Kampf gegen Corona Wenn Chefs zu Impfaktivisten werden

Vielen Unternehmen geht das Impfen in Deutschland nicht schnell genug voran. Sie würden es auch selbst in die Hand nehmen. Doch mit dem Schuss vom Chef wird es so schnell nichts werden - anders als im Ausland. In den USA zahlt Lidl sogar Impfprämien.
"Wir möchten nicht, dass Impfverweigerung Teil der Unilever-Kultur wird": Unilever-Chef Alan Jope hat zu dem Thema einen klaren Standpunkt

"Wir möchten nicht, dass Impfverweigerung Teil der Unilever-Kultur wird": Unilever-Chef Alan Jope hat zu dem Thema einen klaren Standpunkt

Foto: RICCARDO SAVI / Getty Images via AFP

Zu langsam, zu wenig, zu bürokratisch - Deutschland kann vieles, nur nicht richtig impfen und testen. Die Kritik an der Impfstrategie hierzulande ist lautstark, und in der Tat hinkt Deutschland mit einer Quote von 3,5 Prozent Zweitimpfungen (Stand 15.3 ) im internationalen Vergleich hinterher. Auch vielen Unternehmen, die sich eine Rückkehr zur Arbeitsnormalität wünschen, geht es viel zu langsam. "Skandalös langsam", wie der Chef des Mischkonzerns Baywa, Klaus-Josef Lutz (62), seinem Ärger kürzlich freien Lauf ließ. Diese Unternehmen schicken Corona-Selbsttests ins Homeoffice oder lassen in der werkseigenen Kantine testen .

Corona-Tests schaffen Freiräume - zumindest für kurze Zeit. Wer mehr will, muss impfen, impfen, impfen. Auch hier wollen Unternehmen Verantwortung übernehmen und über Betriebsärzte ihre Mitarbeiter immunisieren lassen  - auf freiwilliger Basis und unter Einhaltung der empfohlenen Impfreihenfolge, wie Umfragen  zeigen.

Baywa-Chef Lutz würde die Impfstoffe sogar aus eigener Tasche bezahlen, Post-Chef Frank Appel (59) wohl ebenso. Doch laut amtlicher Impfstrategie dürften die gut 12.000 Betriebsärzte erst aktiv werden, wenn es genügend Vakzine gibt. Das könnte nach dem hiesigen bundesweiten (vorläufigen) Stopp der Astrazeneca-Kampagne jetzt erst recht zum Problem werden. Selbst wenn der Impfstoff wieder freigegeben würde, dürften viele dem britisch-schwedischen Vakzin nun noch stärker misstrauen. Und für mögliche Impfschäden wollen die Unternehmen verständlicherweise nicht haften. Mit dem Schuss vom Chef dürfte es hierzulande also so schnell nichts werden.

Lidl US zahlt Mitarbeitern 200 Dollar Impfprämie

Anderorts gehen Regierungen und Unternehmen pragmatischer mit dieser Frage um: Sie locken ihre Mitarbeiter mit einmaligen Prämien oder rechnen zusätzliche, nicht geleistete Arbeitsstunden ab. Lidl in den USA etwa zahlt seinen Mitarbeitern für eine vollzogene Corona-Impfung 200 Dollar. Ebenfalls in den USA schreiben die Wettbewerber Aldi oder die Warenhauskette Dollar General ihren Beschäftigten mit immerhin 143.000 Beschäftigten zusätzliche Arbeitsstunden gut. Die Joghurt-Hersteller Chobanid oder Danone schenken ihren Mitarbeitern zu gleichem Anlass einen Tag bezahlten Urlaub, berichtet Bloomberg .

Die Botschaft hinter den Offerten ist klar: Bleibst du für uns einsatzbereit, belohnen wir das. Zugleich wollen die Unternehmenschefs die Rückkehr aus dem Homeoffice an den gewohnten Arbeitsplatz beschleunigen. Denn vielerorts steht nach einem Jahr Homeoffice die Erkenntnis: Die Unternehmenskultur leidet, die Produktivität der Teams lässt nach - ein Umstand, auf den bereits Boston Consulting hinwies.

Andere Unternehmen wiederum locken nicht, sondern probieren es auf die harte Tour - und bewegen sich damit rechtlich auf einem schmalen Grat. Die britische Handwerker-Kette Pimlico Plumbers etwa will eine "No-jab-no-job"-Strategie fahren. Will sagen: Wer sich als Angestellter nicht impfen lässt, riskiert seinen Job. Und auch die US-Fluggesellschaft United Airlines will laut Bloomberg Impfungen zur Pflicht machen, was die Gewerkschaften auf den Plan ruft.

"No jab, no job" - wenn Chefs Impfungen anordnen

Was Unternehmen in Sachen Impfung von ihren Beschäftigten einfordern dürfen, ist von Land zu Land unterschiedlich. In zahlreichen US-Bundesstaaten können Arbeitgeber ihre Arbeitnehmer aus beliebigen Gründen entlassen - zum Beispiel auch, wenn sie eine angeordnete Corona-Impfung verweigern, heißt es. Ob dies in der Praxis tatsächlich so umgesetzt wird, ist noch offen. Derzeit habe gerade mal 1 Prozent der US-Unternehmen eine Covid-Impfung für ihre Mitarbeiter angeordnet. Weitere 6 Prozent planen dies, sobald die Vakzine leicht verfügbar sind, zitiert Bloomberg  aus einer Umfrage unter 1800 Unternehmensjuristen, Personalverantwortlichen und Führungskräften.

In Großbritannien, wo Arbeitnehmerrechte stärker ausgeprägt sind, überlässt es die britische Regierung zwar den Unternehmen, die Impfbestimmungen für ihre Belegschaft festzulegen. Zugleich warnt sie die Arbeitgeber aber vor Diskriminierung, sollten sie auf einer Impfung bestehen.

Wenn es um die Impfung von Beschäftigten geht, schwebt JP-Morgan-Chef Jamie Dimon (65) eine Strategie von "Zuckerbrot und Peitsche" vor. In einem Interview mit Bloomberg TV  sagte der Chef der größten US-Bank: "Wir wollen, dass es die Leute nehmen." Wissend, dass Gesetze einem möglichen Impfzwang entgegenstehen, fügte er an: "Es ist schwer, es zur Pflicht zu machen." Deshalb werde die Bank auf eine Impfpflicht ihrer Beschäftigten auch vorerst verzichten.

Was man wissen sollte: Dimon ist kein Fan des Homeoffice, weil die Produktivität darunter leiden könne, wie er glaubt. Um zu dokumentieren, dass Arbeit im Büro auch zu Hochzeiten der Pandemie möglich und sicher sein könne, hatte Dimon weite Strecken des vergangenen Jahres demonstrativ die Bank dem Heimarbeitsplatz vorgezogen. Ein Fünftel der Belegschaft sei ihm bis Mitte Oktober in die Büros gefolgt. Ob Dimon schon gegen Covid geimpft ist, ist allerdings nicht bekannt.

Allianz plant Impfstraßen an den großen Standorten

Allianz-Chef Oliver Bäte (56) wiederum bekannte im vergangenen Sommer, er arbeite gern von zu Hause aus, um das Bekenntnis gleich mit Kostensparplänen zu verknüpfen. Allerdings würde auch Europas größter Versicherer seine Mitarbeiter so schnell wie möglich gegen das Corona-Virus immunisieren. Dafür plane die Allianz an ihren größten Standorten in Deutschland bis zu 25 Impfstraßen.

Und dann gibt es die CEOs, die mit nicht nachlassendem Einsatz und Vorbildfunktion für eine Impfung unter ihren Beschäftigten werben. Unilever-Chef Alan Jope (58), heißt es, ermutige die 150.000 Beschäftigten des Konzerns wöchentlich in einer Rundmail zur Impfung und lasse zweiwöchentlich in virtuellen Town-Hall-Treffen mit bis zu 14.000 Beschäftigten Betriebsärzte für eine Impfung werben. "Wir möchten nicht, dass Impfverweigerung Teil der Unilever-Kultur wird", zitiert Bloomberg den Konzernchef.

Nestlé-Chef Mark Schneider (55) wiederum kündigt an, stünde ein Impfstoff zur Verfügung, würde er sich "vor all unseren Leuten impfen lassen, um ein Vorbild zu geben". In Israel, das bekanntlich große Teile seiner Bevölkerung bereits durchgeimpft hat, folgt die Nestlé-Tochter Osem Investments eher dem Diktum "Zuckerbrot und Peitsche": Beschäftigte, die sich nicht impfen lassen, lässt das Unternehmen nicht an ihren Arbeitsplatz - es sei denn, sie legen alle drei Tage einen negativen Covid-Test vor.

rei