Neues Corona-Vakzin Wie der Impfriese GSK das Covid-Geschäft aufrollen will

Der bisher weltgrößte Impfstoffhersteller hat die große Chance Corona verpasst. Jetzt setzt Glaxosmithkline auf ein spätes, starkes Comeback, auch mit eigenen mRNA-Vakzinen in Konkurrenz zu Biontech. Der von Emma Walmsley geführte Konzern zeigt den Mut der Verzweiflung.
(Noch) mit leeren Händen: Glaxosmithkline-Chefin Emma Walmsley

(Noch) mit leeren Händen: Glaxosmithkline-Chefin Emma Walmsley

Foto: Mandel Ngan / AFP

Schönreden ist jetzt nicht mehr drin. "Wir haben unsere Wunden geleckt", bekennt Roger Connor, Chef der Impfstoffsparte des Pharmakonzerns Glaxosmithkline (GSK), gegenüber der "Financial Times" . Dass der bisherige Marktführer im globalen Impfgeschäft bislang kein Serum gegen Covid-19 im Angebot hat, sei ein "enttäuschender" Rückschlag. Connors Optimismus klingt etwas bemüht: "Die Leute werden sehen, dass wir kein Vorreiter waren, doch wir sind immer noch im Rennen."

Die gute Nachricht: Gestern konnte GSK Erfolg aus der klinischen Studie seines Covid-Impfstoffprojekts mit Sanofi vermelden . Die Probanden der Phase-2-Studie hätten zu mehr als 95 Prozent eine starke Immunreaktion gezeigt, das Mittel gut vertragen und keine schweren Nebenwirkungen gezeigt. In den kommenden Wochen solle die abschließende Studie der Phase 3 beginnen, zum Ende des Jahres könnte das Vakzin dann zugelassen werden.

Spät - aber doch noch rechtzeitig? Immerhin sind weltweit schon elf verschiedene Corona-Impfstoffe im Einsatz, einige weitere stehen in der Endphase vor der Zulassung. Der Proteinimpfstoff von GSK und Sanofi eigne sich besonders zur Auffrischimpfung, meint Connor. Auch vollständig mit Biontech oder Astrazeneca Geimpfte könnten das Mittel demnach in den kommenden Jahren gebrauchen, wenn ihr Impfschutz nachlässt und das Virus weiter grassiert - ein Szenario, auf das auch die bereits erfolgreichen Hersteller setzen, mit Prognosen von wiederkehrenden Milliardenumsätzen auf Jahre hinaus.

Allerdings könnte das Angebot, so knapp es derzeit noch ist, am Ende doch den Bedarf übersteigen. Vor allem die Macher der mRNA-Impfstoffe bauen ihre Kapazitäten auf mehrere Milliarden Impfdosen jährlich aus. Ähnlich groß plant (mithilfe von GSK) die US-Firma Novavax, die ebenso wie GSK/Sanofi einen Proteinimpfstoff anbietet und die klinischen Studien schon hinter sich hat, auch wenn die Zulassung gerade auf das dritte Quartal verschoben wurde.

Kampfansage an die mRNA-Pioniere

Es ist der zweite Anlauf für das Projekt von GSK und Sanofi. Im Dezember mussten die Partner ihre bisherigen Studien abbrechen und komplett von vorn starten, wegen eines Dosierfehlers, wie sich herausstellte. Dabei hatten sich die beiden Konzerne als besonders verlässlich und erfahren präsentiert, als Helfer der öffentlichen Hand mit jahrzehntelangem Blick, ohne Interesse am schnellen Profit. Die EU orderte 300 Millionen Dosen, die globale Covax-Initiative 200 Millionen, die USA 100 Millionen mit Option auf 500 Millionen weitere. Wenn sich die Impfstoffhersteller Nummer eins (GSK) und zwei (Sanofi) zusammentun, mit bei Grippeimpfstoffen bewährter Technik, was sollte da schiefgehen?

Doch jetzt stehen die früheren Platzhirsche am Rand, degradiert zu Helfern der Neulinge. Sanofi macht sich als Auftragsfertiger für Biontech nützlich, GSK übernimmt diese Rolle für die zweite deutsche mRNA-Firma Curevac. Die ist selbst spät dran, doch mit den entscheidenden Wirksamkeitsdaten für die Zulassung wird in den kommenden Wochen, wenn nicht Tagen gerechnet. Dafür ist auch das GSK-Werk im belgischen Wavre am Start. Von der Kooperation mit Curevac verspricht sich GSK, als Großaktionär an dem Tübinger Unternehmen beteiligt, noch mehr. Die beiden Firmen forschen mit Geld vom britischen Staat an mRNA-Impfstoffen der zweiten Generation, die auch gegen die neueren Mutationen sicher wirken. Auch dazu gab es zuletzt Erfolg versprechende Studienergebnisse.

GSK hat daneben noch mehrere weitere Standbeine im Corona-Geschäft. Der Wirkstoffverstärker (Adjuvans), der auch in der Sanofi-Kooperation zum Einsatz kommt, wurde mehreren weiteren Impfstoffentwicklern angeboten. Die kanadische Firma Medicago ist mit GSK-Hilfe in Phase 3 vorgestoßen, ein weiteres Projekt läuft mit der südkoreanischen Firma SK Bioscience. Außerdem arbeitet der britische Konzern an monoklonalen Antikörpern als Heilmittel gegen Covid-19.

Am brisantesten jedoch ist, was Roger Connor der "Financial Times" noch erzählte: GSK investiere massiv in die mRNA-Technologie, auch für Impfstoffe gegen weitere Krankheiten - also dasselbe Feld, auf dem Biontech, Moderna, Curevac und inzwischen auch Biontech-Partner Pfizer sich als Gewinner der Zukunft sehen. Es ist eine Kampfansage an die Corona-Impfpioniere. Im Erfolgsfall wäre der aktuelle Rollenwechsel nur ein vorübergehender Irrtum der Geschichte. Davon abgesehen habe man "das stärkste Technologieportfolio der Branche", gibt Connor an. Die Impfstoffsparte sei ein "Kronjuwel".

Zerschlagungsfantasien um Hedgefonds Elliott

Aktuell steht die Konzernführung um CEO Emma Walmsley (51) nicht nur in der Kritik, weil sie zu zaghaft in die Corona-Vakzine investierte, keinen eigenen Impfstoff brachte und der Aktienkurs  fiel. Inzwischen geht es für den Konzern sogar um die Existenz. Im April wurde bekannt, dass der Hedgefonds Elliott Capital von Firmenjäger Paul Singer (76) einen "erheblichen" Anteil der GSK-Aktien übernommen habe. Einige Milliarden Pfund soll Elliott in GSK investiert haben, während der Konzern insgesamt keine 70 Milliarden Pfund Börsenwert mehr erreicht. Ausgerechnet unter Walmsley, die als Pharma-Quereinsteigerin aus dem Marketing von L'Oréal kam und die Devise ausgab "Ich bin keine Wissenschaftlerin, ich bin Geschäftsfrau", litt der geschäftliche Erfolg. Dazu trugen zuletzt einige Fehlschläge der Pharmasparte mit Milliardenprojekten für neue Krebsmedikamente bei.

Was Elliott will, ist noch nicht offiziell bekannt. In der britischen Presse machen aber schon Fantasien einer kompletten Zerschlagung die Runde. "Change is coming", zitierte der "Telegraph"  eine Warnung des US-Investors. Einige andere Großaktionäre schworen der Konzernführung laut "Mail on Sunday"  ihre Treue.

Walmsley hat ohnehin vor, das mit Pfizer zusammengelegte rezeptfreie Medizingeschäft abzuspalten - aber erst im kommenden Jahr, Details will sie im Juni bekannt geben. Ein Börsengang mit einem Volumen von mehr als 50 Milliarden Dollar wäre denkbar, aber auch eine Fusion mit einem Wettbewerber oder ein kompletter Verkauf des Geschäfts an einen großen Konsumgüterkonzern wie Nestlé. Dass Singer das Vorhaben beschleunigen wolle, ist noch die günstigere Version für GSK. Samuel Johar, Chef der Headhunterfirma Buchanan Harvey, findet es eher "höchstwahrscheinlich", dass GSK in Einzelteile zerlegt und verkauft werde. Mit einem großen US-Pharmakonzern als Käufer ließen sich Synergien heben - etwa indem die Forschung von GSK eingedampft würde. Johar spricht gegenüber der "Mail on Sunday" vom "Ende einer britischen Ikone".

Die große, späte Impfstoffoffensive könnte ein Versuch sein, dieses Drohszenario noch abzuwenden.

ak
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