Verdacht auf schwere Täuschung Französische Behörden ermitteln gegen Tochterfirma von Merck

Die französischen Behörden ermitteln gegen eine Firmentochter des Pharmakonzerns Merck. Nach einer Rezeptur-Änderung beschwerten sich Patienten über Nebenwirkungen, im Verfahren geht es jetzt darum, ob der Konzern ausreichend über die Änderung informierte.
Foto: Ralph Orlowski/ REUTERS

Wegen einer Änderung der Rezeptur des Schilddrüsenmedikaments Levothyroxin ermittelt die französische Justiz gegen den dortigen Ableger des Darmstädter Pharmahersteller Merck. Wie eine Sprecherin der Frankreich-Tochter am Mittwoch mitteilte, geht es um den Verdacht schwerer Täuschung. Konkret drehen sich die Ermittlungen darum, wie Merck über die Änderung der Rezeptur informierte. Die im Dax notierte Aktie gab zuletzt um mehr als vier Prozent nach.

"Wir haben lange auf den Beginn des Verfahrens gewartet. (...) Endlich bewegt sich etwas", sagte die Anwältin Marie-Odile Bertella-Geffroy, die etwa 3000 Patienten vertritt, die nach der Einnahme des Mittels Levothyrox nach eigenen Angaben unter Nebenwirkungen litten.

Nebenwirkungen nach Änderung der Zusammensetzung des Medikaments

Merck hatte die neue Zusammensetzung des in Frankreich als Levothyrox bekannten Medikaments auf Bitten der französischen Medikamentenbehörde ANSM entwickelt. Damit sollte sichergestellt werden, dass der Wirkstoff von einer Charge zur anderen und während der gesamten Lagerung konstant bleibt. Diese Formel war von Ende März 2017 an in Apotheken erhältlich.

Patienten beschwerten sich daraufhin über Nebenwirkungen wie Müdigkeit, Haarausfall oder Gewichtszunahme. Rund drei Millionen Menschen waren in Frankreich zu diesem Zeitpunkt auf das Medikament angewiesen. Nach Angaben von Merck hat die große Mehrheit der Betroffenen den Übergang auf die neue Mixtur gut überstanden.

2018 wurde eine strafrechtliche Untersuchung wegen schwerer Täuschung, fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Körperverletzung eingeleitet. Das nun eingeleitete Verfahren kann am Ende zu einem Strafprozess führen, falls die Ermittler ausreichend Beweise sehen. Andernfalls können sie das Verfahren einstellen.

Im aktuellen Verfahren gehe es nicht um die Qualität des Medikaments, sondern um "die Art der Information zum Zeitpunkt des Übergangs von der alten zur neuen Zusammensetzung", betonte des Unternehmen. Es wolle alles tun, um zu zeigen, dass kein Delikt vorliege.

Merck musste bereits Schadensersatz zahlen

Wegen des Schilddrüsenmedikaments stand der Dax-Konzern bereits 2020 in einem Zivilverfahren in Frankreich vor Gericht. Das Kassationsgericht als oberstes französisches Gericht bestätigte im März, dass Merck mehr als 3000 Klägern Schadenersatz von je 1000 Euro zahlen muss.

Der Pharmahersteller habe auf dem Beipackzettel zwar wie erforderlich die neuen Inhaltsstoffe genannt. Das Kleingedruckte sei aber nicht ausreichend gewesen, um die Patienten über die geänderte Rezeptur zu informieren. Merck hatte die Anschuldigungen zurückgewiesen. Ärzte und Apotheker sowie der Konzern selbst hätten aufgeklärt.

afx-dpa/AFP/frm
Mehr lesen über
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.