Produzenten von Bayer bis Novartis Diese Firmen sind gefangen im Netzwerk von Curevac

Bayer, Glaxosmithkline, Novartis: Mehrere große Industriekonzerne haben sich in den Dienst des gefloppten Impfstoffprojekts von Curevac gestellt. Die Produktion ließe sich relativ schnell auf andere Vakzine umstellen, doch danach sieht es vorerst nicht aus.
Symbolkraft: Bayer-Chef Werner Baumann und der heutige CDU-Kanzlerkandidat Armin Laschet im Februar im Biotechnikum von Bayer in Wuppertal, das zum Curevac-Produktionsstandort ausgebaut wird

Symbolkraft: Bayer-Chef Werner Baumann und der heutige CDU-Kanzlerkandidat Armin Laschet im Februar im Biotechnikum von Bayer in Wuppertal, das zum Curevac-Produktionsstandort ausgebaut wird

Foto: Sascha Steinbach / dpa

Ein Traumstart ist das nicht gerade. Malte Greune tritt an diesem Donnerstag als neuer Produktionsvorstand von Curevac an. Am Vorabend wurde mit endgültigen Studiendaten bestätigt, dass die Firma kaum eine Chance auf Markterfolg mit ihrem Corona-Impfstoff hat. Die am Unternehmen beteiligte Bundesregierung plant ihn nicht einmal mehr für 2022 ein.

Die wichtigste Aufgabe für Greune jetzt: zu managen, was aus dem gewaltigen Produktionsnetzwerk werden soll, das Curevac mit mehreren Industriegrößen aufgebaut hat. Bayer, Novartis, Glaxosmithkline und andere könnten noch in diesem Jahr 300 Millionen Impfdosen liefern, 2022 ginge es schon um Milliarden. Nur besteht die große Gefahr, dass diese Produktion für die Tonne wäre, wenn der Impfstoff nicht zugelassen würde – oder aber zugelassen und nicht verimpft, weil er nach den negativen Schlagzeilen keine Abnehmer findet.

Die naheliegende Antwort: Curevac und seine Partner könnten ihre Kapazität für andere Impfstoffe zur Verfügung stellen, um schneller mehr davon zu liefern – vor allem die bewährten Mittel, die wie Curevac die mRNA-Technik verwenden. "Curevac sollte jetzt den mRNA-Impfstoff von Biontech oder Moderna als Auftragsfertiger produzieren", forderte Peter Liese, gesundheitspolitischer Sprecher der Europäischen Volkspartei im Europaparlament, gegenüber dem "Handelsblatt". Auch SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach urteilt über Curevac, "das Konzept war clever und ging nicht auf".

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Twitter, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Die Produktion umzustellen würde mindestens sechs bis acht Wochen dauern, schätzt Prashant Yadav vom Global Development Center, ein Experte für Lieferketten der Pharmaindustrie, der auch an der Managementschule Insead und der Harvard-Universität lehrt. Dann brächten Curevac und seine Partner immerhin ab dem Herbst Schwung in die Impfkampagne, nur ohne eigenes Produkt.

Vertrag ist Vertrag

Selbst Firmenchef Franz-Werner Haas (51) schien diese Tür Mitte Juni, nach dem ersten enttäuschenden Zwischenbericht, zu öffnen. "Dass diese Partner dann, wenn wir kein Produkt haben, natürlich frei sind, andere Produkte zu produzieren, ist ja klar", sagte Haas der Nachrichtenagentur Reuters.

Allerdings will das Unternehmen auch heute noch keine Niederlage eingestehen. Wir haben eben doch ein Produkt, heißt die Botschaft. "Mit vollem Engagement" setze Curevac den Zulassungsprozess fort, erklärte Haas am Donnerstag. Man stehe im Dialog mit der Europäischen Arzneimittelagentur über eine Zulassung zumindest für die Altersgruppe der 18- bis 60-Jährigen – und werde sehr bald mit der EU-Kommission über den Einsatz diskutieren. Kleiner Wink mit dem Zaunpfahl: "Es gibt bei Zulassung auch eine Abnahmeverpflichtung." Die EU hat 225 Millionen Curevac-Dosen fest bestellt. Bei einem Preis von 10 Euro pro Dosis wären das 2,25 Milliarden Euro Umsatz, auf den Curevac nicht verzichten will.

Haas nennt Argumente, warum dies "kein Impfstoff zweiter Klasse" sei: Sein Impfstoff habe es in der Studie mit neuen Corona-Varianten vor allem in Südamerika aufgenommen, auf die andere Vakzine noch gar nicht getestet wurden. Besonders die in Kolumbien entdeckte Mutante B.1.621 und die Lambda-Variante aus Peru, beide noch kaum erforscht, hätten die Wirksamkeit gedrückt. Trotzdem reiche sie in der jüngeren Altersgruppe mit 53 Prozent immer noch aus. Vor allem schütze der Impfstoff ebenso gut wie die Konkurrenz gegen schwere Verläufe, Todesfälle würden zu 100 Prozent vermieden.

"Es gibt Gründe, dass wir einen Unterschied für die öffentliche Gesundheit machen werden", beteuert Haas. "Deshalb ist es gut, dass wir diese Produktionskapazität haben."

Manche der Partner sehen das schon anders. Doch sie mögen sich allenfalls vorsichtig absetzen. Für sie gilt gegenüber Curevac genauso wie für Curevac gegenüber der EU: Vertrag ist Vertrag.

Bayer könnte auch umstellen

Prominent ist vor allem der Bayer-Konzern, der in seinem Wuppertaler Werk eine Produktionslinie für 160 Millionen Curevac-Dosen im kommenden Jahr aufbaut. Konzernchef Werner Baumann (58) und Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet (60, CDU) hatten das im Februar als "Lichtblick" gefeiert. Derzeit sucht der Pharmariese, der im Impfstoffgeschäft neu ist, rund 100 Fachkräfte – ließ den WDR aber auch wissen : "Wir bewerten die Situation." Technisch sei es durchaus möglich, nach dem enttäuschenden Endergebnis auch auf ein anderes Vakzin umzustellen.

Wacker Chemie sieht kaum finanzielle Folgen

Bei Wacker Chemie in Amsterdam läuft die Curevac-Produktion bereits seit April. 100 Millionen Dosen in diesem, 200 Millionen im kommenden Jahr heißt das Ziel. Mit dem sächsischen Standort Nünchritz könnte die Kapazität sogar noch verdoppelt werden. Die Wacker-Aktie reagierte negativ auf die schlechten Nachrichten von Curevac. Die Verträge müssten eingehalten werden, daher halte man an den Produktionsplänen fest, erklärte Wacker in einer Analystenkonferenz Ende Juni. Zugleich versuchte Susanne Leonhartsberger, die Chefin der neuen Wacker-Sparte Biosolutions, die Investoren zu beruhigen: Die finanziellen Folgen wären gering, falls es am Ende doch nicht mit Curevac klappe. Die Produktionsplattform könne auch zur Herstellung von Impfstoffen anderer Hersteller oder ganz anderer mRNA-Medikamente genutzt werden. Außerdem habe Wacker Biosolutions noch viel mehr zu bieten.

Novartis und Rentschler produzieren auch für Biontech

Der Schweizer Pharmakonzern Novartis hat in seinem Tiroler Werk Kundl 20 Millionen Euro in eine Produktionslinie für bis zu 200 Millionen Curevac-Dosen jährlich investiert, 100 Beschäftigten sollten die ersten 50 Millionen Dosen ab Ende Juni fertigen. Die Testläufe begannen bereits im März. Österreich-Chef Michael Kocher zeigte sich gegenüber der "Tiroler Tageszeitung" überrascht über die schwachen Studiendaten. Der Vertrag sei aber wasserdicht. Novartis könne in Kundl im Fall eines Falles auch andere Produkte herstellen, aber von Curevac gibt es eben sicher Geld. Immerhin macht sich Novartis mit einem Schweizer Werk schon nützlich: In Stein bei Säckingen wird der Impfstoff von Biontech abgefüllt, die Europäische Arznemittelagentur hat die Produktion gerade erst genehmigt.

Gleiches gilt für den Auftragsfertiger Rentschler Biopharma, der im baden-württembergischen Laupheim bereits eine Produktionslinie für Biontech hat und im Februar verkündete, eine weitere für bis zu 100 Millionen Curevac-Dosen jährlich hochzufahren. Diese ist inzwischen aufgebaut. An den Plänen, noch im Sommer zu starten, werde festgehalten, sagte eine Sprecherin dem SWR . Allenfalls der Mangel an den nötigen Rohstoffen bremse das Unternehmen derzeit noch aus.

Auftragsfertiger Celonic und Fareva halten still

"Celonic wird die Produktion wie geplant hochfahren", erklärte auch Firmenchef Konstantin Matentzoglu gegenüber der "Rhein-Neckar-Zeitung" . Der Auftragsfertiger aus Heidelberg soll in diesem Jahr 50 Millionen und langfristig mehr als 100 Millionen Curevac-Dosen jährlich liefern.

Vollkommen bedeckt hält sich Fareva, der Auftragsfertiger des französischen Milliardärs Bernard Fraisse (64). In den zwei Werken Pau und Val-de-Reuil sollte die Arbeit für Curevac nach früheren Angaben des Pariser Wirtschaftsministeriums schon Ende Mai oder Anfang Juni beginnen.

Glaxosmithkline als sicherste Bank

Die wohl sicherste Bank unter den Curevac-Partnern heißt Glaxosmithkline (GSK). Der britische Konzern, der aktuell vom Hedgefonds Elliott angegriffen wird, war vor Corona der umsatzstärkste Impfstoffhersteller der Welt und steht bisher mit leeren Händen da. Die größte Hoffnung für Curevac ist zugleich ein Rettungsanker für GSK-Chefin Emma Walmsley (52): Corona-Impfstoffe der zweiten Generation, die bereits als Antwort auf die mutierten Virusvarianten formuliert sind.

Curevac und GSK entwickeln diese Vakzine gemeinsam. Die britische Regierung hat bereits 50 Millionen Dosen bestellt, im Gegenzug soll das Mittel auch auf der Insel produziert werden. Diesmal verwendet Curevac wie Biontech und Moderna modifizierte statt natürlicher mRNA, die nach Ansicht mancher Experten wie dem US-Forscher Eric Topol für die schlechten Ergebnisse verantwortlich ist. Erste klinische Studien liefen laut den Herstellern erfolgreich. Im Herbst soll die abschließende Phase-3-Studie beginnen. Im Lauf von 2022 könnte das neue Curevac-Mittel dann zum Einsatz kommen und das Feld wieder von hinten aufräumen. Dann soll auch das eigene große Impfstoffwerk von Curevac in Tübingen fertig werden.

Dass GSK im belgischen Wavre bis Jahresende 100 Millionen Dosen der ersten Curevac-Generation fertigen will, ist auch als Anzahlung auf die Zukunftshoffnung zu sehen. Auf seinem Investorentag Ende Juni versicherte der Konzern, an der Kooperation mit Curevac festhalten zu wollen. GSK ist zugleich mit mehr als 8 Prozent der Aktien an Curevac beteiligt, als drittgrößter Aktionär hinter der Dievini-Holding von Dietmar Hopp (81) und dem Bund.

Immer wieder verweist Curevac-Chef Haas auf diese zweite Generation, warum die für die erste Generation aufgebaute Produktionskapazität gebraucht werde. Die Anlagen ließen sich für "jegliche RNA" nutzen, also ohne Weiteres vom Impfstoff der ersten auf den der zweiten Generation umstellen – was jedoch auch den Schluss zulässt, dass sie ebenso leicht Biontech- oder Moderna-Impfstoff fertigen könnten.

Malte Greuners Vorgänger als Produktionsvorstand konzentriert sich schon auf eine andere Aufgabe. Curevac-Mitgründer Florian von der Mülbe, der dieses Partnernetzwerk aufbaute, kümmert sich fortan vor allem um die so genannten mRNA-Printer. Die gemeinsam mit der Tesla-Automatisierungstochter Grohmann entwickelten Geräte sollen eine dezentrale Produktion von Wirkstoffen ermöglichen, beispielsweise in Apotheken. Mikrofabriken statt Megafabriken, das ist auch ein Signal.

ak/mit Material von Reuters und dpa-afx
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.