Rennen der Pharmafirmen So stehen die Gewinnchancen der Impfstoffhersteller

Erstmals nennt Impfstoffpionier Biontech eine Umsatzprognose, redet im Gegensatz zu Partner Pfizer aber nicht von Milliardengewinnen. Andere Anbieter von Covid-Impfstoffen fahren ganz auf der Non-Profit-Schiene. Wer wie viel verdienen dürfte, im Überblick.
Selbstversorger: Beschäftigte des Astrazeneca-Zulieferers IRBM in Rom erhalten den Astrazeneca-Impfstoff

Selbstversorger: Beschäftigte des Astrazeneca-Zulieferers IRBM in Rom erhalten den Astrazeneca-Impfstoff

Foto: ANGELO CARCONI / EPA

Das Geschäft ist Nebensache. Diesen Eindruck pflegt die Führung von Biontech um Uğur Şahin (55). Alle Kraft setzt die Mainzer Biotechfirma darauf, den ersten zugelassenen Corona-Impfstoff massenhaft verfügbar zu machen und so die Pandemie zu beenden. Mögen die Investoren auch große Pläne für das Unternehmen als Krisengewinner haben, der Gründer und Medizinprofessor redet nicht darüber - außer über den medizinischen Nutzen der vielen mRNA-Impfstoffe, die Biontech noch in der Pipeline hat und dank des Covid-Erfolgs leichter verwirklichen könnte.

An diesem Mittwoch wagte Biontech erstmals eine Umsatzprognose für 2021: 9,8 Milliarden Euro, basierend auf den 200 Millionen bereits ausgelieferten und 1,4 Milliarden fest bestellten Dosen des Corona-Impfstoffs Comirnaty. Zugleich erklärte das Unternehmen jedoch, das Produktionsziel für dieses Jahr gemeinsam mit dem US-Partner Pfizer auf 2,5 Milliarden Impfdosen angehoben zu haben. Die Einnahmen könnten also auch annähernd doppelt so hoch ausfallen, abhängig vom Preis. Zum erwarteten Gewinn hält sich Biontech immer noch bedeckt, listet aber steigende Kosten für Forschung und Investitionen auf, auch die Aufträge an andere Firmen zur Produktion des Impfstoffs dürften einiges kosten. Was übrig bleibt, soll in die Forschung auch für weitere Impfstoffe investiert werden.

Pfizer: Dank Biontech zurück an die Spitze der Industrie

Pfizer-Chef Albert Bourla (59) ist da weniger scheu. Schon im Februar gab Bourla an, die spektakulären Gewinnaussichten des Konzerns mit dem Covid-Impfstoff würden von der Börse  nicht ausreichend gewürdigt. Pfizer reche mit 15 Milliarden Dollar Umsatz in diesem Jahr durch Comirnaty - allein aufgrund der bisherigen Bestellungen würde der Impfstoff an die Spitze der umsatzstärksten Medikamente der Welt schießen.

Angepeilte Gewinnmarge: über 25 Prozent, also rund vier Milliarden Dollar Reingewinn, mit viel Luft nach oben bei zusätzlichem Absatz. Weil Biontech und Pfizer sich die Entwicklungskosten und den Bruttogewinn 50:50 im Großteil der Welt teilen, Biontech das Vakzin in Deutschland alleine vermarktet und in China (bisher aktiv nur in Hongkong) die Erlöse mit Fosun statt Pfizer teilt, rechneten manche Analysten für das deutsche Startup schon Geschäftszahlen hoch, die noch über denen von Bourla liegen.

Da hört Bourlas aggressive Prognose noch längst nicht auf. Es sei "zunehmend wahrscheinlich", dass in den kommenden Jahren Auffrischimpfungen oder neue Formeln gegen aufkommende Corona-Mutationen nötig würden. Aus Sicht des Konzerns heißt das vor allem, dass ein "nachhaltiger Einnahmestrom" auch für 2022 und die folgenden Jahre entstehe. Zudem fühle sich Bourla sehr sicher, dass "wir in einem offenen Markt den Löwenanteil hätten", wenn Ärzte und Bürger frei ihren Impfstoff wählen könnten. Nun will Pfizer ein neues Geschäftsfeld mit RNA-Impfstoffen auch für andere Krankheiten aufbauen - "wir arbeiten gerne mit Biontech zusammen, brauchen aber nicht unbedingt Biontech", prahlte eine Sprecherin in der vergangenen Woche. Der US-Konzern habe in wenigen Monaten die Entwicklung eines Jahrzehnts vollzogen.

Für Pfizer geht geschäftlich eine riesige Wette auf: Der einst weltgrößte Pharmakonzern, im neuen Umsatzranking des Branchendienstes "Fierce Pharma"  wegen des Verkaufs des Generikageschäfts auf Platz 8 zurückgefallen, dürfte mit Biontechs Hilfe in diesem Jahr an die Spitze zurückkehren - und zwar profitabler als zuvor.

Johnson & Johnson: Die aktuelle Nummer eins als Non-profit-Betrieb

Der aktuelle Branchenführer Johnson & Johnson ist auch im Impfstoffrennen. Das Covid-Vakzin wird nun in den USA eingesetzt und soll im April auch nach Europa kommen. Der Konzern rechnet damit, in diesem Jahr eine Milliarde Dosen davon abzugeben, was nach dem US-Durchschnittspreis von 10 Dollar hochgerechnet auch noch einen beachtlichen Umsatz von 10 Milliarden Dollar ergäbe. In Johnson & Johnsons Geschäftsprognose, die 7,5 Prozent Wachstum auf 88,8 Milliarden Dollar vorsieht, sind die Impfstoffe jedoch ausgeklammert. Der Konzern hat sich - wie die anderen Vertreter von Big Pharma mit Ausnahme Pfizers - verpflichtet, das Vakzin während der Pandemie zum Selbstkostenpreis abzugeben. "Das macht ein an der New Yorker Börse gelistetes Unternehmen normalerweise nicht", räumt Finanzvorstand Joe Wolk (54) ein. Verantwortung für die öffentliche Gesundheit müsse sich aber auch in der Preispolitik zeigen. Immerhin stehen die Amerikaner nicht unter den Corona-Verlierern wie Roche, Novartis oder Merck & Co., denen Milliardenumsätze wegen verringerter Arztbesuche oder verzögerter Zulassungen entgingen.

Moderna: Im Alleingang ins Wendejahr

An zweiter Stelle nach kommerziellem Erfolg hinter Pfizer/Biontech steht Moderna - wie Biontech ein Biotech-Startup, das mit dem Covid-Impfstoff seinen ersten Markterfolg erlebt. Die US-Firma versucht es sogar ohne etablierten Partner aus der Pharmaindustrie, dafür mit mehr finanzieller Rückendeckung und logistischer Unterstützung des Staats. Der Moderna-Impfstoff ist vergleichsweise wenig verbreitet, das Ziel von bis zu einer Milliarde Dosen in diesem Jahr gilt schon als ambitioniert - dafür aber ist das Mittel das teuerste auf dem Markt, die EU zahlt etwa 36 Dollar je Dosis. Moderna-Chef Stéphane Bancel (48) spricht von einem "Wendejahr" für seine Firma und hat nach eigenen Angaben bereits einen Umsatz von 18,4 Milliarden Dollar sicher. Barclays-Analystin Gena Wang traut Moderna noch mehr zu, und Einnahmen über 10 Milliarden Dollar mit Auffrischimpfungen auch in den nächsten Jahren.

Novavax: Der Liebling der Börse

Geht es nach der Börse, hat kein Impfstoffhersteller mehr Schub durch sein Corona-Projekt bekommen als Novavax. Sagenhafte 2700 Prozent Kursperformance legte die Aktie hin, und bis Februar ging es nochmals steil weiter nach oben. Dabei wartet das 1987 gegründete Biotechunternehmen, das schon einige spektakuläre Rückschläge mit anderen Impfstoffen hinter sich hat, noch auf seinen Marktdurchbruch. Im April, hofft Novavax-Chef Stanley Erck (72), komme die britische Zulassung, gefolgt von den USA und der EU. Ob der weitere Impfstoff, auf Proteinbasis wieder eine neue, unerprobte Technik, noch gebraucht wird? "Die Welt ist groß." Novavax traut sich jedenfalls eine deutlich billigere und schnellere Produktion als die Konkurrenten zu, und "mehrere Milliarden Dollar" Umsatz über die kommenden zwölf Monate. Für Afrika will das Unternehmen nur drei Dollar je Dosis nehmen, und dennoch rechnen die Analysten im Schnitt noch mit einem Milliardengewinn. Allerdings muss das Mittel sich erst noch durchsetzen.

Curevac: Kostengünstiger Nachzügler

Dasselbe gilt auch für die deutsche Firma Curevac, von der zu Beginn des Impfstoffrennens besonders viel die Rede war. Der Börsengang an der Nasdaq im vergangenen Sommer brachte der vom Bund gestützten Firma von Hauptinvestor Dietmar Hopp (80) weiteren Schub, doch die entscheidende klinische Studie läuft noch. Als Ziel gilt, die Zulassung im zweiten Quartal zu beantragen. Den US-Markt hat Curevac bereits praktisch abgeschrieben, für den Rest des Jahres bleibt vor allem dank der Großbestellung der EU noch Aussicht auf einen Absatz von bis zu 300 Millionen Dosen, für 2022 von bis zu einer Milliarde. Großkonzerne wie Bayer oder Glaxosmithkline sollen dabei helfen.

Curevac rechnet sich immer noch mittelfristige Chancen aus, weil der RNA-Impfstoff mit geringerer Wirkstoffkonzentration als die vergleichbaren Produkte von Biontech und Moderna auskomme. Dadurch müssen die Staaten auch weniger pro Dosis zahlen. Unter 10 Euro mögen die Tübinger aber nicht gehen. Die Investoren erwarteten ja schließlich eine Rendite - und im Gegenzug zu den Pharmariesen ist der Corona-Impfstoff bislang ihr einziges Produkt.

Astrazeneca: Der Fokus liegt woanders

Eigentlich hätte der vom britisch-schwedischen Konzern Astrazeneca vermarktete Oxford-Impfstoff der Star sein sollen, die angepeilte Produktionskapazität von bis zu drei Milliarden Dosen ist bislang die größte. Vor allem die Versorgung der Entwicklungsländer über die globale Covax-Initiative hängt von dem Serum ab. Doch Astrazeneca legt eine beispiellose Pannenserie im Licht der Öffentlichkeit hin.

Besonders viel zu gewinnen gibt es für den von Pascal Soriot (61) geführten Konzern dabei nicht. Die Impfstoffentwickler von der Universität Oxford haben sich zusichern lassen, dass ihr Produkt der Welt zugute kommt, ohne Profit zu erzielen. Wenn die von Astrazeneca gemeldeten Selbstkosten um ein Fünftel zu hoch ausfallen, drohen Vertragsstrafen. Eigentlich wollten die Oxford-Forscher sogar einen noch radikaleren Bruch mit den Regeln der Pharmaindustrie durchsetzen und ihre Formel lizenzfrei zur Verfügung stellen - Open Source für ein globales öffentliches Gut. Bill Gates machte mit seiner Stiftung Druck, für den Start einen etablierten Konzern zu gewinnen. Die britische Regierung verlangte einen aus der Heimat, und so kam Astrazeneca zum Impfstoffgeschäft, das wegen der hohen Stückzahl immerhin einige Milliarden Dollar abwerfen könnte - Umsatz, nicht Gewinn.

Inmitten des Impfchaos verkündete Soriot im Dezember einen Deal, der für die geschäftliche Zukunft weitaus interessanter ist: Für 39 Milliarden Dollar will er Alexion übernehmen, eine auf Medikamente gegen seltene Krankheiten spezialisierte US-Firma. Es ist das glatte Gegenteil des Corona-Impfstoffgeschäfts - minimale Stückzahlen, aber maximale Preise. Das Alexion-Mittel Soliris galt lange Zeit als teuerstes Medikament der Welt. Jetzt muss Soriot hoffen, dass die Übernahme im Lauf des Jahres durchgeht, obwohl die Biden-Regierung Mitte März einen strengeren Blick auf Pharmazusammenschlüsse und deren Folgen für Arzneipreise ankündigte - und, dass der Impfstoffärger ihn nicht von dieser Arbeit abhält.

ak