Pharmaboss Alex Gorsky Der verhinderte Good Guy von Johnson & Johnson

Der weltgrößte Pharmakonzern gerät in Turbulenzen um seinen Corona-Impfstoff. Johnson & Johnson-Chef Alex Gorsky wollte sich als hilfreicher, sozial bewusster Manager präsentieren. Doch der Staat spielt nicht so recht mit.
Vorzeigemanager: Johnson & Johnson-Chef Alex Gorsky

Vorzeigemanager: Johnson & Johnson-Chef Alex Gorsky

Foto: Steven Ferdman / Getty Images

So hat Alex Gorsky (60) sich das nicht vorgestellt. Von einem "goldenen Moment" sprach der Chef von Johnson & Johnson (J&J) im März, als der Corona-Impfstoff seiner Firma zum Einsatz kam. Er schwärmte von einem neuen Modell für eine bessere Gesundheitswirtschaft, das Unternehmen und Staat als Reaktion auf die Pandemie gemeinsam aufbauen könnten: nachhaltiger und widerstandsfähiger, weniger mit Buchhalterblick auf die Kosten.

Das als Non-Profit-Projekt angelegte Vakzin, schrieb er seinen Aktionären, "wird uns noch Jahrzehnte lang mit Stolz erfüllen". Als "Kollegen, keine Konkurrenten", verpflichtete er sich mit dem scheidenden Merck-Chef Kenneth Frazier im Weißen Haus, gemeinsam die Impfstoffproduktion hochzufahren. Alles für die gute Sache.

Doch nun muss Gorsky zittern, ob sein Mittel überhaupt noch erwünscht ist. Nach der Empfehlung der europäischen Arzneimittelbehörde EMA an diesem Dienstag, der Nutzen des Impfstoffs übersteige die Risiken der als sehr seltene Nebenwirkungen eingestuften Blutgerinnsel, bleibt noch das Warten auf die US-Gremien.

Behörde verlangt Produktionsstopp

Auf Freitag hat sich der Expertenrat der Gesundheitsbehörde CDC in der vergangenen Woche vertagt, statt wie erwartet die Impfpause für J&J schnell wieder aufzuheben. Manche in dem Gremium forderten gar eine monatelange Pause, bis es mehr Daten gebe. Nicht für alle beruhigend wirkte der Hinweis: Die US-Impfkampagne komme inzwischen auch ohne J&J aus, man könne sich also leisten, darauf zu verzichten.

Die Arzneimittelbehörde FDA verfügte am Montag auch noch einen Produktionsstopp im Werk des Auftragsfertigers Emergent Biosolutions in Baltimore, wo im März Wirkstoffe von J&J und dem dort ebenfalls gefertigten Impfstoff von Astrazeneca verwechselt und dadurch 15 Millionen Dosen unbrauchbar gemacht wurden. J&J hatte die Kontrolle über das Werk übernommen und wollte den Schaden durch umso größere Produktion wiedergutmachen, doch daraus wird zumindest während der laufenden Inspektion nichts.

Wie das "Wall Street Journal"  berichtet, blitzte Gorsky zudem bei den anderen Impfstofffirmen ab, als er eine Allianz zur gemeinsamen Untersuchung von Nebenwirkungen und Aufklärung über die Sicherheit von Corona-Impfstoffen vorschlug. Nur Astrazeneca wollte demnach mitmachen. Biontech-Partner Pfizer und Moderna aber fürchteten, ihre Produkte könnten als unsicher gelten, wenn sie in einem Zug mit den anderen genannt würden.

Der scheinbar unverwüstliche Industrieriese ...

Johnson & Johnson ist ein Industrieriese, scheinbar unverwüstlich: mit einem Börsenwert von 430 Milliarden Dollar, mit dem besten Kreditrating AAA als einziger US-Konzern neben Microsoft (und besser als die Bundesregierung), als globaler Marktführer der Pharmabranche.

J&J wechselt seine Vorstandschefs seltener als das Land seine Präsidenten, Gorsky amtiert als siebter CEO der Nachkriegszeit seit 2012. Der Absolvent der Militärakademie West Point und der Wharton Business School präsentiert sich als Staatsmann unter den Firmenlenkern, der vergleichsweise früh die rassistischen Ausfälle Donald Trumps kritisierte, gesellschaftlichen Zusammenhalt und Gleichberechtigung als seine wichtigsten Anliegen nennt.

In den aktuellen Geschäftszahlen, am Dienstag vorgestellt, erscheint der Corona-Impfstoff nur als Fußnote. 100 Millionen Dollar Umsatz brachte der Verkauf von Impfstoff an die USA im ersten Quartal, von 22,3 Milliarden Dollar insgesamt. In der Jahresprognose, die 10 Prozent Wachstum vor allem dank Krebsmedikamenten und Medizintechnik vorsieht, ist der Corona-Impfstoff noch nicht einmal eingerechnet. Er könnte noch zehn Milliarden Dollar obendrauf einspielen, wenn auch laut offizieller Aussage keinen Profit.

... und seine großen Skandale

Wichtig aber ist er für den Ruf des Konzerns. Gerade am Montag wurde vor einem kalifornischen Gericht ein Verfahren gegen J&J und drei Pharmagroßhändler eröffnet. Es geht um ihren Beitrag zu Amerikas Opioidkrise durch den aggressiven Vertrieb süchtig machender Schmerzmittel.

Die Konzerne haben einen Vergleich über 26 Milliarden Dollar angeboten, um diese und weitere bald vor Bundesgerichte kommende Klagen aus der Welt zu schaffen. Die kalifornischen Anklagevertreter jedoch fordern 50 Milliarden - plus Strafen. "Die Angeklagten haben den Profit über das Leben gestellt", argumentierte einer der beteiligten Staatsanwälte am Montag - genau das Gegenteil der Botschaft, die J&J-Chef Gorsky vermitteln will.

Zudem hat der Konzern Milliarden für Rechtsrisiken in einem besonders sensiblen Bereich zurückgestellt: Das Babypuder von Johnson & Johnson, eine Markenikone der Konsumgütersparte, soll jahrzehntelang krebserregendes Asbest enthalten haben. Bislang konnte der Konzern zehntausende Klagen abwehren oder zumindest in Berufung gehen. Doch nun scheint er sich darauf einzustellen, möglicherweise doch noch dafür verantwortlich gemacht zu werden, dass Mütter an Eierstockkrebs erkrankten.

In einem früheren Skandal wurde auch Gorsky persönlich als mitverantwortlich dafür genannt, dass das Psychopharmazeutikum Risperdal Kindern und älteren Menschen verschrieben wurde, für die es nicht zugelassen war. In mehreren Bundesstaaten zahlte J&J dafür Millionenstrafen.

Die Nutzen-Risiko-Bilanz des Impfstoffs für den Konzern

Die Nebenwirkungen der Corona-Impfung bedeuten ein überschaubares Rechtsrisiko für die Konzernkasse. In den USA wurde die Haftung dafür gesetzlich ausgeschlossen, sofern die Hersteller nicht mutwillig oder fahrlässig handeln. Wegen der Hirnvenenthrombosen dürfte also kaum jemand erfolgreich Johnson & Johnson verklagen.

Der mögliche Nutzen für den Konzern auf der anderen Seite ist gewaltig, auch wenn Finanzvorstand Joseph Wolk betont, wie ungewöhnlich es für eine börsennotierte Aktiengesellschaft sei, freiwillig auf Gewinn zu verzichten. Mit einem Impferfolg gegen die Corona-Krise könnte J&J in der öffentlichen Meinung den Schaden durch all die Skandale aufwiegen. Nur müsste der Staat dabei noch mitziehen.

ak
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