Biontech strebt "Rekordzeit" an Das Rennen um die Corona-Impfstoffe

Während die Russen den ersten Impfstoff auf den Markt bringen, halten die Konkurrenten das Tempo hoch. Die deutsche Biontech will im Oktober die Zulassung beantragen, die Chinesen weiten ihre Tests international aus.
Wie viele aus 170? Die Impfstoff-Suche wird weltweit vorangetrieben

Wie viele aus 170? Die Impfstoff-Suche wird weltweit vorangetrieben

Foto: Dado Ruvic/ REUTERS

Das Rennen um einen wirksamen Corona-Impfstoff läuft in vollem Tempo. Während Russlands Staatspräsident Wladimir Putin (67) heute die weltweit erste Zulassung für einen Impfstoff verkündete, forcieren auch die Wettbewerber in anderen Teilen der Welt ihre Anstrengungen.

Mit dabei: Das Mainzer Biopharma-Unternehmen Biontech und sein US-Partner Pfizer. Sie wollen bei einem Erfolg der aktuellen klinischen Studien zu ihrem Impfstoffkandidaten wie angekündigt im Oktober den Antrag auf Marktzulassung stellen. Die Biontech-Mitarbeiter hätten es geschafft, die Studie "in Rekordzeit zu starten", sagte Biontech-Vorstandschef  Ugur Sahin (54)  am Dienstag bei der Vorlage der Unternehmenszahlen für das zweite Quartal.

Ende Juli hatte eine weltweite Studie zu dem möglichen Impfstoff mit bis zu 30.000 Teilnehmern begonnen. Für die klinische Untersuchung der Phasen II/III - mit dem Ziel einer Überprüfung der Wirksamkeit, der Bestimmung der geeigneten Dosis und schließlich dem Nachweis der Wirksamkeit - war der Wirkstoff BNT162b2 als Hauptkandidat ausgewählt worden.

Insgesamt werden weltweit mehr als 170 Impfstoffkandidaten auf ihre Wirksamkeit erforscht. Aber nur wenige befinden sich schon im größeren Umfang in der Erprobung am Menschen. Aus Europa etwa testen Wissenschaftler der Universität Oxford gemeinsam mit dem Pharmakonzern AstraZeneca bereits seit Juni ihren Wirkstoff in einer Phase-III-Studie. Auch der US-Konzern Moderna, der mit ähnlichen Technologien arbeitet wie das Mainzer Biontech, testet bereits in einer Massenstudie.

Die staatlichen russischen Forscher hatten bei ihrem Wirkstoff "Gam-COVID-Vac Lyo", der laut Putin nun unter dem Namen "Sputnik-V" vermarktet werden soll, eine Abkürzung genommen. Über Daten oder überhaupt die Durchführung einer Phase-III-Studie ist nichts bekannt. Westliche Forscher sehen das Vorpreschen der Russen daher höchst kritisch.

Chinas Forscher dehnen Studien aus

Eine Blackbox waren lange auch die Vorgänge in den chinesischen Labors, wo mit Sinopharm und Sinovac gleich zwei Konglomerate an möglichen Impfstoffen forschen. Das Biotech-Unternehmen Sinovac aber verlegt seine Studien inzwischen zunehmend ins Ausland. In Brasilien, wo fast alle Konkurrenten auch Studien durchführen, läuft bereits eine Phase-III-Studie mit etwa 9000 Teilnehmern. Nun dehnt Sinovac seine Versuchsreihen auch auf Indonesien aus. Dort sollen weitere knapp 1700 Patienten rekrutiert werden, teilte das Unternehmen am Dienstag mit.

Die Anstrengungen sind teuer. Bei Biontech haben die hohen Forschungskosten im zweiten Quartal darum den Verlust in die Höhe getrieben. Er betrug 88,3 Millionen Euro nach 50,1 Millionen im Vorjahreszeitraum, wie das Management am Dienstag mitteilte. Die Kosten für Forschung und Entwicklung beliefen sich im gleichen Zeitraum auf 160,3 Millionen Euro verglichen mit 110,6 Millionen Euro im Vorjahreszeitraum. Den Anstieg erklärte das Unternehmen vor allem mit der höheren Mitarbeiterzahl. Immerhin verfügt Biontech laut Quartalsbilanz dank der Zahlungen der Vertragspartner Pfizer und Fosun noch über liquide Mittel von 573 Millionen Euro.

Damit ein Impfstoff in Deutschland auf den Markt kommen kann, benötigt er eine behördliche Zulassung. Für eine nationale Zulassung ist das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) zuständig. Alternativ kann eine zentrale europäische Zulassung durch die EU-Kommission erteilt werden. Sie wird unter Mitwirkung des PEI von der Europäischen Arzneimittelagentur EMA koordiniert.

Die WHO hofft auf Mitte 2021

Wann es soweit sein wird, ist nach wie vor unklar. Ende dieses Jahres oder Anfang nächsten Jahres - dies ist der Zeitrahmen, den viele Experten nennen. Immer vorausgesetzt, die klinische Prüfung verläuft erfolgreich, wie PEI-Präsident Klaus Cichutek (64) kürzlich sagte. Erfolgt aufgrund einer positiven Bewertung die Zulassung, muss der Impfstoff in möglichst großen Mengen produziert werden. Unter diesen Annahmen könnten "wir Mitte 2021 über einen Impfstoff verfügen, der auf breiter Basis eingesetzt werden kann", erklärte WHO-Chefforscherin Soumya Swaminathan (61) kürzlich der Deutschen Presse-Agentur.

Biontech und Pfizer haben für diesen Fall bereits Liefervereinbarungen mit Großbritannien, den USA, Japan und Kanada über mehr als 250 Millionen Impfstoffdosen geschlossen. Zusätzlich gibt es eine Option über weitere 500 Millionen Dosen. 

lhy/Reuters/dpa
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