300 Millionen Impfstoffdosen zusätzlich EU verdoppelt Biontech-Order - und kritisiert deutschen Alleingang

Europa bekommt doppelt so viel Impfstoff von Biontech und Pfizer wie bisher geplant. Das Mittel hilft laut einer neuen Studie auch gegen das mutierte Coronavirus. Zugleich rügt Ursula von der Leyen die deutsche Bestellpolitik.
Macht jetzt bei Corona-Impfstoffbestellungen Tempo: EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen (62)

Macht jetzt bei Corona-Impfstoffbestellungen Tempo: EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen (62)

Foto: Johanna Geron / AP

Die EU-Kommission hat einen Vertrag über weitere bis zu 300 Millionen Dosen des Corona-Impfstoffs der Mainzer Firma Biontech und ihres US-Partners Pfizer abgeschlossen. 75 Millionen Dosen davon sollten bereits im zweiten Quartal 2021 zur Verfügung stehen, sagte EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen (62) am Freitag in Brüssel.

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Es sei von vorneherein klar gewesen, dass man nicht "auf einen Schlag" alle impfen könne, verteidigte von der Leyen Europas Impfstrategie. Wenn man eines Tages zurückschaue, werde man sehen, dass es zu Beginn etwas holprig war. "Das ist immer so bei solchen großen Veränderungen, die man angeht. Aber in der Rückschau bin ich der festen Überzeugung, dass man sehen wird, dass hier viel geleistet worden ist in den Mitgliedstaaten, die Impfungen tatsächlich auch auf den Weg zu bringen." Die Anzahl der Impfungen müsse jedoch "zügig" angehoben werden.

"Keine Parallelverträge" - Deutschland verstößt gegen Übereinkunft

Zugleich erklärte von der Leyen, nationale Deals der 27 Staaten seien nicht erlaubt, weil sie die gemeinschaftlichen Bestellungen gefährden könnten. Alle EU-Staaten hätten sich "rechtlich bindend" darauf verständigt, nur gemeinsam Impfstoffe zu ordern, sagte von der Leyen. Es könne deshalb "keine Parallelverhandlungen, keine Parallelverträge" geben.

Das Bundesgesundheitsministerium hatte aber im Dezember mitgeteilt, dass Berlin neben den Bestellungen über die EU national nochmals 30 Millionen Dosen bei Biontech und seinem US-Partner Pfizer geordert habe. Ein Sprecher des Ministeriums erklärte am Freitag, Verträge der EU würden dadurch nicht berührt. Der deutsche Vertrag mit Biontech und Pfizer sei noch nicht unterzeichnet, ebenso wenig wie ein weiterer mit dem deutschen Hersteller Curevac über 50 Millionen Dosen. Die zusätzlichen Dosen würden erst nach Deutschland geliefert, nachdem die europäischen Partner ihre Chargen aus dem gemeinsamen Vertrag erhalten hätten.

Kommissionschefin von der Leyen ließ offen, ob der nationale Alleingang Konsequenzen haben wird. In der EU hatte auch Ungarn separat bestellt und erhielt Ende Dezember 6000 Dosen des russischen Impfstoffs Sputnik V. Brüssel ist nicht dagegen vorgegangen. Für das russische Mittel wurde bislang keine europäische Zulassung beantragt, es steht daher auch nicht auf der Kaufliste der Union.

Die Europäische Union hatte nach monatelangen Verhandlungen erst im November einen Vertrag über 200 Millionen Impfdosen mit den Herstellerfirmen geschlossen. Eine in dem Vertrag vereinbarte Option für 100 Millionen weitere Dosen wurde Ende Dezember gezogen, als die Impfkampagne gegen das Coronavirus mit dem Biontech-Vakzin als bis dahin einzigen in Europa zugelassenen Mittel begann.

2,3 Milliarden Impfdosen für 448 Millionen Menschen

In vielen europäischen Ländern lief die Impfung zögerlich und mit zahlreichen Problemen an, was vielerorts heftige Kritik auslöste - auch daran, dass Europa weniger aggressiv bei Biontech und Pfizer eingekauft hatte als manche andere Länder.

Mit der aktuellen Nachbestellung verdoppelt die EU ihre Order des Biontech-Mittels. Da zwei Dosen pro Person benötigt werden, würden die 600 Millionen Dosen ausreichen, um zwei Drittel der 448 Millionen EU-Bürger zu impfen.

Insgesamt hat die EU mehr als zwei Milliarden Impfdosen bestellt:

  • 600 Millionen von Biontech und Pfizer

  • 160 Millionen von dem Mittel des US-Herstellers Moderna , das am Mittwoch auch in Europa zugelassen wurde und ab der kommenden Woche eingesetzt werden soll

  • 400 Millionen vom britischen Konzern Astrazeneca, dessen Impfstoff in Großbritannien bereits verwendet wird - hierzu signalisierte die EU-Medizinbehörde EMA am Freitag, dass noch im Januar mit einer Freigabe zu rechnen sei

  • 400 Millionen auch vom US-Konzern Johnson & Johnson, der noch im Januar Ergebnisse seiner Studie veröffentlichen will, ob auch mit einer einzelnen Dosis ausreichender Schutz entsteht

  • 300 Millionen von den beiden weltgrößten Impfstoffherstellern Glaxosmithkline und Sanofi, deren Gemeinschaftsprojekt jedoch enttäuschende Zwischenergebnisse lieferte und wohl erst in der zweiten Jahreshälfte fertig wird

  • und 405 Millionen von dem deutschen Hersteller Curevac, der ebenfalls auf die Jahresmitte vertröstet, am Donnerstag aber eine Allianz mit dem Pharmariesen Bayer verkünden konnte.

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Diese Impfstoffprojekte gegen Covid-19 sind am weitesten

Foto: MENAHEM KAHANA / AFP

Fast die Hälfte der geplanten Jahresproduktion des Biontech-Mittels von 1,3 Milliarden Dosen ist nun für Europa reserviert. Von der Leyen bekräftigte, die EU wolle auch Impfstoff an Länder außerhalb Europas weitergeben, die sich den Kauf der Impfstoffe nicht leisten könnten.

Studie belegt Wirksamkeit auch gegen mutiertes Virus

Der Impfstoff von Biontech und Pfizer wirkt laut einer ersten Analyse auch gegen zwei neue Varianten des Coronavirus, die zuerst in Großbritannien und Südafrika nachgewiesen wurden. Dies geht aus einer Studie  von Wissenschaftlern der Universität Texas und dem US-Pharmaunternehmen Pfizer hervor, die am Donnerstag veröffentlicht wurde.

Untersucht wurden die Antikörper im Blut von 20 geimpften Menschen. Demnach erreicht der Impfstoff im Einsatz gegen die neuen Varianten wahrscheinlich ebenfalls eine Wirksamkeit von 95 Prozent. Die Studie wurde vorab veröffentlicht, sie wurde noch nicht in einem Fachjournal veröffentlicht und von unabhängigen Experten geprüft.

Bei Viren gibt es stetig zufällige Veränderungen im Erbgut, Mutationen genannt. Manche verschaffen dem Erreger Vorteile - etwa, indem sie ihn leichter übertragbar machen. Im Dezember wurden eine Variante des Coronavirus (B.1.1.7) in Großbritannien sowie eine ähnliche (501Y.V2) in Südafrika nachgewiesen, die ersten Analysen zufolge ansteckender sein könnten als die bisher kursierenden.

ak/dpa-afx, AFP, Reuters
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