Corona-Impfung in wenigen Tagen Briten preschen bei Biontech-Impfstoff vor

Als erstes Land weltweit gibt Großbritannien den Corona-Impfstoff von Biontech und Pfizer frei. Schon in der kommenden Woche soll die Impfungen beginnen. Jens Spahn drängt nun auf zügige Entscheidungen der EU.
"Fantastische Neuigkeiten": So kommentiert Großbritanniens Premier Boris Johnson die Zulassung des Biontech-Coronaimpfstoffs für sein ganzes Land ab kommender Woche

"Fantastische Neuigkeiten": So kommentiert Großbritanniens Premier Boris Johnson die Zulassung des Biontech-Coronaimpfstoffs für sein ganzes Land ab kommender Woche

Foto: TOBY MELVILLE / REUTERS

Großbritannien will in wenigen Tagen die ersten Menschen im Land gegen das Coronavirus impfen lassen. Die britische Aufsichtsbehörde für Arzneimittel erteilte am Mittwoch die Zulassung für den Impfstoff des Mainzer Unternehmens Biontech und seines US-Partners Pfizer. 

Damit ist Großbritannien der erste Staat weltweit, der das Vakzin freigibt. Man erwarte den Einsatz "mehrerer Millionen Dosen" bis zum Ende des Jahres, sagte Premier Boris Johnson (56) am Mittwoch im Londoner Parlament und sprach von "fantastischen Neuigkeiten". Bereits kommende Woche sollen die ersten 800.000 Dosen des Impfstoff BNT162b2 im Land zur Verfügung stehen.

"Wir erwarten, den Impfstoff in den nächsten paar Tagen nach Großbritannien ausliefern zu können", bestätigte Biontech-Mitgründerin  Özlem Türeci  (53) auf einer Pressekonferenz. Die Unternehmen haben mit Großbritannien eine Lieferung von insgesamt 40 Millionen Impfstoffdosen für Dezember und im kommenden Jahr getroffen. "Die erste Notfallzulassung für einen Covid-19-Impfstoff ist ein bahnbrechender wissenschaftlicher Meilenstein", hieß es von den Unternehmen. Ihr Impfstoff wurde auf Basis von Daten aus einer großen klinischen Studie mit Zehntausenden Probanden zugelassen.

Spahn setzt auf zügige EU-Entscheidung über Impfstoffzulassung

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (40) setzt angesichts der britischen Zulassung auf zügige Entscheidungen in der Europäischen Union. Pflegekräfte, Ärzte und andere arbeiteten in der Krise gerade Tag und Nacht und an jedem Wochenende, sagte der CDU-Politiker nach einer Videokonferenz mit seinen EU-Amtskollegen. Daher dürfe man auch von der EU-Zulassungsbehörde erwarten, dass sie schnellstmöglich zu einer Entscheidung über entsprechende Anträge komme.

Spahn betonte zugleich, es gehe nicht darum, "irgendwie Erster zu sein". Entscheidend sei, sichere und wirksame Impfstoffe zu bekommen, was für das Vertrauen wichtig sei. Daher sollten vorgesehene Studien mit Zehntausenden Freiwilligen auch zu Ende geführt werden. In der EU sind Zulassungen für zwei Impfstoffe beantragt worden: für einen des Mainzer Unternehmens Biontech und seines US-Partners Pfizer sowie für einen Impfstoff des US-Konzerns Moderna.

Die Europäische Arzneimittel-Agentur Ema muss die Anträge prüfen und hat bis spätestens 29. Dezember ein Ergebnis in Aussicht gestellt. "Aber diese Zeitpläne könnten sich im Laufe des Bewertungsverfahrens ändern", sagte Ema-Chefin Emer Cooke. Deutschland und die EU haben bereits einen Rahmenvertrag über den Kauf von bis zu 300 Millionen Dosen des Impfstoffs abgeschlossen.

"Da die derzeit geprüften Covid-Impfstoffe Millionen von Menschen in der EU verabreicht werden, sind wir uns der riesigen Verantwortung nur allzu bewusst, unsere Beurteilung und Empfehlungen korrekt zu erstellen, damit wir die europäische Bevölkerung schützen können", sagte Cooke. Die wissenschaftliche Bewertung werde unabhängig erfolgen und allein von Sicherheit, Qualität und Wirksamkeit der Impfstoffe abhängen - "nichts sonst".

Diskussionen um angeblichen Brexit-Vorteil

Die schnellere Zulassung in Großbritannien sei durch den Brexit möglich gewesen, betonte Gesundheitsminister Matt Hancock (42). "Wir waren in der Lage, eine Entscheidung zu treffen dank der britischen Aufsichtsbehörde, einer Weltklasse-Behörde, und mussten nicht das Tempo der Europäer gehen, die sich ein bisschen langsamer bewegen", sagte er dem Sender Times Radio. Die Sicherheitschecks seien alle durchgeführt und die gleichen Prozesse durchlaufen worden. "Aber wir waren wegen des Brexits in der Lage, den Ablauf zu beschleunigen."

June Raine (68), Leiterin der britischen Zulassungsbehörde MHRA, widersprach umgehend: "Wir konnten die Lieferung dieses Impfstoffs nach Regeln des europäischen Gesetzes sichern, die bis 1. Januar gelten." Seit Februar ist Großbritannien nicht mehr Mitglied der EU und ist daher auch nicht an Entscheidungen der europäischen Arzneimittelbehörde EMA beteiligt, die von London nach Amsterdam umzog. In einer Übergangsphase bis zum Jahreswechsel gilt die bisherige Regulierung jedoch auch für die Briten.

Aus dem Europäischen Parlament kam Kritik am Vorpreschen Großbritanniens. "Ich halte diese Entscheidung für problematisch", sagt der deutsche EVP-Abgeordnete Peter Liese (55). Er empfehle, dass die EU-Mitgliedstaaten dieses Vorgehen nicht nachahmten. Er plädiere vielmehr dafür, dass die Europäische Arzneimittelagentur EMA den Impfstoff sorgfältig prüfe, mahnt der CDU-Politiker. Die EMA will bis Ende Dezember über die Zulassung entscheiden. June Raine betonte, die MHRA habe der Sicherheit des Impfstoffs Priorität eingeräumt.

Auch der deutsche Botschafter in London, Andreas Michaelis, erinnerte die Briten daran, dass der nun zugelassene Impfstoff keine Erfindung aus Großbritannien war. "Warum ist es so schwer, diesen Schritt nach vorne als großartige internationale Anstrengung und Erfolg anzuerkennen?", schrieb der Diplomat auf Twitter. Obwohl die deutsche Firma Biontech einen entscheidenden Beitrag geleistet habe, sei das keine nationale Geschichte, sondern "europäisch und transatlantisch". In den meisten Ländern der Welt steht noch kein Impfstoff für die breite Anwendung zur Verfügung. Unter anderem China und Russland impfen aber schon seit einiger Zeit bestimmte Bevölkerungsgruppen.

Notfallzulassungen wurden bereits seit dem Sommer in Russland für den dort entwickelten Impfstoff "Sputnik V" sowie in China und einigen anderen Staaten für mehrere chinesische Vakzine erteilt, vor allem in China kamen sie bereits millionenfach zum Einsatz. Für all diese Impfstoffe sind die klinischen Phase-III-Studien, um die Wirksamkeit und Sicherheit mit zehntausenden Probanden zu überprüfen, jedoch noch nicht abgeschlossen. Daher war die schnelle Zulassung umstritten.

Fotostrecke

Diese Impfstoffprojekte gegen Covid-19 sind am weitesten

Foto: MENAHEM KAHANA / AFP

Biontech und Pfizer kündigten an, sofort mit der Auslieferung ihres Impfstoffs zu beginnen. Die beiden Unternehmen haben ebenso wie das US-Unternehmen Moderna auch in den USA und der EU Anträge auf eine Notfallzulassung beziehungsweise bedingte Zulassung ihrer Impfstoffe gestellt. Sie rechnen noch im Dezember mit Entscheidungen der beiden zuständigen Behörden in den USA und der EU.

95 Prozent Wirksamkeit

Nach Auswertungen klinischer Studien hatten Biontech und Pfizer sowie kurz darauf Moderna bereits im November berichtet, dass ihre Wirkstoffe den Ausbruch einer Corona-Erkrankung zu jeweils etwa 95 Prozent verhinderten und keine schwerwiegenden Nebenwirkungen aufträten. Inzwischen liegen aus den klinischen Phase-III-Studien mit zehntausenden Teilnehmern für beide Impfstoffe abschließende Ergebnisse vor.

Bei einer Notfallzulassung werden zunächst weniger Daten als normalerweise üblich eingereicht, um schneller auf eine medizinische Notlage reagieren zu können. Die übrigen Daten werden nachgeliefert. Politik und Unternehmen betonen aber stets, dass damit keine Absenkung von Sicherheitsstandards verbunden sei.

Weltweit sind inzwischen nach offiziellen Angaben fast 1,5 Millionen Menschen gestorben, die positiv auf Corona getestet worden.

wed/ak/AFP, Reuters