Deutsche Impfstoffhoffnung Die zweite Chance für Curevac

Vom Hoffnungsträger zum Nachzügler – und wieder zurück. Das könnte die Geschichte der Tübinger Biotechfirma Curevac werden. Auch als Impfstoffhersteller Nummer fünf hätte sie das Zeug, Europas Impfkampagne im entscheidenden Moment wieder in die Spur zu bringen.
Visionär: Curevac-Mitgründer Ingmar Hoerr

Visionär: Curevac-Mitgründer Ingmar Hoerr

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Die Rückschläge der Anderen bringen Curevac wieder ins Spiel. Die Vektorimpfstoffe von Astrazeneca und Johnson & Johnson sind nicht nur zu wenig verfügbar, sie haben nach all dem Durcheinander um Nebenwirkungen, Impfpausen oder -stopps und wechselnde Empfehlungen auch ein massives Imageproblem. Alle wollen mRNA-Impfstoffe, wie sie Biontech und Moderna bislang ohne große negative Schlagzeilen produzieren.

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Die Köpfe hinter Curevac

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Auf mRNA setzt auch Curevac. Das Unternehmen stand noch im vergangenen Frühjahr im Mittelpunkt, wenn es um den erlösenden Impfstoff gegen die gerade begonnene Seuche ging. "Germany is not for sale", begründete Wirtschaftsminister Peter Altmaier (62, CDU) den Einstieg des Staats als Großaktionär, nachdem über einen Griff der Trump-Regierung nach der deutschen Anti-Corona-Kraft Curevac spekuliert wurde.

Es folgten der bis dato größte Vakzinauftrag der EU über 405 Millionen Impfdosen und ein fulminanter Börsengang an der Nasdaq im August.

Doch während die Wettbewerber mit starken etablierten US-Partnern – Biontech mit dem Pfizer-Konzern, Moderna mit dem Staatsinstitut NIH und der Regierungsoperation "Warp Speed" – im Eiltempo vorankamen, schien Curevac im Alleingang auf der Strecke zu bleiben.

Teils tragische Geschichte, teils hausgemachtes Pech

Teils ist das eine tragische Geschichte: Zum schlechtest denkbaren Zeitpunkt fiel der gerade wieder als Chef zurückgeholte Mitgründer Ingmar Hoerr (52) im März 2020 wegen Krankheit aus. Teils organisierte sich die Firma ihr Pech aber auch selbst , indem sie das Perfekte anstelle des Guten suchte und zudem den komplexen Prozess alleine beherrschen wollte, ohne Kontrolle oder Gewinnanteile der Investoren abzugeben.

Erst Mitte Dezember startete, mit der inzwischen besorgten Hilfe von Bayer, die abschließende klinische Studie der Phase III. Da waren Biontech und Moderna schon mit glänzenden Ergebnissen auf dem Markt. Die EU-Impfkampagne kam auch deshalb langsamer in Gang als die der Briten, Amerikaner und Israelis, weil sie ihr größtes Kontingent anfangs auf Curevac gesetzt hatte.

Das Rennen um den ersten Impfstoff sei verloren, räumte Großaktionär Dietmar Hopp (80) bereits im September ein. "Aber wir wollen das Rennen um den besten Impfstoff gewinnen, und da haben wir gute Chancen." Firmenchef Franz-Werner Haas (51) gab sich später auf dem inzwischen tatsächlich gesättigten US-Markt praktisch geschlagen.

Und selbst Europa hätte sein Ziel, die meisten Erwachsenen bis zum Sommer zu impfen, auch ohne Curevac erreichen können – wenn es bei der Konkurrenz nach Plan gelaufen wäre. Haas selbst erklärt gegenüber dem "Handelsblatt" , in den letzten Tagen sei "durch die jüngsten Ereignisse beim Impfstoff von Johnson & Johnson" das Interesse an Curevac erwacht. Neben dem EU-Großauftrag wollten etliche weitere Länder bestellen - mehr, als Curevac liefern könne.

Startsignal noch im Mai?

Für Deutschland fordert SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach (58) schon einen nationalen Alleingang  mit einer schnellen Notfallzulassung für Curevac, ohne auf die europäische Arzneimittelbehörde EMA zu warten. Curevac wäre der Retter in der Not.

Doch wie schnell kann das überhaupt gehen? Gesundheitsminister Jens Spahn (40) und Robert-Koch-Institutschef Lothar Wieler (60) winkten ab: Ohne abschließende Daten der Phase-III-Studie sei eine Zulassung nicht zu machen.

Diese erwartet Haas nun "Ende Mai, Anfang Juni". Dann wären auch die reguläre Zulassung der EMA und ein Beginn der Impfungen noch im Juni möglich. Das ist eine Präzisierung der bisherigen Curevac-Prognose, im zweiten Quartal die Zulassung zu beantragen. Genauer kann die Firma es kaum sagen, weil das Tempo davon abhängt, bis wann die festgelegte Anzahl von Teilnehmern der Studie mit Covid-19 infiziert ist, um den Vorteil der Geimpften gegenüber der mit Placebo gespritzten Kontrollgruppe zu ermitteln.

Elon Musk verspricht "Springflut" von Curevac

Noch am 9. April setzte Tesla-Chef Elon Musk (49) einen Tweet ab , den er - ungewöhnlich für den kalifornischen Lautsprecher - schnell wieder löschte. Curevac scheine "einige Monate entfernt von der Zulassung". Das sollte eine gute Nachricht sein: "Diesen Sommer kommt eine Springflut aus Impfstoff."

Was Musk mit der Sache zu tun hat? Die Tesla-Automatisierungstochter Grohmann kooperiert mit Curevac beim Bau so genannter RNA-Printer, überall einsetzbarer Mini-Impfstofffabriken.

Auf diese Revolution wird noch etwas länger zu warten sein. Zunächst kommt es, neben den bereits vorgefertigten und schnell verfügbaren Impfdosen, auf die traditionelle Produktion der Impfstoffe an. Und auch die birgt große Risiken.

Um auf die angepeilte Produktion von 300 Millionen Dosen noch in diesem Jahr und einer Milliarde Dosen 2022 zu kommen, hat Curevac inzwischen eine Vielzahl von Partnerfirmen eingesammelt. Das erinnert an das Netzwerk von Astrazeneca, das ohne eigenes Werk des britisch-schwedischen Konzerns auskommt, aber immer wieder durch Ausfälle eines der vielen Partner löchrig wird.

Die vielen Partner von Curevac

Im Fall von Curevac sieht der Plan so aus:

  • Wacker Chemie will noch in diesem Monat in seinem Amsterdamer Werk loslegen. 100 Millionen Dosen 2021 und 200 Millionen im kommenden Jahr, heißt das Ziel

  • In ähnlicher Größenordnung steht das belgische Werk Wavre von Glaxosmithkline bereit – dem vor Corona weltgrößten Impfstoffhersteller, dessen eigene Covid-Projekte bislang floppten, der aber mit einer Beteiligung an Curevac noch im Spiel ist

  • Der luxemburgische Auftragsfertiger Valneva will in zwei französischen Werken laut dem Pariser Wirtschaftsministerium ab Ende Mai/Anfang Juni das Curevac-Serum abfüllen

  • Novartis stellt ein Werk im österreichischen Kundl zur Verfügung, für bis zu 50 Millionen Dosen in diesem und 200 Millionen im kommenden Jahr

  • Der schwäbische Produzent Rentschler Biopharma, der bereits für Biontech tätig ist, verkündete im Februar das Hochfahren der Produktion auch für bis zu 100 Millionen Curevac-Dosen jährlich

  • Der jüngste Zugang kam im März mit dem Heidelberger Werk von Celonic, das noch 2021 mehr als 50 Millionen Dosen und langfristig mehr als 100 Millionen Dosen jährlich liefern soll

  • Wohl erst 2022 ist auch Bayer mit 160 Millionen Dosen am Start. Bis dahin soll das Wuppertaler Werk des Dax-Konzerns für Curevac umgerüstet werden

  • Curevac selbst baut in Tübingen eine große eigene Impfstofffabrik für eine Milliarde Dosen jährlich, ähnlich ambitioniert wie Biontech mit seinem Marburger Werk. Der Unterschied: Marburg liefert bereits, mit der Großanlage in Tübingen ist erst in der zweiten Jahreshälfte 2022 zu rechnen

Wie Curevac noch punkten will

Die eine Frage ist, ob all das planmäßig klappt. Die andere, ob es dann auch in dem Umfang gebraucht wird, da in der Zwischenzeit auch die anderen Impfstoffhersteller ihre Produktion hochfahren.

Dafür spricht die Erwartung, dass künftig regelmäßige Auffrischimpfungen nötig werden, womöglich jedes Jahr. Curevac will zudem das Versprechen des besten Impfstoffs erfüllen: mit einer geringeren Dosierung des Wirkstoffs, was das Serum verträglicher macht und die Kosten senkt; mit Lagerung zu normaler Kühlschranktemperatur; vor allem aber mit einer Weiterentwicklung, um gleich auf die neuen Mutationen des Coronavirus zu reagieren. Die Wirkung dagegen wurde gleich als Zusatzfrage in die laufende klinische Studie aufgenommen, ebenso wie weitere Aspekte: Hilft das Mittel auch Jugendlichen? Oder speziellen Risikogruppen mit Vorerkrankungen?

Doch auch das kostet zusätzliche Zeit.

ak
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