Führungswechsel beim Dax-Konzern Woran Fresenius-Chef Stephan Sturm gescheitert ist

Am Freitagabend verabschiedete Fresenius Stephan Sturm als CEO. Zu groß war die Zahl der Baustellen innerhalb des komplexen Unternehmens geworden, um die sich nun Nachfolger Michael Sen kümmern muss.
Ende nach sechs Jahren an der Konzernspitze: Stephan Sturm verlässt Fresenius zum 30. September

Ende nach sechs Jahren an der Konzernspitze: Stephan Sturm verlässt Fresenius zum 30. September

Foto: Sepp Spiegl / imago images/sepp spiegl

Die Schwierigkeiten für Stephan Sturm (59) begannen bereits vor fünf Jahren. Der Fresenius-Chef plante die Übernahme des amerikanischen Arzneimittelherstellers Akorn. Die Akquisition sollte ein Höhepunkt seiner bereits seit 2005 andauernden Laufbahn bei dem Gesundheitskonzern werden. Die Bad Homburger hatten zuvor bereits einige Milliarden-Übernahmen gestemmt, doch diesen Deal musste Finanzexperte Sturm, der erst kurz zuvor auf dem obersten Chefsessel Platz genommen hatte, wegen gravierender Fehlentwicklungen beim Übernahmeziel wieder absagen.

Das vermeintliche Spitzengschäft hatte sich zu einem echten Wirtschaftskrimi entwickelt , immerhin erlaubte ein US-Gericht 2018 die Rückabwicklung. Für Sturm und Fresenius bedeutete das Scheitern allerdings einen herben Einschnitt – der Aktienkurs sank deutlich, die Investoren verloren den Glauben an die Akquisitionsstrategie des Unternehmens, die Übernahmen-Maschine geriet ins Stocken. Sturm verteidigte lange Zeit geschickt seine Position, erst im Sommer 2021 wurde sein Vertrag um fünf Jahre verlängert, doch die Probleme in dem Dax-Konzern häuften sich. Am Freitagabend verkündete der Konzern nach Börsenschluss seinen vorzeitigen Abgang.

Die Zahlen alarmierten die Investoren. Die Marge des einst hochprofitablen Unternehmens sinken immer weiter, auch das einst stattliche Wachstum ist inzwischen deutlich geschrumpft. An der Börse war Fresenius zuletzt nur noch rund 14 Milliarden Euro wert; der Aktienkurs hat seit Sturms Amtsantritt rund zwei Drittel seines Werts verloren.

Sturm bekamt die Baustellen in dem Unternehmen einfach nicht mehr in den Griff. Eine wesentliche Rolle spielte dabei die zu komplex gewordene Konzernstruktur mit vier unterschiedlichen Unternehmensbereichen. Anfang des Jahres bastelte Sturm an einem Befreiungsschlag. Teilverkäufe der Klinikkette Helios und der Dienstleistungssparte Vamed zog er ebenso in Betracht wie die Veräußerung des 32-Prozent-Anteils an der Dialysetochter Fresenius Medial Care (FMC). Doch gab es stets nur diese finanziellen Optionen – die dringend notwendigen unternehmerischen Konzepte fehlten. Die Kritik wuchs, auch öffentlich.

Vor allem FMC – wie die Mutter im Dax notiert und aktuell rund 11 Milliarden Euro wert – entwickelte sich zum Sorgenfall. Mittlerweile stehen zu viele Sanierungsarbeiten an, der Börsenkurs ist darüber hinaus so niedrig, dass ein Verkauf der Anteile sich kaum lohnen würde – die öffentlich geäußerten Verkaufsabsichten wurden daraufhin am Markt als wenig glaubwürdig wahrgenommen. Die Installation der erfahrenen Managerin Carla Kriwet (51) als neue FMC-Chefin  kommt zu spät – zumindest für Sturm.

Zu viele Gewinnwarnungen besiegelten das Ende

Letztendlich wurden dem gelernten Investmentbanker nach vielen Rückschlägen in den vergangenen Jahren die beiden letzten Gewinnwarnungen zum Verhängnis. Sowohl Fresenius als auch FMC mussten Ende Juli bekannt geben, dass sie ihre Prognosen verfehlen. Für den Aufsichtsrat, der zuvor schon Gewinnwarnungen von Sturm hatte durchgehen lassen, war das zu viel. Er fürchtete, nun selbst ins Visier aktivistischer Aktionäre zu geraten und sah sich zum Handeln gezwungen. Kurz vor dem Wochenende präsentiert der Aufsichtsrat deshalb Michael Sen  (53) als Nachfolger, derzeit noch Chef der Generika-Sparte Kabi des Konzerns.

Aufsichtsratschef Wolfgang Kirsch (67) und Dieter Schenk (70) vom Großaktionär Else-Kröner-Fresenius-Stiftung hatten nach einer außerordentlichen Sitzung am Freitag die Wachablösung an der Fresenius-Spitze beschlossen. Der frühere Siemens-Manager Sen war bereits von dem weiterhin als Konzernarchitekten geltenden Gerd Krick (83), ehemaliger Aufsichtsratschef und Mitglied von Stiftungs- und Wirtschaftsrat, als möglicher Nachfolger für Sturm platziert worden. Nun kommt Sen, der als Experte für Konzernspaltungen gilt, zum Zuge und muss sich um die Baustellen kümmern, die Sturm zum Verhängnis wurden.

Vor allem die Probleme bei FMC müssen dabei möglichst rasch gelöst werden. Immerhin: die designierte FMC-Chefin Kriwet tritt ihren Job anstatt wie ursprünglich geplant im Januar nun ebenfalls schon am 1. Oktober an, zeitgleich mit dem Vorrücken von Sen an die Fresenius-Spitze.

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