Thomas Sattelberger

Forschung in Deutschland Warum wir dringend einen innovativen Staat brauchen

Thomas Sattelberger
Von Thomas Sattelberger
Von Thomas Sattelberger
Ohne private Investoren wie die Zwillingsbrüder Strüngmann hätte Biontech nicht überlebt. Der Staat jedenfalls sah lange nur zu. Das Beispiel zeigt, wie wichtig eine fundamentale und innovative Verwaltungsreform ist, um die besten Köpfe und Start-ups anzuziehen.
Die staatliche Hilfe kam erst spät: Biontech-Gründerin Özlem Türeci und ihr Partner Uğur Şahin wurden von den Strüngmann-Brüdern finanziert

Die staatliche Hilfe kam erst spät: Biontech-Gründerin Özlem Türeci und ihr Partner Uğur Şahin wurden von den Strüngmann-Brüdern finanziert

Foto: Biontech / dpa

Auch wenn die Bundesregierung sich nun zu schmücken versucht mit dem Ruhm Özlem Türecis (53) und Uğur Şahins (55): Kundige wissen, dass Biontechs Erfolge nicht auf staatlichen Krediten fußen, sondern sich ihren Weg unabhängig von der deutschen Forschungspolitik gebahnt haben.

Bis zum Ausbruch der Corona-Pandemie vor einem Jahr waren die staatlichen Förderungen für Biontech nicht mehr als heute ein paar Dosen Impfstoff für eine Stadt. Dass das Unternehmen so lange überlebensfähig war, verdankt es allein privatem, geduldigem Risikokapital. Und das kam – in der langjährigen Phase, die alle Deep-Tech-Companies wie ein Death Valley durchlaufen müssen – von den Zwillingsbrüdern Thomas und Andreas Strüngmann (71).

Zwei Unternehmer, die in den Biotech-Sektor hunderte Millionen Euro investierten, ohne zu wissen, ob es sich am Ende lohnen würde. Schließlich entscheidet sich erst auf den Schlussmetern eines langen Triathlons, ob es bei einer Idee jemals zum Durchbruch kommt. Ind diesem Fall: auf den letzten Metern der klinischen Studien. Hätte Deutschland keine Strüngmanns bei Biontech und keinen Dietmar Hopp (80) bei Curevac, die industrielle Wertschöpfung unserer Biotechnologie würde vollends nach Asien und in die USA abwandern.

Das zeigt: Bei Biotechnologie und auf weiteren Deep-Tech-Feldern versagt Deutschlands "invisible hand". Deshalb fordere ich frei nach dem schottischen Ökonomen Adam Smith eine "visible hand". Wie die aussehen könnte, hat Mariana Mazzucato (52) im Jahr 2013 in ihrer Streitschrift "The Entrepreneurial State" skizziert. Gleich zu Beginn zitiert sie den Ökonomen John Maynard Keynes, der 1926 an der Berliner Universität forderte, es sei am Staat, "die Entscheidungen zu treffen, die niemand trifft, wenn der Staat sie nicht trifft." Dabei kommt es laut Mazzucato, Innovationsökonomin am University College London, nicht auf mehr oder weniger Staat an, sondern auf einen möglichst innovativen Staat.

Forschungs- und Industriepolitik nur für die Großen

Dem Zeugungsakt bei bahnbrechenden Technologien (wie Raumfahrt, Internet, Gentechnologie, Navigationssysteme oder autonomer Mobilität) ist meist intensive Forschung im militärisch-industriellen Komplex vorausgegangen. Zur Welt kommen solche Sprunginnovationen aber erst in einem fruchtbaren Innovationsökosystem: staatliche wie steuerfinanzierte Forschungszentren, Universitätslabs, Deep-Tech-Inkubatoren, (Aus-)Gründungen, Investoren und Industriepartner. In der Konsequenz also eine viel sichtbarere Hand als Adam Smiths nonchalante Korrektur wirtschaftlichen Marktversagens.

Und just deshalb ist es Rosstäuscherei, wenn Finanzminister Olaf Scholz (62) und Wirtschaftsminister Peter Altmaier (62) jetzt die fromme Denkungsart des Entrepreneurial State für sich reklamieren. Denn beide machen eine bürokratisch-etatistische Forschungs- und Industriepolitik für die Großen: die Thyssenkrupps, die Automobilriesen oder auch Siemens. Oder die Politik versucht sich als Retter strauchelnder Unternehmen wie Maxhütte, Holzmann oder Babcock Borsig oder zuletzt noch zu vorpandemischen Zeiten bei Opel oder der Commerzbank.

Das ist das Gegenteil innovativer Industriepolitik. Die preußischen Verwaltungsreformer, die die bundesdeutsche Bürokratie vordachten, waren schon immer mehr von innerer Ordnung und kameralistischer Buchführung beseelt als von Wirtschaftsverstand und -dynamik.

Man möchte Altmaier und Scholz zu Mazzucato schicken. Bei Energiewende, Digitalisierung, Pandemieprävention, technologieoffener Mobilität und Raumfahrt muss ein innovativer Staat mutige Missionen forcieren. Stattdessen produzieren bei uns normierte, blutleere Bürokraten mutlose Förderprogramme und technologiegeschlossene Incentivierung – sowie Ausschreibungen, die Start-ups ausklammern und den Amtsinhabern der verlotterten Deutschland AG auf den Leib geschneidert sind.

"Wir brauchen eine fundamentale Verwaltungsreform"

Mit dem Altmaier-Scholz-Bürokratiemonster kommen wir beim Entrepreneurial State nicht weiter. Wir brauchen eine fundamentale Verwaltungsreform: einen von Grund auf erneuerten "Entrepreneurial Civil Service".

Abteilungsleiter würden sich wandeln in Projektmanager. Amtsstuben in Makerspaces. Aktenordner in agile, wettbewerbliche Prozesse. Und nostalgische Ideologie in die dringend nötige Erkenntnis, dass große Ideen sich nur in die Tat umsetzen lassen, wenn Staat und Unternehmertum sich die Hand reichen.

Die Folge könnte eine so blühende wie nachhaltige Biotech-Landschaft sein. Deutschland hätte nicht länger zu kämpfen mit der beständigen Abwanderung und der fehlenden Zuwanderung der besten Köpfe und Start-ups. Und unsere Innovationspolitik müsste sich nicht mehr allein darauf verlassen, dass einzelne Forscher oder waghalsige Milliardäre ein unermüdliches Beharrungsvermögen an den Tag legen.