Mangel an Johnson&Johnson-Impfstoff Der Pharmagründer aus Hildesheim und sein Impfdebakel

Der Deutschlibanese Fuad El-Hibri ist nach einer globalen Unternehmerkarriere zur zentralen Figur im Impfstoffdrama aufgestiegen. Leider ohne Ruhm: Weil ein Werk seiner Emergent Biosolutions nach Pfusch lahmgelegt ist, fehlt der ersehnte Johnson&Johnson-Impfstoff - auch in Deutschland.
Defensiv: Per Video zugeschalteter Emergent-Gründer Fuad El-Hibri in einer Anhörung des US-Kongresses in Washington am 19. Mai

Defensiv: Per Video zugeschalteter Emergent-Gründer Fuad El-Hibri in einer Anhörung des US-Kongresses in Washington am 19. Mai

Foto: POOL / REUTERS

Es könnte noch klappen, mit viel Glück. Bis Anfang Juli könnten drei Viertel der Erwachsenen in Deutschland gegen Corona geimpft werden, haben Sebastian Dullien und Andrew Watt vom Wirtschaftsforschungsinstitut IMK errechnet  – zwar nicht mehr komplett, aber wenigstens mit der ersten Spritze. Dafür sei "allerdings zentral, dass im Laufe des Junis zumindest ein relevanter Teil der zugesagten Impfstoffmenge von Johnson & Johnson tatsächlich geliefert und verimpft wird". Die J&J-Dosen seien bisher "eher unzuverlässig" gekommen.

Für das zweite Quartal hat der weltgrößte Pharmakonzern der EU 55 Millionen Dosen seines Vakzins versprochen, von dem eine Dosis pro Person für die volle Impfung reicht. Angekommen sind bisher aber nur sieben Millionen, eine Million davon in Deutschland. Um das Ziel zu erreichen, an dem Politik wie Konzern festhalten, müsste sich die Liefermenge in den wenigen verbleibenden Wochen verzehnfachen. Danach sieht es nicht aus. In dieser Woche wurden die Mitgliedstaaten erneut über "gewisse Verspätungen" informiert.

Weit entfernt vom Ziel: Lieferungen müssten sich verzehnfachen

Im Mittelpunkt des Problems – noch mehr als zuvor bei Astrazeneca  – steht ein Unternehmen, das einem aus Deutschland stammenden Unternehmer gehört: die US-Firma Emergent Biosolutions, gegründet von dem gebürtigen Hildesheimer Fuad El-Hibri (63).

Die Emergent-Fabrik in Baltimore, wo als Auftragsproduktion sowohl für Johnson & Johnson als auch für Astrazeneca Impfstoffe gefertigt werden sollten, ist seit April von den Behörden stillgelegt. Zuvor waren Wirkstoffe für 15 Millionen Impfdosen aus beiden Produktionslinien vermischt und damit unbrauchbar gemacht worden.

Von der FDA gemaßregelt, in Washington gegrillt

Während Amerika auch ohne den Johnson-Impfstoff auskommt, trifft es Europa und andere Länder wie Südafrika empfindlich. Die transatlantische Logistik lässt sich nicht so schnell umstellen. Selbst in den Niederlanden erzeugter Wirkstoff sollte in Baltimore weiterverarbeitet und abgefüllt werden, bevor er auf den europäischen Markt kommt. Dafür gibt es so schnell kaum Ersatz.

Die Arzneimittelbehörde FDA veröffentlichte mit dem in der Branche gefürchteten Formular 483  eine lange Liste abzustellender Mängel im Emergent-Werk. Kongressabgeordnete zitierten genüsslich daraus, als El-Hibri und Firmenchef Robert Kramer (62) Mitte Mai als Zeugen in Washington gegrillt wurden .

Schwarze und braune Rückstände an den Wänden? "Mein Teenagersohn hält sein Zimmer besser sauber als Sie Ihre Fabrik", höhnte ein Volksvertreter. "Ich denke, Sie waren mehr daran interessiert, sich zu bereichern, als der Öffentlichkeit zu dienen", rügte ein anderer. "Sieht für mich nach Insiderhandel aus", kommentierte die Politveteranin Maxine Waters (82), dass Kramer noch kurz vor Bekanntwerden der Vorwürfe und dem damit ausgelösten Kurssturz ein großes Aktienpaket verkaufte. Mehrere Anwaltskanzleien werben schon um Aktionäre für Sammelklagen. "Ich denke, wir wissen genug über Emergent, um denen nicht zu trauen", schloss Waters.

El-Hibri blieb nur noch die Defensive: Die Vernichtung der bitter benötigten Impfstoffe sei "inakzeptabel". Er könne nur auf die herausfordernden Umstände verweisen. Schon zu normalen Zeiten wäre es schwer gewesen, "Arzneisubstanz für zwei virale Produkte in massivem Ausmaß in einer Anlage herzustellen und zugleich neue Produktionstechnologie einzuführen". Und dann noch der Gesundheitsnotstand – "alle Beteiligten gingen mit weit geöffneten Augen da rein", wussten also, dass es auch schief gehen konnte. Das Emergent-Werk sei sicher "nicht in perfektem Zustand" gewesen, aber "auf dem höchsten Stand der Bereitschaft".

Eine globale Karriere bis zum Wohltäter

Die Rolle als Corona-Retter hätte eine wendungsreiche Karriere krönen können. El-Hibri, als Sohn einer Deutschen und eines Libanesen zwischen beiden Ländern pendelnd aufgewachsen, war über das Studium in Stanford und Yale in die globale Geschäftswelt vorgestoßen. Er arbeitete für Citicorp in Saudi-Arabien, als Berater für Booz Allen Hamilton in Indonesien, gründete seine eigene Beratungsfirma in Washington und trat in die Fußstapfen seines Vaters als Unternehmer in der Telekommunikationsbranche. El-Hibri investierte in mobile Netze von Venezuela bis El Salvador, bevor ihn in den 90er Jahren ein Saudi-Auftrag zum Impfstoffgeschäft brachte.

Für 25 Millionen Dollar ersteigerte El-Hibri vom Staat Michigan die einzige US-Produktionsanlage für Anthrax-Impfstoff – der Grundstein für Emergent Biosolutions mit mehreren eigenen Impfstoffen; das Modell der Auftragsproduktion kam erst in jüngerer Zeit hinzu.

Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 wuchs in den USA Argwohn gegenüber einem Muslim, der vom Anthrax-Geschäft profitierte. Doch El-Hibri präsentierte sich glaubwürdig als Versöhner, er gründete eine Stiftung  für Friedenserziehung und interreligiösen Dialog. Ziel: "eine Gesellschaft, in der jeder den amerikanischen Traum in einer diversen und inklusiven Welt verfolgen kann". Islam, Christentum und Judentum seien für ihn "im Wesentlichen dasselbe", sagte er damals . "In Gottes Augen das Beste tun, darauf kommt es an."

Ein Deal ist nah - der Impfstoff noch nicht

Jetzt kommt es vor allem darauf an, die Impfstoffproduktion wieder in Gang zu bringen. Emergent teilt mit, unter Hochdruck die Anforderungen der FDA zu erfüllen. Reparieren, säubern, desinfizieren, die Mitarbeiter schulen. Die Astrazeneca-Produktionslinie wurde aus dem Werk entfernt, die Kontrolle an Johnson & Johnson übergeben.

Laut "Wall Street Journal"  stehen Johnson & Johnson und FDA kurz vor einem Deal. Möglicherweise noch diese Woche könnte die Produktion wieder freigegeben werden, zitierte das Blatt aus Konzern- und Behördenkreisen. Teil des Abkommens sei die Freigabe von 60 Millionen Dosen bereits vorproduzierten und eingelagerten Impfstoffs für den Export. Die meisten davon seien allerdings noch nicht fertig. Es könne noch Monate dauern, bis sie gebrauchsbereit sind – geschweige denn in deutschen Oberarmen landen.

Johnson & Johnson ist zeitgleich auf der Suche nach Wegen, die Vakzine ohne El-Hibris Werk liefern zu können. Bereits eingebunden ist die Dessauer Abfüllanlage von IDT Biologika der badischen Familie Klocke – aber nur für bis Mitte Juni, weil der japanische Takeda-Konzern die für seinen Dengue-Impfstoff reservierte Produktionslinie auslieh. Eine neue Produktionslinie bei Catalent in Italien soll erst im vierten Quartal fertig werden.

Insgesamt zehn Fabriken hat Johnson & Johnson nach eigenen Angaben weltweit mobilisiert. Doch "die Substanz von Emergent ist entscheidend für uns", räumt eine niederländische Konzernsprecherin ein, "besonders im zweiten Quartal".

ak
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