Pharmakonzern Gilead enttäuscht WHO rät von Corona-Mittel Remdesivir ab

Das als erstes Corona-Heilmittel zugelassene Remdesivir soll laut Weltgesundheitsorganisation nicht mehr verschrieben werden. Grund: Studien nährten Zweifel am Nutzen - und Hersteller Gilead verlange einen viel zu hohen Preis.
Teures Mittel: Die Behandlung mit Remdesivir kostet den Staat 2000 Euro pro Patient - mit fraglichem Nutzen

Teures Mittel: Die Behandlung mit Remdesivir kostet den Staat 2000 Euro pro Patient - mit fraglichem Nutzen

Foto: Zsolt Czegledi/EPA-EFE/Shutterstock

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) rät vom Einsatz des antiviralen Medikaments zur Behandlung von Covid-19-Patienten ab. Das Medikament habe "keinen entscheidenden Einfluss" auf die Überlebenswahrscheinlichkeit, teilte die WHO am Freitag mit. Damit spricht sie sich gegen eines der wenigen bisher genutzten Medikamente für schwer erkrankte Coronavirus-Patienten aus - das einzige mit der offiziellen Zulassung der US-Arzneimittelbehörde FDA.

Remdesivir-Hersteller Gilead Science  äußerte sich enttäuscht. Der Pharmakonzern erklärte, sein unter dem Namen Veklury vermarktetes Mittel sei "von mehreren glaubwürdigen nationalen Organisationen anerkannt". Die WHO "ignoriert anscheinend diese Belege zu einer Zeit, da die Fälle rund um die Welt dramatisch ansteigen und Ärzte auf Veklury als erste und einzige zugelassene Behandlung für Patienten mit Covid-19 angewiesen sind".

Ende Oktober hatte Gilead bereits seine Umsatzprognose für 2020 gesenkt. Die Nachfrage sei geringer als erwartet, der Absatz von Remdesivir lasse sich schwer vorhersagen. Der Nutzen des Medikaments - und vor allem die Preispolitik des Unternehmens - ist schon länger umstritten. Bislang hatten Studien ergeben, dass Remdesivir die Dauer der Krankenhausaufenthalte von Patienten mit schweren Covid-19-Fällen verkürzen könne. Belege für eine gesenkte Sterblichkeit fanden sich jedoch nicht.

Bessere Alternativen stehen bereit

Zuvor hatten schon andere potenzielle Corona-Heilmittel enttäuscht, darunter das von Bayer patentierte Malariamittel Chloroquin und dessen mehrfach von US-Präsident Donald Trump (74) beworbene Variante Hydroxychloroquin. Aktuell setzen Kliniken vor allem auf das Steroid Dexamethason, das massenhaft billig verfügbar ist und laut britischen Studien die Todesrate von Covid-19-Patienten tatsächlich spürbar senkt. WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus (55) feierte das als "Durchbruch". Auch die europäische Arzneimittelbehörde EMA befürwortet den Einsatz.

Eine neue Hoffnung stützt sich auf Cocktails aus monoklonalen Antikörpern. Dieser Innovation als "Wundermittel" schrieb Trump seine eigene schnelle Heilung von Covid-19 zu. Der Präsident wurde im Oktober neben anderen Medikamenten sowohl mit Remdesivir als auch Dexamethason und einem Antikörpercocktail der US-Firma Regeneron behandelt. Der kanadische Wettbewerber AbCellera, der mit US-Pharmariese Eli Lilly kooperiert und Anfang November bereits eine US-Notzulassung erhielt, nutzt den Hype nach Informationen von manager magazin für einen Börsengang .

Hohe Kosten als Argument gegen Remdesivir

Die internationalen Experten des WHO-Gremiums für Leitlinienentwicklung (GDG) stützten ihre Empfehlung auf vier internationale Studien. Forscher hatten für die Studien Daten von mehr als 7000 Krankenhauspatienten, die an dem neuartigen Coronavirus erkrankt waren, untersucht.

Sie kamen laut der WHO zu dem Schluss, dass es "keinen Nachweis auf der Grundlage der aktuell verfügbaren Daten" gibt, dass Remdesivir etwa die Sterblichkeit oder die Krankheitsdauer verbessert. Es spiele dabei keine Rolle, wie schwer die Coronavirus-Erkrankung ist.

Die Experten räumten in der medizinischen Fachzeitschrift "British Medical Journal" (BMJ)  aber ein, ihre neue Empfehlung bedeute nicht, dass Remdesivir absolut keinen Vorteil für Patienten bringe. Die Leitlinie ist demnach das Ergebnis einer Abwägung zwischen den neuesten Zahlen, Behandlungskosten und Verabreichungsmethoden.

Epidemiologieprofessor Peter Horby von der Universität Oxford kommentierte, die neuen WHO-Richtlinien sollten "ein sofortiges Umdenken" über den Platz von Remdesivir in der Covid-19-Therapie auslösen. "Remdesivir ist eine teure Arznei, die fünf bis zehn Tage lang intravenös verabreicht werden muss. Daher wird diese Empfehlung Geld und andere medizinische Ressourcen sparen." Auch in der Empfehlung wird auf die Kosten verwiesen, zu denen der nachweisbare Nutzen in einem Verhältnis stehen müsse.

Milliardenzusage der EU an Gilead

Bereits Mitte Oktober kam eine von der WHO veröffentlichte Studie zu dem Schluss, dass Remdesivir keine oder nur geringe Auswirkungen auf die Sterblichkeit oder die Länge des Krankenhausaufenthalts von Corona-Patienten hat. Allerdings waren die Daten damals noch nicht von Fachkollegen begutachtet oder in einem Fachmagazin veröffentlicht worden.

Im Sommer hatten die USA einen Großteil der Remdesivir-Produktion aufgekauft. Die EU zog im Oktober mit einem Milliardenauftrag für 500.000 Remdesivir-Behandlungen nach. Gilead verlangt von reichen Staaten rund 2000 Euro pro Patient, von privaten Versicherungen mehr. Von den Kalifornien autorisierte Generika für Schwellenländer wie Indien kosten 80 Prozent weniger.

Das Medikament wurde 2009 als Mittel gegen Hepatitis entwickelt, die Forschung von Gilead aber schnell aufgegeben. Vor allem staatliche Initiativen sorgten dafür, dass Remdesivir weiter für den möglichen Einsatz gegen Ebola und nun Covid-19 überprüft wurde. Keine der beteiligten Stellen ließ sich den eigenen Input jedoch patentieren, außer in China.

ak/afp/reuters
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