Millionen Dosen bestellt mit der Option auf 100 Millionen weitere.

Damit stehen die Chancen ganz gut, dass Novavax doch noch einen kommerziellen Erfolg erzielt. Es wäre der erste in der Geschichte des 1987 gegründeten Unternehmens aus dem US-Staat Maryland. Allein in der gut zehnjährigen Amtszeit von Stanley Erck hat die Firma ein beispielloses Auf und Ab erlebt, mitunter auch echte Nahtoderfahrungen. Nach einer früheren Episode, als die Firma sich statt an Impfstoffen auch ohne Verkaufserfolg an Östrogensalben oder pränatalen Vitaminen versuchte, wurden immer wieder Erfolge mit neu entwickelten Impfstoffen verkündet, aus denen dann doch nichts wurde. Gegen HIV, Sars, Schweinegrippe, Ebola, Mers und mehr versprach Novavax jeweils die Rettung.

Nicht immer war Erck, ein Veteran des Vietnamkriegs, so vorsichtig im Ton wie damals in dem Gespräch mit dem "Wall Street Journal" . Über einen Impfstoff gegen das Atemwegsvirus RSV tönte er 2015, das werde "der meistverkaufte Impfstoff in der Geschichte der Impfstoffe, was den Umsatz angeht". Der Börsenwert verdoppelte sich umgehend, doch ein Jahr darauf fiel das Mittel in der letzten Phase der klinischen Studien durch. Am Morgen nach der Wahl von Donald Trump (75) zum US-Präsident erhielt ein Drittel der Novavax-Beschäftigten einen Entlassungsbrief. Noch einmal ein Drittel der verbliebenen Belegschaft musste 2019 gehen, nachdem eine weitere RSV-Studie floppte. Novavax verkaufte sogar seine Produktionsanlagen, um sich über Wasser zu halten, und vermied den Rausschmiss von der Technologiebörse Nasdaq, indem je 20 Aktien zu einer zusammengelegt wurden.

"Ich bin Biotech-CEO", wischte Stanley Erck die Frage weg, ob er zu viel versprochen hatte. "Ich gebe zu, ein Optimist zu sein." Insider beschrieben die Atmosphäre der Firma mit Sitz in einem nüchternen Flachbau in einem Gewerbegebiet als locker, aber unprofessionell. Freitags traf Erck das ganze Team zum Bowling mit Bier. Anfang 2020 war wieder einmal so ein Treffen in einer lokalen Bar, auf der die Novavax-Leute diskutierten, wo sie noch Jobs finden könnten. Sie hatten zwar wieder einen Hoffnungsträger in der Pipeline, diesmal gegen Grippe, aber bestenfalls noch Geld für ein halbes Jahr.

Und dann kam Corona. Erck ging noch im Januar 2021 das Risiko ein, den Proteinimpfstoff auch gegen das neuartige Coronavirus auszuprobieren, statt sich voll auf das Grippemittel zu konzentrieren. Am 30. April vergangenen Jahres wurde das Projekt NVX-CoV2373 zur klinischen Studie bei der US-Behörde FDA angemeldet – zeitgleich mit dem von Biontech, das anschließend zum Welterfolg durchmarschierte. Novavax hingegen erlebte im Zeitraffer noch einmal die Achterbahnfahrt aus Hoffnung und Enttäuschung, die auch die Firmengeschichte prägt.

Milliardenspritzen von Trump und Gates

Zuerst kam die in China bestellte Genprobe des Virus wegen abgesagter Flüge nicht an. Dann fielen Produktionspartner aus – zeitweise hatte Novavax auf die Firma Emergent Biosolutions des aus Deutschland stammenden Gründers Fuad El-Hibri (63) gesetzt, in deren Fabrik in Baltimore später Wirkstoffe von Johnson & Johnson und Astrazeneca vermischt wurden, weswegen sie jetzt seit April 2021 stillgelegt ist und auf Geheiß der Behörden mindestens 75 Millionen Impfdosen vernichtet werden mussten. Dadurch wurde die Studie verzögert. Als sie anlief, waren schon andere Impfstoffe auf dem Markt und 5000 Probanden sprangen ab, weil sie nicht im Zweifel nur ein Placebo gespritzt haben wollten. Novavax antwortete mit einem neuen Design der Studie, was wieder Zeit kostete. Zuletzt meldete das Unternehmen eine monatelange Verzögerung wegen mangelnder Rohstoffe – und wachsende Verluste, je länger die Entwicklung dauert.

Auf der Habenseite stehen zwei Milliarden Dollar Cash. Zu verdanken hat Novavax die vor allem der amerikanischen Regierung. 1,6 Milliarden Dollar sagte Trumps Impfstoffoperation "Warp Speed" im Juli 2020 zu, die bis dahin größte Summe des Programms, mehr sogar als für das erfolgreiche und maßgeblich von staatlichen Instituten betriebene mRNA-Projekt von Moderna. Die "New York Times" berichtete , dass zwei der Entscheider der Biotech-Behörde Barda zuvor die Impfstoffentwicklung von Novavax geleitet hatten. Einer von ihnen, Rick Bright, verweigerte ein Treffen mit Novavax-Chef Erck als unethisch und reichte eine Whistleblower-Beschwerde ein, verlor dann aber seinen Job – und Erck bekam seinen Termin eine Etage höher. Natürlich nutze das Unternehmen seine Connections, erklärte Topmanager John Trizzino, es sei aber alles sauber gelaufen.

"Frankly, we need money": Auf dem Impfstoffgipfel mit dem damaligen US-Präsidenten Donald Trump am 2. März 2020 hatte Novavax-Chef Stanley Erck wohl den Auftritt seines Lebens

"Frankly, we need money": Auf dem Impfstoffgipfel mit dem damaligen US-Präsidenten Donald Trump am 2. März 2020 hatte Novavax-Chef Stanley Erck wohl den Auftritt seines Lebens

Foto: Kevin Dietsch / imago images/MediaPunch

Der wichtigste Türöffner war wohl die Verbindung zur Gates-Stiftung und der von ihr angestoßenen Non-Profit-Organisation CEPI, die beide zuvor schon bei anderen Impfstoffprojekten Novavax unterstützt hatten. CEPI-Chef Richard Hatchett entschied sich bereits im Februar 2020 für Novavax und sagte 388 Millionen Dollar zu, noch bevor Geld vom Staat floss. Über diesen Weg kam das Unternehmen auch an einen Großauftrag der Covax-Initiative für Entwicklungsländer – und einen Auftritt im Weißen Haus zum Impfgipfel mit Trump. "Offen gesagt, wir brauchen Geld", ist Stanley Ercks Beitrag vom 2. März 2020 in den Protokollen vermerkt. Mit diesen Worten dürfte er dafür gesorgt haben, dass Novavax nach 34 Jahren davor steht, den Ruf des ewigen Versagers abzuschütteln.