mRNA-Hersteller im Überblick Die größten Aspiranten auf das Medizingeschäft von morgen

Die Corona-Impfung von Biontech und Moderna soll erst der Anfang gewesen sein: Etliche Firmen rechnen sich Chancen aus, die mRNA-Technik gegen andere Krankheiten einzusetzen. Die wichtigsten Player um den nächsten Pharmaboom im Überblick.
Pionierarbeit: Mitarbeiterin bei der Corona-Impfstoffproduktion von Biontech in Marburg

Pionierarbeit: Mitarbeiterin bei der Corona-Impfstoffproduktion von Biontech in Marburg

Foto: --- / dpa

Schon jetzt kann sich Biontech als Game Changer rühmen. Die Ausgründung der Universität Mainz hat mit dem ersten Covid-19-Impfstoff maßgeblich zum Kampf gegen die Pandemie beigetragen - und zugleich den ersten Beweis geliefert, dass sich die mRNA-Technik erfolgreich medizinisch nutzen lässt. Die Botenmoleküle lassen sich als Bauanleitung für alle möglichen Proteine im Körper programmieren, theoretisch sind Impfstoffe oder Arzneien gegen beliebige Krankheiten denkbar, und das bei minimalem Einsatz an Material und Entwicklungszeit.

Mehr als 150 aussichtsreiche Projekte zählen die Biotechanalysten von Roots Analysis. Der Erfolg von Biontech und US-Wettbewerber Moderna setzt Milliarden an Kapital für die mRNA-Forschung frei. So steigen die Chancen, dass die Hoffnungsträger auch tatsächlich in wenigen Jahren vermarktet werden; vielleicht sogar als individuelle Krebstherapie, so der ursprünglich beabsichtigte und immer noch verfolgte Unternehmenszweck von Biontech.

Biontech-Chef Uğur Şahin (55) selbst prophezeit, "in 15 Jahren wird ein Drittel aller Arzneimittel auf der mRNA-Technik basieren". Das wäre ein Markt von mehreren hundert Milliarden Euro pro Jahr. Berenberg-Analyst Zhiqiang Shu vergleicht Biontechs Rolle in der Branche mit Tesla oder Apple. Die Börse scheint das ähnlich zu sehen: Der Firmenwert der Mainzer ist aus dem Nichts auf die Top 5 der deutschen Aktiengesellschaften katapultiert worden.

Nur ist weder garantiert, dass die klinischen Versuche gegen Krebs, Malaria oder Grippe ebenso gute Ergebnisse liefern wie im Fall der Corona-Impfung, noch dass Biontech abermals auf der Gewinnerseite steht. "Jeden Tag sehe ich ein neues Unternehmen, das auf mRNA setzt", zitiert das Magazin "Wired" Mathieu Gadanfar, den Forschungschef des belgischen Start-ups Ziphius, das seinerseits an zehn Kandidaten von Dengue bis Hepatitis forscht und in wenigstens vier Fällen bis zum kommenden Jahr Ergebnisse liefern will. Auch große Pharmakonzerne steigen in das Rennen ein.

Biontech im Geldregen und Forschungseifer

Biontech zählt dennoch zu den Favoriten - wegen der jahrelangen Erfahrung in Kooperationen auch mit globalen Geldgebern wie der Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung oder der Initiative CEPI (Coalition for Epidemic Preparedness Innovations), vor allem aber wegen des Geldregens durch den milliardenfachen Verkauf des Corona-Impfstoffs. Allein der Nettogewinn im ersten Halbjahr belief sich auf 3,9 Milliarden Euro. Angesichts der abermals erhöhten Prognose für das Geschäftsjahr bleibt locker das angepeilte Milliardenbudget für weitere Forschungsausgaben übrig.

In ihrer jüngsten Investorenpräsentation konnten die Mainzer mehr als 20 Kandidaten für zukünftige mRNA-Impfstoffe oder -Arzneien vorweisen. Allein fünf Kandidaten für Krebsmittel sind bereits in der zweiten von drei Phasen der klinischen Entwicklung. Auf dieser Stufe gab es zuletzt jedoch oft auch enttäuschende Ergebnisse. Je mehr Projekte voranschreiten, desto größer ist zugleich aber auch die Hoffnung, dass einige davon funktionieren. Mehrere Biontech-Kandidaten sind in der präklinischen Entwicklung gegen HIV oder Tuberkulose, jüngst wurde auch ein Projekt gegen Malaria gestartet.

"Grippe ist das Ziel Nummer eins", meint Medizinprofessorin Ann Falsey von der US-Universität Rochester, die ein Versuchszentrum für den Biontech-Impfstoff leitete. Gegen das Influenzavirus sind zwar schon etliche Impfstoffe auf dem Markt, aber mit meist eher mittelmäßiger Wirksamkeit, je nachdem, welcher der verschiedenen Virusstämme aktuell gerade vorherrscht und weiter mutiert. Mit mRNA ließe sich ein umfassender und anpassungsfähiges Vakzin herstellen, so die Hoffnung, das im Idealfall den Grippewellen mit hunderttausenden Todesopfern ihren Schrecken nehmen könnte.

Den Start der klinischen Versuche erwartet Biontech noch im dritten Quartal, dabei kooperiert das Unternehmen wie im Fall der Corona-Impfung mit dem US-Pharmariesen Pfizer. Dieses Projekt war es, das die beiden ungleichen Partner im Jahr 2018 zuerst zusammenführte.

Pfizer schielt auf einen Alleingang

Das nächste Biontech? Könnte auch Pfizer selbst werden. Dann wäre der Partner von Biontech zugleich ein ernster Herausforderer. "Wir sind jetzt an der Spitze und wollen den Abstand halten", tönte jedenfalls Konzernchef Albert Bourla (59), als er im März gegenüber dem "Wall Street Journal"  eine mRNA-Offensive verkündete. "Wir arbeiten gern mit Biontech zusammen, brauchen das aber nicht unbedingt." In der Impfstoffentwicklung habe Pfizer in kurzer Zeit das Wissen von Jahren erworben und könne dies dank der eigenen Größenvorteile nun hebeln. Im Staat New York werde ein eigenes Entwicklungszentrum geschaffen.

Die Ende Juli präsentierten Details zur mRNA-Strateige ließen jedoch erahnen, dass es mit dem Alleingang nicht ganz so schnell geht. Erste Priorität habe die Investition in die Kapazitäten für den Covid-Impfstoff, der nach Pfizers Vorstellung jahrelang Multimilliardenerträge einbringen soll. An zweiter Stelle kämen mögliche weitere Impfstoffe gegen Grippe - weiterhin mithilfe von Biontech - und andere Infektionserreger wie RSV oder das Zytomegalievirus. Erst danach wolle Pfizer neue Kandidaten etwa unter den seltenen Krankheiten oder bei Krebs mit dem stärksten Verhältnis von Nutzen und Risiko ermitteln.

Moderna auf dem Fast Track

Moderna hingegen steht als reines mRNA-Unternehmen fast ähnlich stark da wie Biontech, aber ohne Know-how und Gewinn aus dem Covid-Geschäft mit einem großen Pharmakonzern teilen zu müssen. Die US-Biotechfirma hat im ersten Halbjahr vier Milliarden Dollar Gewinn eingefahren, im Gesamtjahr rechnet Firmenchef Stéphane Bancel (49) mit Einnahmen von 20 Milliarden Dollar.

Da bleibt genug Geld übrig, um mit einem Aktienrückkauf den Kurs zu pflegen und zugleich trotzdem noch groß in die Forschung zu investieren. Für drei Projekte steht nach Firmenangaben der Start der Phase-3-Studien kurz bevor: für einen von der US-Arzneimittelbehörde FDA ins beschleunigte Verfahren geschickten RSV-Impfstoff, für ein Vakzin gegen die besonders für Neugeborene tödliche Zytomegalie, und ebenfalls für einen Grippeimpfstoff. Bancel sieht darin "einen Markt von fünf bis sechs Milliarden Dollar".

Außerdem bereits in der zweiten Phase der klinischen Entwicklung stecken Moderna-Forschungen gegen das Zika-Virus, Pneumokokken und ein Heilmittel für Blutkreislauferkrankungen mithilfe des Botenstoffs VEGF-A, an dem Moderna schon seit 2013 mit Astrazeneca zusammenarbeitet. Der britisch-schwedische Pharmakonzern, im Corona-Impfstoffgeschäft eher glücklos, könnte als Moderna-Partner im mRNA-Geschäft nach vorn kommen. Auch mit einem aussichtsreichen Krebsmittel kooperieren die beiden Firmen, zwei weitere im fortgeschrittenen klinischen Stadium befindliche Studien betreibt Moderna mit dem US-Pharmariesen Merck & Co.

Curevac braucht Hoffnungswerte

Deutlich zurück hängt der Tübinger Wettbewerber Curevac, trotz des Anspruchs als Pionier der Technik ("the RNA people"). Im Ende März beendeten Geschäftsjahr 2020 konnte das Unternehmen einen Kapitalzufluss von 1,3 Milliarden Euro verbuchen, doch diese Mittel wurden weitgehend für die Corona-Impfung gebraucht. Und da dieses Vorhaben floppte, dürften sich die Kassen auch auf absehbare Zeit kaum füllen. Das Geld fehlt, um weitere Forschungsvorhaben voranzutreiben.

Zuletzt im April konnte Curevac den Investoren immerhin drei Projekte in der ersten klinischen Phase präsentieren, eines mit bisher enttäuschender Bilanz gegen Tollwut und zwei verschiedene Krebsprogramme. Erst im Laborstadium stecken verschiedene Kandidaten gegen Rotaviren, Malaria, Influenza, Lassa- und Gelbfieber oder RSV.

Teils arbeitet Curevac gegen Infektionskrankheiten mit dem britisch-schwedischen Pharmakonzern Glaxosmithkline zusammen, der Mitte 2020 auch als Großaktionär einstieg. Höchste Priorität hat für beide jedoch die Forschung am Covid-Impfstoff der "zweiten Generation", der von vornherein auf die Virusmutationen reagiert. Für beide Unternehmen wäre es ein Comeback, da sie bisher hinter ihren Erwartungen zurückblieben. Glaxosmithkline war vor Corona der Weltmarktführer im Impfstoffgeschäft. Ansonsten hat Curevac als Zukunftshoffnung noch sogenannte mRNA-Printer im Programm: dezentral einsetzbare Mini-Produktionsanlagen, die das Pharmageschäft auf eigene Weise revolutionieren könnten.

Sanofi rollt das Feld von hinten auf

Der Pharmariese Sanofi, bisher die Nummer zwei im Impfstoffmarkt, will das mRNA-Geschäft mit größerem Einsatz aufrollen. Noch in diesem Jahr sollen Ergebnisse für einen mRNA-basierten Grippeimpfstoff vorliegen, den Sanofi gemeinsam mit Translate Bio entwickelt. Das US-Unternehmen, mit dem die Franzosen seit 2018 kooperieren, hat Sanofi nun kurzerhand für 3,2 Milliarden Dollar gekauft. In der Pipeline stehen verschiedene Mittel gegen Infektionskrankheiten.

Wie viele Projekte hinzukommen, darüber soll jetzt beraten werden. "Unser Ziel ist es, das Potenzial von mRNA in anderen strategischen Bereichen wie Immunologie, Onkologie oder seltenen Krankheiten, zusätzlich zu Impfstoffen, zu heben", erklärte Sanofi-Chef Paul Hudson (53). 400 Millionen Euro sollen jährlich in die neue mRNA-Sparte fließen. Für eine ähnliche Summe hatte der Konzern bereits im April das mRNA-Startup Tidal Therapeutics übernommen.

Merck und Evonik als Schlüssellieferanten

Ebenfalls als Gewinner des zukünftigen mRNA-Geschäfts präsentieren sich Unternehmen, die nicht selbst Impfstoffe oder Arzneimittel entwickeln, aber an anderer Stelle der Wertschöpfungskette profitieren. Der deutsche Pharma- und Chemiekonzern Merck KGaA beispielsweise hat sich mit Lipidhüllen, ohne die der mRNA-Wirkstoff vom menschlichen Körper sofort abgestoßen würde, für Biontech und andere unentbehrlich gemacht. Mit der Hamburger Firma Amptec kaufte der Dax-Konzern im Januar noch einen Hersteller der eigentlichen mRNA hinzu. Das neue Geschäft spielt eine wichtige Rolle in der Wachstumsstrategie der neuen Chefin Belén Garijo (61).

Ähnlich der Chemiekonzern Evonik: Das Unternehmen hat zu Jahresbeginn schnell deutsche Produktionsanlagen für die Lipidnanopartikel einer kanadischen Tochterfirma hochgezogen, um der Nachfrage nach mRNA-Präparaten gerecht zu werden. Vorstandschef Christian Kullmann (52) betont jetzt gerne die Rolle der Medizintechnik, zuletzt bei der Übernahme der Biotechfirma Jenacell: Deutschland habe die Chance, "ein Stückweit wieder Apotheke der Welt" zu werden.

Viele weitere Wildcards

Daneben ist noch eine Vielzahl weiterer Firmen unterwegs, die mit klinischen Erfolgen jederzeit aus dem kommerziellen Nichts zum Marktführer aufsteigen könnten, ähnlich wie das Biontech und Moderna gelang. Zu den größeren Hoffnungsträgern der mRNA-Szene zählen Gridstone mit seiner HIV-Forschung, die mit Boeing und der Internationalen Raumstation kooperierenden Krebsforscher von Kernal Biologics, Arcturus, Etherna oder die mit Kapital des japanischen Pharmakonzerns Takeda ausgestattete Anima Biotech.

Biontech gibt sich angesichts des scharfen Wettbewerbs entspannt. "Wir halten es für eine großartige Anerkennung für mRNA-Technologien, dass solche Unternehmen ihre eigenen mRNA-Strategien aufbauen", kommentierte eine Firmensprecherin die Avancen des Partners Pfizer.

ak
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