Kurz vor Impfgipfel 77 Millionen Impfdosen für Deutschland - allerdings erst bis Juni

Vor Beginn des Impfgipfels versucht die Regierung, die verärgerten Bürger zu beruhigen: Sie rechnet mit 77 Millionen Impfdosen im zweiten Quartal. Allerdings bleibt es bis Ende März bei dem Impfstoff-Engpass.
Spahn, Merkel: Die Älteren, meist Stammwähler der Union, sind wegen der verpatzten Impfkampagne enttäuscht und frustriert

Spahn, Merkel: Die Älteren, meist Stammwähler der Union, sind wegen der verpatzten Impfkampagne enttäuscht und frustriert

Foto: Axel Schmidt/ REUTERS

Zum Impfgipfel von Kanzlerin Angela Merkel mit den Ministerpräsidenten zeigt sich die Bundesregierung optimistisch über die Lieferungen von Corona-Impfstoff - zumindest für den Zeitraum zwischen März und Juni. Zwar erwartet sie laut einem Reuters vorliegenden Papier des Gesundheitsministeriums bis Ende März nur eine Lieferung von 18,3 Millionen Impfdosen der Hersteller BionTech/Pfizer, Moderna und AstraZeneca. Aber im zweiten Quartal soll Deutschland dann von mehreren Herstellern insgesamt 77,1 Millionen Impfdosen erhalten.

Allein von BioNTech/Pfizer sollten es 40,2 Millionen Impfdosen werden, geht aus dem Papier hervor. In einem weiteren Papier wird zudem darauf verwiesen, dass die Zahl der Impfungen von derzeit im Schnitt rund 100.000 pro Tag auf bis zu fünf Millionen pro Woche hochschnellen kann, wenn 50.000 Arztpraxen mit gut lagerfähigen Impfstoff versorgt werden können.

Im dritten Quartal - also bis Ende September - wird dann sogar mit der Lieferung von zusammengerechnet weiteren 126,6 Millionen Impfdosen gerechnet. Auf dieser Basis wäre die Ankündigung von Kanzlerin Angela Merkel, dass jeder Bürger bis Ende des Sommers ein Impfangebot erhalten sollte, rein rechnerisch machbar. Vizekanzler und SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz hatte daran in der "Süddeutschen Zeitung" Zweifel geäußert. Vor dem Gipfel, an dem auch Vertreter der EU-Kommission und von Pharma-Firmen teilnehmen, hatte das Tübinger Biotech-Unternehmen Curevac Kooperationen mit der Bayer AG , der Wacker AG und Rentschler Biopharma SE bekannt gegeben. Curevac will in diesem Jahr noch bis zu 300 Millionen Impfdosen und im kommenden Jahr dann bis zu eine Milliarde Impfdosen produzieren.

Schleppende Impfstoff-Belieferung sorgt für Frust bei den Ländern

Die Schalte mit Merkel war auf Drängen der Bundesländer zustande gekommen, die sich über die schleppende Belieferung mit Impfstoff beklagen. Sowohl BioNTech/Pfizer als auch Moderna und AstraZeneca, deren Impfstoff erst vergangenen Freitag in der EU zugelassen worden war, hatte ihre ursprünglich versprochenen Liefermengen wegen Produktionsproblemen kürzen müssen. Weil gleichzeitig die USA und Großbritannien aber mehr Impfstoff bekommen, sorgte dies für Unmut und harscher Kritik an Gesundheitsminister Jens Spahn und der EU-Kommission.

Die Grünen und Bayerns Ministerpräsident Markus Söder brachten darauf hin eine staatliche Regulierung der Impfstoffproduktion ins Gespräch. Spahn lehnte dies erneut ab und verwies auf die zahlreichen Kooperationen, die die deutschen Unternehmen BioNTech und Curevac auch so abschlössen. NRW-Ministerpräsident Armin Laschet sagte eine beschleunigte Zulassung für die geplante Impfstoffproduktion für Curevac in dem Bayer-Werk in Wuppertal zu.

Kommt ein nationaler Impfplan?

Bund, Länder, EU-Kommission und Firmen verhandeln seit zwei Uhr über Wege, wie der Prozess des Impfens verlässlicher verlaufen und möglicherweise die Produktion erhöht werden kann. Einige SPD-Ministerpräsidenten hatten einen "nationalen Impfplan" gefordert, der verbindliche Lieferlisten der Firmen für die kommenden Monate beinhalten soll. "Wir müssen wissen, wann welche Impfmengen kommen", forderte auch Söder. Sowohl Curevac-Chef Franz-Werner Haas als auch Spahn betonten aber, dass Prognosen gerade für neue Werke sehr schwierig seien. Auch der Bundesverband der deutschen Industrie (BDI) warnte vor überzogenen Erwartungen. "Ein signifikanter Produktionsausbau ist so komplex und zeitaufwendig, dass mit keiner weiteren Beschleunigung der Impfstoffauslieferung zu rechnen ist", sagte BDI-Präsident Siegfried Russwurm.

Spahn sagte, der Impfgipfel sei wichtig, um zu einem gemeinsamen Verständnis der Probleme und möglicher Lösungen zu kommen. "Der gemeinsame Feind ist das Virus", betonte er angesichts der Angriffe der Länder auf die Bundesregierung und die EU. Er kündigte an, dass es zunächst bei den Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (Stiko) für den am Freitag in der EU zugelassenen Impfstoff von AstraZeneca bleibe, der in Deutschland nicht an über 65-Jährige verabreicht werden soll. Wenn das Unternehmen weitere Daten für die Wirkung des Stoffes bei dieser Altersgruppe vorlege, könne sich dies ändern.

GdP fordert rasche Impfung von Polizei und Feuerwehr

Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) forderte die rasche Impfung der Sicherheitskräfte. "Wenn beim Impfgipfel die Reihenfolge auf den Prüfstand gestellt wird, müssen die Sicherheitsbehörden besser berücksichtigt werden", sagte GdP-Vize Jörg Radek der Funke Mediengruppe

Kurz vor dem Impfgipfel meldete das Robert-Koch-Institut (RKI) weiter sinkende Neuinfektionen. Die Gesundheitsämter übermittelten dem RKI 5608 neue Corona-Fälle. Dies ist die geringste Zahl an einem Montag seit mehr als drei Monaten. Allerdings lieferte Sachsen-Anhalt keine Zahlen, die Montagszahlen gelten ohnehin wegen unvollständiger Meldungen der Gesundheitsämter als wenig verlässlich. Die Sieben-Tage-Inzidenz, also die durchschnittlichen Neuinfektionen über eine Woche pro 100.000 Einwohner, liegt weiter bei 91. Die Regierung will sie auf unter 50 drücken, wobei Impfungen eine zentrale Rolle spielen sollen.

2,4 Millionen Menschen in Deutschland geimpft, knapp 10 Millionen in Großbritannien

Nach Angaben des RKI wurden bis 2,47 Millionen Personen geimpft, am Sonntag aber nur etwas mehr als 54.000. Gut 530.000 Personen haben mit zwei Impfungen bereits den vollen Schutz. Die Zahl der registrierten Corona-Intensivpatienten in Krankenhäusern sank weiter leicht auf 4314.

rei/dpa-afx
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