Wachsende Zweifel Chaos um Impfstoff von Johnson & Johnson

Der Corona-Impfstoff des US-Pharmariesen Johnson & Johnson sorgt für Durcheinander: Mehrere EU-Länder gehen auf Abstand, andere legen mit dem Spritzen los. In den USA vertagt die Gesundheitsbehörde ihre Entscheidung, ob und wann die Impfpause endet.
Zurückhaltung auf allen Seiten: Eine Ampulle des Corona-Impfstoffs von Johnson & Johnson

Zurückhaltung auf allen Seiten: Eine Ampulle des Corona-Impfstoffs von Johnson & Johnson

Foto: Mary Altaffer / dpa

Frankreich will ungeachtet der Berichte über sehr seltene, aber schwere Nebenwirkungen den Corona-Impfstoff des US-Herstellers Johnson & Johnson sofort einsetzen. Eine erste Lieferung mit 200.000 Dosen sei Anfang der Woche im Land eingetroffen und werde nun an Allgemeinärzte und Apotheker verteilt, erklärte Regierungssprecher Gabriel Attal am Mittwoch. Bis Ende April erwartet das französische Gesundheitsministerium 600.000 Dosen von Johnson & Johnson. Damit solle die Impfkampagne endlich in Schwung kommen. Auch Belgien hielt an dem Einsatz des vierten in Europa zugelassenen Corona-Vakzins fest. Polen erklärte, am Donnerstag seien die ersten Impfungen verabreicht worden, es seien keine Probleme, Beschwerden oder Impfverweigerer bekannt. Die Regierung erklärte, der Nutzen der Impfung übersteige das absehbare Risiko bei Weitem.

Die Niederlande, Schweden und Dänemark hingegen werden den Impfstoff vorerst nicht anwenden. Zunächst müsse mehr über mögliche Thrombosen bekannt sein, teilte der niederländische Gesundheitsminister Hugo de Jonge am Mittwoch in Den Haag mit. Die USA, wo das Mittel seit März im Einsatz ist, hatten zuvor die Impfung mit dem Präparat nach einigen Fällen von Blutgerinnseln in Hirnvenen ausgesetzt. Der Hersteller hatte auch EU-Staaten empfohlen, bereits gelieferte Dosen nicht zu nutzen. In den USA hatte es bisher sechs Fälle von Hirnvenenthrombosen nach einer Impfung gegeben, bei knapp sieben Millionen Impfungen.

Der Minister will nun das Gutachten der Europäischen Arzneimittelbehörde (EMA) abwarten. Die EMA kündigte an, dass sie die Prüfung der Fälle beschleunige. Die Behörde will nächste Woche ein Gutachten vorlegen. Die Niederlande haben bisher 80.000 Dosen des Impfstoffes bekommen. Es ist der einzige in der EU zugelassene Corona-Impfstoff, bei dem nur eine Dosis gespritzt wird.

Auch Schweden wartet bei dem Präparat vorerst ab: Die nationale Gesundheitsbehörde Folkhälsomyndigheten erklärte am Mittwoch, man warte ebenfalls auf die Ergebnisse der EMA sowie auf Informationen aus den USA. Ähnlich äußerte sich am Mittwoch die dänische Gesundheitsverwaltung Sundhedsstyrelsen dazu.

US-Gesundheitsbehörde vertagt Entscheidung über J&J

Schlecht läuft es für den US-Pharmariesen auch in seinem Heimatland: Nach der vorübergehenden Aussetzung der Impfungen mit dem Wirkstoff von Johnson & Johnson in den USA hat sich ein Beratergremium der US-Gesundheitsbehörde CDC dafür ausgesprochen, vor einer Empfehlung zum weiteren Vorgehen zunächst mehr Informationen zu sammeln. Das entschieden die Mitglieder des Gremiums am Mittwoch nach stundenlanger Diskussion bei einem kurzfristig angesetzten Notfalltreffen. In etwa einer Woche solle es ein weiteres Treffen geben, hieß es.

Die CDC und die Arzneimittelbehörde FDA hatten am Dienstag eine vorübergehende Aussetzung der Impfungen mit dem Wirkstoff von Johnson & Johnson empfohlen, nachdem in den USA in diesem Zusammenhang sechs Fälle von Sinusvenenthrombosen erfasst worden waren. Die Aussetzung sei aus einem "Übermaß an Vorsicht" empfohlen worden, hieß es. Der US-Pharmakonzern Johnson & Johnson verzögerte daraufhin den Marktstart seines Impfstoffs in Europa und setzte auch alle derzeit laufenden Studien mit Impfungen mit dem Wirkstoff vorübergehend aus.

Bislang wurden nach aktualisierten Angaben mehr als 7,2 Millionen Dosen des Impfstoffes, der Ende Februar in den USA zugelassen worden war und von dem es nur eine Dosis braucht, in den USA gespritzt. Bei sechs Frauen zwischen 18 und 48 Jahren war es den Behörden zufolge zwischen 6 und 13 Tagen nach der Impfung zu Sinusvenenthrombosen gekommen. In drei Fällen sei zusätzlich eine Thrombozytopenie, also ein Mangel an Blutplättchen, gemeldet worden. Eine Frau starb.

wed, ak/dpa-afx, Reuters
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