Impfstoffnationalismus - in zwei Grafiken erklärt Wer den Handel mit Vakzinen behindert

Der Streit um Corona-Impfstoffe droht zu eskalieren: Die EU bringt ein Exportverbot in Länder wie Großbritannien oder USA ins Spiel. Sie sieht sich selbst als ausgenutzt - ein Zerrbild, wie folgende Grafiken zeigen.
Globales Gut: Über die weltweite Covax-Initiative gespendeter Impfstoff von Astrazeneca kommt in Uganda an

Globales Gut: Über die weltweite Covax-Initiative gespendeter Impfstoff von Astrazeneca kommt in Uganda an

Foto: Hajarah Nalwadda / Xinhua / imago images

Ursula von der Leyen (62) macht ernst. "Wir sind bereit, alle Instrumente einzusetzen", drohte die EU-Kommissionspräsidentin am Mittwoch. Auf dem EU-Gipfel in der kommenden Woche werde sie vorschlagen, die bereits seit Anfang Februar geltenden Exportkontrollen für Impfstoffe in ein hartes Exportverbot für bestimmte Länder umzuwandeln. Das könnten Länder sein, die höhere Impfraten als Europa haben und solche, die im Gegenzug keinen Impfstoff an die EU liefern.

Vor allem Großbritannien und die USA dürfen sich angesprochen fühlen. Beide Länder sind weit voraus in der Impfkampagne gegen das Coronavirus, weil sie sich ihren Nachschub gesichert haben und von der eigenen Produktion zumindest bislang nichts abgeben.

Der Biontech-Impfstoff für die Briten kommt aus dem belgischen Pfizer-Werk Puurs. Das im niederländischen Leiden gefertige Vakzin von Johnson & Johnson, inzwischen auf beiden Seiten des Atlantiks zugelassen, wird zunächst nur in den USA zum Einsatz kommen. In Ohio lagern laut "New York Times"  30 Millionen fertig produzierte Dosen von Astrazeneca, dürfen aber nicht exportiert werden, obwohl die USA das Mittel noch gar nicht zum Einsatz freigegeben haben (die EU-Staaten verwenden es nach einer kurzen Unterbrechung wieder, nachdem die Arzneimittelaufsicht EMA den Astrazeneca-Impfstoff zur Nutzung empfohlen hat).

Nach Brüsseler Angaben wurde seit Beginn der Exportkontrollen am 1. Februar die Ausfuhr von 41 Millionen Dosen Corona-Impfstoff in 33 Länder genehmigt, angeführt von Großbritannien, Kanada, Mexiko und Japan. Die nordamerikanischen Nachbarn sind auf europäische Lieferungen angewiesen, weil sie an die Produktion aus den USA gleich hinter der Grenze nicht herankommen.

Schlauer verhandelt - Exportblockade auch ohne Verbot

Die Regierungen in London und Washington weisen den Vorwurf des Impfnationalismus jedoch umgehend zurück. Keineswegs habe man den Export verboten, sondern nur die Verträge mit den Herstellern so gestaltet, dass die eigene Versorgung Vorrang genießt - im Gegensatz zur EU, die auf dieses Detail in ihren langen Verhandlungen weniger achtete, nun aber umso härter in den Handel eingreift.

Erst ein Mal habe man einen Exportantrag verweigert, meldet Brüssel. Doch das ist eine globale Premiere. Die italienische Regierung legte ihr Veto gegen eine Lieferung von Astrazeneca aus Italien an Australien ein. Die Australier brauchten den Impfstoff weniger dringend, darin sind sich beide Seiten einig. Aber: "Wir haben das bestellt und bezahlt", beharrt nun Australiens Premier Scott Morrison (52). Im Übrigen wolle man das Mittel auch gar nicht für sich, sondern kostenfrei an die Nachbarn in Papua-Neuguinea abgeben.

So stehen nun die Europäer als die knauserigsten Impfnationalisten da, die lebenswichtige Vakzine horten und im Zweifel nicht einmal nutzen.

Als Exportweltmeister der Corona-Impfstoffe dürfen sie sich ohnehin nicht fühlen. Das ist Indien, trotz der eigenen prekären Lage.

Indien liefert Impfdosen in 71 Länder

Vor allem vom weltgrößten Produzenten Serum Institute of India (SII) , der das Astrazeneca-Mittel in Lizenz für Entwicklungsländer fertigt, sind bislang 59 Millionen Impfdosen in 71 Länder geliefert worden, ein Großteil davon gespendet. Manche Nachbarn wie Bangladesh, aber auch weit entfernte und vergleichsweise reiche Länder wie Brasilien genießen dank Made in India höhere Impfraten als die Inder selbst.

Die Opposition in Delhi übt heftige Kritik an den Prioritäten - und die geraten ins Wanken. "Liebe Länder und Regierungen", teilte SII-Chef Adar Poonawalla (40) per Twitter sein Bedauern mit. Leider müsse man jetzt wieder mehr für die Heimat produzieren und bitte um Geduld. Da hatten die EU-Inspekteure schon sein Werk besichtigt, in der Hoffnung, mit indischer Hilfe ihre eigenen Lücken füllen können.

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Auch Russland und vor allem China springen rund um den Globus als Gratislieferanten ein, inzwischen auch für manche osteuropäische EU-Staaten. Russland forciert den Export von Sputnik V, um damit auch das angeschlagene Image aufzupolieren. Auch EU-Staaten wie Ungarn, Tschechien und die Slowakei sind vorgeprescht und haben zur Freude Moskaus bereits Sputnik-Impfstoff eingesetzt, mittlerweile prüft auch die EU-Arzneimittelbehörde EMA eine Zulassung von Sputnik V.

Ob Chile oder Mexiko - auch Staaten, die zunächst auf westliche Vakzine setzten, bekommen ihre Impfkampagnen erst richtig zum Laufen, wenn die Frachtflüge aus China eintreffen. Den Vorwurf, das Serum zum Ausweiten seiner Einflusssphäre einzusetzen, weist China zurück. Man handle lediglich nach dem Grundsatz, der Impfstoff sei ein "globales öffentliches Gut" - wie von der Uno verlangt; auch die EU-Granden führten diese Formel häufig im Mund, bevor sie Angst um die Versorgung der eigenen Bevölkerung bekamen.

Warum der Run auf Impfstoffdeals die Pandemie verlängern könnte

Wenn Uno-Generalsekretär António Guterres (71) oder Seth Berkley (64), Chef der globalen öffentlich-privaten Impfstoffallianz Gavi, vor "Impfnationalismus" warnen, stehen Exportsperren gar nicht so sehr im Fokus: Die große Gefahr bestehe im Run der reichen Staaten, immer noch mehr Impfstoff zu immer höheren Preisen für sich zu ordern, teilweise für ein Vielfaches des eigenen Bedarfs.

Selbst wenn die überschüssigen Dosen am Ende gespendet würden - in der Zwischenzeit hätten arme Länder und die für sie auftretenden Käufer wie die Covax-Initiative kaum eine Chance auf dem leergekauften Markt. So vergehe mehr Zeit, in der ein Großteil der Welt ungeimpft bleibt, das Virus sich weiter ausbreiten und mutieren kann. Wer so handle, verlängere die Pandemie. Da dürfen sich auch die Europäer angesprochen fühlen.

ak
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