Hunderte Millionen Dollar im Feuer US-Opioid-Krise droht für McKinsey teuer zu werden

Pharmakonzerne sollen in den USA mit rücksichtsloser Vermarktung von Opioiden für hunderttausende Tote verantwortlich sein. Eine Krise, die nun auch die Beratungsfirma McKinsey einholt - sie hatte ein fatales Mandat.
Schmerzen durch Schmerzmittel: McKinsey bereitet die frühere Beratung des Pharmaunternehmens Purdue in den USA Probleme

Schmerzen durch Schmerzmittel: McKinsey bereitet die frühere Beratung des Pharmaunternehmens Purdue in den USA Probleme

Foto: George Frey/ REUTERS

Spätfolgen eines fatalen Mandats: Die Beratungsgesellschaft McKinsey sieht sich in den USA rechtlichen Forderungen gegenüber, weil sie vor Jahren die Pharmafirma Purdue Pharma beim Marketing und dem Verkauf von Opioiden beraten hat. Damit geriet McKinsey auf die Seite der Beschuldigten in der großen Opioid-Krise, die die Vereinigten Staaten seit Beginn des neuen Jahrtausends belastet, und die bereits mehrere hunderttausend Todesopfer gefordert hat. Jetzt gibt es erste Klagen gegen McKinsey, während die Beratungsfirma auf US-Ebene über einen groß angelegten Vergleich verhandelt.

Über eine Klage gegen McKinsey in Madison County im US-Staat Illinois berichtet beispielsweise die regionale Newsseite "The Telegraph ". Der dortige Bezirksstaatsanwalt werfe dem Unternehmen Beteiligung an einer "zivilen Verschwörung" vor, so der Bericht. Es sei eines der ersten Verfahren dieser Art gegen McKinsey in den USA, so die Website - allerdings offenbar keineswegs das einzige.

Eine Sprecherin von McKinsey betont auf Anfrage, das Unternehmen habe sich im Zusammenhang mit der Beratung von Purdue Pharma stets an Recht und Gesetz gehalten und zu keiner Zeit etwas Unrechtes getan. McKinseys Arbeit für Opioid-Hersteller sei auf den Bereich der legalen Verschreibung solcher Medikamente ausgerichtet gewesen, für Patienten, die legitimen medizinischen Bedarf hätten, heißt es zudem in einem Statement des Unternehmens. Jede Behauptung, McKinsey habe Kunden geraten, geltende Vorschriften zu umgehen oder die öffentliche Gesundheit zu verschlechtern, sei falsch. Zudem kooperiere das Unternehmen in der Sache mit den Behörden und habe seine Zusammenarbeit mit Opioid-Anbietern generell eingestellt.

Wie das "Wall Street Journal " sowie die "Financial Times " berichten, befindet sich McKinsey in Verhandlungen, um einen Vergleich in dem Konflikt abzuschließen und damit teuren Rechtsstreitigkeiten aus dem Weg zu gehen. Den Berichten zufolge könnte die Beratungsfirma durch einen solchen Vergleich hunderte Millionen Dollar sparen. Es sei aber keineswegs sicher, dass er auch zustände käme.

Purdue Pharma hat seine Schuld bereits gestanden

Hintergrund der Probleme sind die Opioid-Krise in den USA, die in diesem Jahrtausend bereits mehrere hunderttausend Todesopfer forderte, und die unrühmliche Rolle, die Purdue Pharma dabei spielte. Jahrelang verschrieben teils windige Mediziner in den Vereinigten Staaten immer mehr Schmerzmittel, ohne zu beachten, dass die Präparate süchtig machten und für viele Menschen fatale Folgen hatten. Beteiligt waren an dem Geschäft auch Arzneimittelhändler, die keine Hemmungen hatten, die Mittel herauszugeben, sowie vor allem Pharmaunternehmen, die im großen Stil Marketing betrieben, um ihre Umsätze zu steigern. Mehrere hunderttausend Menschen sind seit Beginn des Jahrtausends in diesem Zuge bereits abhängig geworden und zu einem großen Teil auch an ihrer Sucht zugrunde gegangen.

Auch Purdue Pharma wurde vorgeworfen, Schmerzmittel ohne Rücksicht auf Suchtgefahren aggressiv vermarktet und damit maßgeblich zu der landesweiten Krise beigetragen zu haben. Im Falle Purdue ging es insbesondere um das Präparat OxyContin. Das Mittel kam 1996 in den USA auf den Markt und legte ein rasantes Umsatzwachstum hin. US-Quellen  zufolge wuchs der Umsatz binnen vier Jahren von einem zweistelligen Millionen-Dollar-Betrag auf eine Milliardensumme an. Spätestens 2004 gehörte OxyCortin zu den führenden Suchtmitteln unter den Arzneien in den USA, heißt es weiter. Purdue machte in den weiteren Jahren hohe Milliardenumsätze mit OxyCortin, wovon Medienberichten zufolge ein großer Teil bei der Unternehmerfamilie Sackler landete, die hinter dem Pharmaunternehmen steht .

Purdue sowie deren Eigentümerfamilie Sackler schlossen im Oktober 2020 Vergleiche mit der US-Regierung, um die Rechtsstreitigkeiten zu beenden. So verpflichtete sich der Konzern insgesamt 8,3 Milliarden Dollar zur Beilegung zivil- und strafrechtlicher Verfahren auf Bundesebene zu zahlen. Weitere 225 Millionen Dollar sollten die Sacklers zahlen. Allerdings erschien bereits zum Zeitpunkt des Vergleichsabschlusses unklar, ob die Summen jemals fließen würden, denn Purdue hatte bereits 2019 nach zahlreichen Klagen von amerikanischen Bundesstaaten, Städten und Landkreisen Insolvenz beantragt.

Zudem gab Purdue ein Schuldeingeständnis ab, das nun offenbar McKinsey zum Verhängnis werden könnte. Wie "The Telegraph" berichtet, hat sich der Konzern des Tatbestandes der "civil conspiracy" ("ziviles Komplott/Verschwörung") schuldig bekannt. Dabei seien die Namen der Mitverschwörer zwar nicht genannt worden. Alles deute jedoch auf die Beratungsfirma McKinsey hin. Dem Bericht zufolge gehen die Kläger davon aus, dass Purdue seine Umsätze mit OxyCortin aufgrund der Beratung durch McKinsey verdreifachen konnte.

cr
Mehr lesen über Verwandte Artikel