Medikamentenversorgung Lieferengpässe bei Arzneimitteln

Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte meldet derzeit mehr als 300 Lieferengpässe bei Medikamenten. Ursachen sind Lieferkettenprobleme, Inflation, Rohstoffmangel – und dass viele Pharmafirmen ihre Wirkstoffproduktion nach Asien verlagert haben.
Apotheken unter Druck: Momentan sind Paracetamol- und Ibuprofen-haltige Fiebersäfte für Kinder nur eingeschränkt verfügbar

Apotheken unter Druck: Momentan sind Paracetamol- und Ibuprofen-haltige Fiebersäfte für Kinder nur eingeschränkt verfügbar

Foto: Marko Geber / Getty Images

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Nahezu täglich gehen derzeit Warnmeldungen aus der deutschen Pharmaindustrie beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) ein. Diverse Hersteller melden, dass sie Medikamente von nun an erstmal nicht mehr wie üblich liefern können. Allein in dieser Woche: Am Montag meldete die Firma Mibe wegen unzureichender Produktionskapazitäten einen Engpass bei einem Notfall- und Schockmedikament; am Dienstag verkündete ITM Medical Isotopes aus München Lieferschwierigkeiten bei einem Tumormarker; am Mittwoch meldete Mundipharma die sonst übliche Verfügbarkeit eines starken Schmerzmittels bis Ende Januar ab.

Hinzu kommen täglich mehrere "Änderungsmeldungen", mit denen einzelne Hersteller die bereits gemeldeten Lieferengpässe bestimmter Medikamente verlängern. Insgesamt stehen auf der Liste des BfArM  aktuell mehr als 300 Arzneimittel – und zwar nicht nur teure Spezialmedikamente. Das ist zwar nur ein Bruchteil der rund 100.000 zugelassenen Arzneimittel in Deutschland und die Behörde sieht auch "keine Hinweise auf eine generelle akute Verschlechterung der Versorgungslage in Deutschland". Allerdings: Wenn bei einem versorgungsrelevanten Arzneimittel ein Lieferengpass entsteht und keine alternativen Medikamente zur Verfügung stehen, kann das spürbare Folgen haben. "Die Lage ist schlimm", sagte Thomas Preis, der Vorsitzende des Apothekerverbandes Nordrhein, gegenüber der dpa. So etwas habe er in über 30 Berufsjahren nicht erlebt.

Die Probleme beschäftigen die Branche schon lange. Erst Anfang dieses Jahres sah es kritisch bei tamoxifenhaltigen Arzneimitteln aus. Der Wirkstoff wird zu Behandlung von Brustkrebspatienten eingesetzt. Das BfArM schlug Alarm, das Bundesministerium für Gesundheit unter Karl Lauterbach (59; SPD) stellte daraufhin im Februar einen Versorgungsmangel fest und erlaubte unter anderem Importe aus der Schweiz und dem Vereinigten Königreich. Als Ursache erkannte das Ministerium den Produktionsausfall eines Herstellers, dieser konnte kurzfristig nicht von anderen Anbietern kompensiert werden. Zulieferer hatten sich laut dem Verband Pro Generika zuvor aus wirtschaftlichen Gründen aus der Produktion zurückgezogen. Mittlerweile schätzt man im Ministerium die Lage zwar wieder als stabil ein, der Versorgungsmangel liegt aber offiziell weiter vor.

Momentan sind Paracetamol- und Ibuprofen-haltige Fiebersäfte für Kinder nur eingeschränkt verfügbar – auch wenn das Ministerium betont, dass es sich bei den derzeitigen Einschränkungen nicht um einen Lieferabriss handelt. Besonders Generika, also patentfreie Arzneimittel, sind von den Lieferengpässen betroffen. In der Liste der Lieferengpässe befinden sich unter anderem Antibiotika, Insuline sowie Krebstherapiemittel. Außerdem in der Aufstellung zu finden: Actilyse mit dem Wirkstoff Alteplase, das weltweit einzige Medikament zur Akutbehandlung eines Schlaganfalls. Das BfArM unterscheidet bei den Meldungen zwischen versorgungsrelevanten und versorgungskritischen Wirkstoffen. Bei letzteren ist schon einmal ein Versorgungsmangel eingetreten. Laut dpa gibt es derzeit rund zehn Meldungen zu versorgungskritischen Wirkstoffen, zu denen auch Alteplase gehört.

Kostendruck im Gesundheitswesen ein Grund

Die Gründe für die Lieferengpässe sind vielfältig. "Der Kostendruck im Gesundheitswesen insgesamt ist das Hauptproblem", heißt es bei der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA). Ähnlich sieht es der Verband ProGenerika, der die Generika- und Biosimilarunternehmen in Deutschland vertritt. Eine Sprecherin betont vor allem den wirtschaftlichen Druck: Der Anteil den Generika-Hersteller für ihre Arzneimittel erhalten, sinke seit Jahren. "Das hat zur Folge, dass die Produktion vieler Generika für die Hersteller nicht mehr wirtschaftlich ist. Immer mehr Unternehmen haben sich deshalb aus der Versorgung zurückgezogen."

Das ist besonders spürbar, wenn – wie aktuell etwa durch die Inflation – die Kosten steigen. Hubertus Cranz, der Geschäftsführer vom Bundesverband der Arzneimittelhersteller (BDA), verweist auf gestiegene Kosten für Energie, Verpackungsmaterialien, Logistik sowie Wirk- und Hilfsstoffe hinzu, die die Hersteller sehr belasten. Gerade Verpackungen sind aktuell überall knapp, Papier, Glas, bestimmte Kunststoffe entsprechend teurer – oder gar nicht verfügbar. Anders als in anderen Branchen können Arzneimittelhersteller nicht einfach die Preise erhöhen. Gesetzliche Preisregulierungen, etwa durch Festbeträge oder Rabattverträge mit den Krankenkassen würden die Flexibilität einschränken. "Im Gegensatz zu anderen Branchen können gestiegene Herstellungskosten nicht oder nur teilweise kompensiert werden", sagt Cranz.

Verlagerung der Arzneimittelproduktion nach Asien

Hinzu kommt: Viele Hersteller beziehen ihre Inhalts- und Wirkstoffe aus Kostengründen mittlerweile zu großen Teilen aus China oder Indien. Laut einer Studie vom Verband der forschenden Pharma-Unternehmen (vfa) ist Asien der wichtigste Produktionsstandort für Wirkstoffe, die für den europäischen Raum bestimmt sind. Das erhöht in Zeiten angespannter Lieferketten die Risiken. Und neben Lieferproblemen komme es mitunter auch zu Qualitätsproblemen, sagt ein Sprecher der Apothekenlobby: "Wenn eine Charge in einer Fabrik in Fernost den europäischen Standards nicht entspricht und deshalb nicht freigegeben werden kann, kann viel Zeit vergehen, bis die nächste Charge fertig produziert ist."

Beim Apothekerverband ABDA warnt man vor Abhängigkeiten. Es gebe eine Monopolisierung auf dem Markt: "Viele Hersteller sind mitunter abhängig von nur einem oder sehr wenigen Wirkstofflieferanten", heißt es. Fällt dann genau dieser eine Lieferant aus oder hat Probleme in der Produktion, kann das zu Engpässen führen – mit Folgen für Patienten und Patientinnen.

Ziel: Rückverlagerung der Arzneimittelproduktion nach Europa

Die Politik hat die Risiken erkannt. Im Koalitionspapier der Bundesregierung steht, dass die Engpässe bekämpft werden sollen – unter anderem auch durch eine Verlegung der Arzneimittelproduktion zurück nach Deutschland oder in die EU. Auf Anfrage des manager magazin antwortet das BMG dazu, dass die Behörde sowohl mit Herstellern und Verbänden wie auch auf EU-Ebene bereits Gespräche führt.

Die Hersteller begrüßen es natürlich. "Allerdings lässt sich weder von heute auf morgen die Produktion von Arzneimitteln und Wirkstoffen zurück nach Europa holen oder das Problem der Lieferengpässe lösen", sagt Cranz. "Noch ist es realistisch, die gesamte Produktion zurück in die EU zu verlagern." Vermutlich werden also auch in den nächsten Tagen und Wochen weitere Warnmeldungen beim BfArM eingehen.

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