In vier US-Staaten Mission minus 70 Grad - Pfizer startet Tests für Impfstofflogistik

Die Erfolgsmeldungen von der Impfstoffsuche gegen Covid-19 mehren sich, und die Mammutaufgabe der weltweiten Verteilung möglicher Präparate rückt näher. Der US-Pharmariese Pfizer beginnt schon mit dem Test seiner Logistik.
Freezer Farm: Solche Anlagen wie hier in Kalamazoo (US-Staat Michigan) baut Pfizer, um den Corona-Impfstoff bei unter -70 Grad Celsius zu lagern

Freezer Farm: Solche Anlagen wie hier in Kalamazoo (US-Staat Michigan) baut Pfizer, um den Corona-Impfstoff bei unter -70 Grad Celsius zu lagern

Foto: Jeremy Davidson / AP

Der US-Pharmakonzern Pfizer  wird in vier US-Bundesstaaten mit einem Testlauf für seinen in Partnerschaft mit BioNTech erforschten Impfstoffkandidaten beginnen. Mit dem Pilotprojekt in Rhode Island, Texas, New Mexiko und Tennessee sollen die Logistikanforderungen für die Auslieferung und den Einsatz des Covid-19-Vakzins überprüft werden, teilte das Unternehmen mit.

Die weltweite Verteilung von Impfstoffen gegen Covid-19, so sie denn in nächster Zeit zur Verfügung stehen sollten, gilt als gewaltige logistische Herausforderung, die das Zusammenwirken zahlreicher Unternehmen und Institutionen rund um den Globus und über Grenzen hinweg erfordert. Für Pfizer und BioNTech gibt es dabei besondere Hürden zu überwinden, denn der Impfstoff, der von diesen beiden Unternehmen entwickelt wird, hat eine besondere Eigenschaft: Er kann ausschließlich extrem tief gekühlt, etwa bei minus 70 Grad Celsius, transportiert werden, um seine Wirksamkeit zu behalten. Hintergrund ist das Verfahren, auf dem die Wirkung des Präparates beruht, und das bei anderen Impfstoffen bislang nicht zum Einsatz kam.

Damit stellt schon die Lagerung des Impfstoffes vielerorts ein Problem dar. Denn handelsübliche Kühl- oder Tiefkühlschränke sind für derartige Temperaturen nicht ausgelegt. Erforderlich sind vielmehr spezielle Ultratiefkühlschränke, wie sie etwa das schwäbische Unternehmen Binder aus Tuttlingen herstellt. Stückpreis: bis zu 20.000 Euro. Dem SPIEGEL sagte Binder-Chef Michael Binder kürzlich, dass seine Firma in den kommenden Wochen und Monaten "mit Sicherheit gut zu tun haben " werde.

Neben der Temperatur der Impfstoffe, die vor allem im Falle BioNTech/Pfizer extreme Anforderungen stellt, sind zudem die schieren Mengen an Impfdosen, die transportiert werden müssen, gewaltig.

Das Drehkreuz in Deutschland befindet sich in Frankfurt

Nicht weniger als zehn Milliarden Impfstoffdosen sind innerhalb von anderthalb bis zwei Jahren weltweit zu verteilen - davon jedenfalls geht man beim Logistikunternehmen DHL aus. Dort hat man zusammen mit der Unternehmensberatung McKinsey und mehreren Nichtregierungsorganisationen in einer Studie  ausgerechnet, was das bedeutet: Demnach müssen für die Impfstoffverteilung insgesamt 200.000 Paletten an ihr Ziel gebracht werden. Ein Drittel der so zu transportierenden Impfdosen könnten die auch von BioNTech/Pfizer verwendeten mRNA-Vakzinen sein, die meist ultragekühlt werden müssten.

In Deutschland wird dabei dem Flughafen Frankfurt die zentrale Rolle zukommen, bei dem es sich um den größten Umschlagplatz für Luftfracht von kühlbedürftigen, sensiblen Pharmaprodukten in Europa handelt. Insgesamt 13.500 Quadratmeter genau temperierbare Fläche stehen dafür zur Verfügung, von denen 8800 die Lufthansa nutzt. Die Pharma-Arbeitsgruppe der Air Cargo Community Frankfurt, bei der am Frankfurter Airport die Fäden aller Beteiligten - Spediteure, Frachtabfertiger, Airlines und der Flughafenbetreiber Fraport - zusammenlaufen, beschäftigt sich eigenen Angaben zufolge bereits seit März mit verschiedenen Szenarien, um die erforderlichen Lieferketten vorzubereiten

Kein Wunder also, dass auch Pfizer in den USA bereits für den vermutlich kurz bevorstehenden Ernstfall probt. "Die vier Staaten werden aufgrund des Programms keine Impfdosen früher als andere Staaten erhalten oder anderweitig bevorzugt", sagte Pfizer. Sie seien wegen ihrer unterschiedlichen Größe, Bevölkerungsvielfalt und Immunisierungsinfrastruktur ausgewählt worden.

Pfizer und sein Partnerunternehmen BioNTech aus Mainz hatten vor einigen Tagen große Fortschritte bei der Entwicklung eines Corona-Impfstoffs gemeldet. Aus der entscheidenden Studie mit der Impfung legten beide Unternehmen positive Wirksamkeitsdaten vor. Demnach war das Risiko, an Covid-19 zu erkranken, für Studienteilnehmer, die den Impfstoff erhielten, um mehr als 90 Prozent geringer als ohne Impfung. BioNTech und Pfizer waren damit die weltweit ersten Unternehmen, die erfolgreiche Daten aus der für eine Zulassung entscheidenden Studie mit einem Corona-Impfstoff vorgelegt haben.

Moderna trumpft mit Alternative - auch im Kühlschrank haltbar

Inzwischen gibt es eine ähnliche Erfolgsmeldung vom US-Pharmaunternehmen Moderna, das am gestrigen Montag eine mögliche Wirksamkeit seines Impfstoffs von mehr als 94 Prozent publizierte. Besonderer Vorteil: Das Mittel soll auch bei Kühlschranktemperatur von 2 bis 8 Grad voraussichtlich 30 Tage lang stabil bleiben. In herkömmlichen Gefrierschränken mit minus 20 Grad Celsius kann der Moderna-Impfstoff demnach sechs Monate lang gelagert werden.

Die Nachricht stoppte den Höhenflug der Aktie des Würzburger Kühlboxenherstellers Va-Q-Tec. Die Anleger hatten zuvor darauf spekuliert, der Durchbruch für den Impfstoff werde zu einem Boom der Logistikfirma führen.

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Foto: MENAHEM KAHANA / AFP

Auch der russische Impfstoff "Sputnik V", der bereits angewendet wird, hat zudem eine Wirksamkeit von nach Angaben russischer Quellen 92 Prozent. Dieses Präparat ist anders als die von BioNTech und Moderna von herkömmlicher Machart, also ohne den besonderen Kühlbedarf der mRNA-Technologie. In allen drei Fällen sind die veröffentlichten Daten bisher nur Auszüge aus Zwischenberichten der klinischen Phase-III-Studie. Endgültige Ergebnisse sollen in den kommenden Wochen vorliegen, erst dann können die Zulassungsbehörden entscheiden.

cr/Reuters/afp
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