Pfizer und Biontech in der Kritik Mehr Impfdosen pro Ampulle, dafür aber weniger Ampullen

Wie ein richtiger Pharmakonzern, zieht der bislang umjubelte Impfstoffheld Biontech nun auch öffentlichen Unmut auf sich. Impfzentren stehen still, weil die Kalkulation der gelieferten Dosen nicht aufgeht. Hier sind die Hintergründe.
Milliliterarbeit: Mit Impfstoff von Biontech und Pfizer abgefüllte Spritzen in einem dänischen Impfzentrum

Milliliterarbeit: Mit Impfstoff von Biontech und Pfizer abgefüllte Spritzen in einem dänischen Impfzentrum

Foto: CLAUS FISKER / AFP

Nordrhein-Westfalen zog am Mittwoch die Notbremse: Die Öffnung der Corona-Impfzentren wurde auf den 8. Februar verschoben. Schuld ist laut Gesundheitsministerium in Düsseldorf, dass Biontech und Pfizer nicht so viele Impfdosen liefern wie ursprünglich zugesagt. Biontech bestreitet das aber und verweist auf einen genauen Lieferplan, der den Ländern auch laut Bundesgesundheitsministerium am Dienstag zuging. Danach gebe es in dieser und der kommenden Woche nur eine Differenz von 1 Prozent, weil man derzeit sogar mehr als versprochen liefere - und in der kommenden Woche dann weniger.

Aber der Kern des Problems in Nordrhein-Westfalen und andern Bundesländern ist die harmlos klingende Frage, ob Ärzte aus einer Impfampulle nun fünf oder sechs Impfdosen entnehmen können, wie die Unternehmen und die europäische Arzneimittelbehörde EMA sagen. Denn davon hängt ab, ob Bundesländer und alle EU-Staaten überhaupt so viele Impfdosen bekommen wie zugesagt. Es häufen sich die Klagen, dass Ärzte oft nur fünf Dosen aus einer Ampulle erhalten - deutlich weniger Impfstoff als versprochen. Die Antwort auf die Frage, warum dies so ist, scheint allerdings auch kompliziert zu sein.

Unstrittig ist, dass die US-Firma Pfizer überraschend angekündigt hatte, die Produktion in ihrem Werk in Belgien vorübergehend etwas zurückzufahren, um langfristig die Kapazitäten ausweiten zu können. Dass es "mal ein, zwei Wochen ruckelt", nennt das Biontech-Investor Helmut Jeggle (50) im Interview mit dem manager magazin.

Das Ruckeln jedoch hat Gesundheitsminister von Bund und Ländern, aber auch viele EU-Regierungen verärgert. Seither reden Politiker im Hintergrund gerade nicht mehr sehr freundlich über Pfizer. "Ich glaube nicht, dass eine Produktion in Amerika ausfallen würde", sagte etwa Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (54). Auch Kanzlerin Angela Merkel (66) betonte am Donnerstag, man müsse sich auf Lieferzusagen der Firmen verlassen können.

Biontech kürzt Zahl der gelieferten Ampullen

Mit dem neuen wöchentlichen Lieferplan bis zum 15. Februar wollte Biontech die Gemüter eigentlich beruhigen. Aber die Übersicht zeigte erst einmal ganz offen, was die Konsequenz der EMA-Entscheidung ist, dass aus einer Ampulle künftig sechs statt fünf Impfdosen entnommen werden können. Ursprünglich hatten die Gesundheitsminister das bejubelt, weil sie dachten, sie hätten plötzlich rund 20 Prozent mehr des begehrten Impfstoffes zur Verfügung. Aber Biontech kürzt nun die Zahl der gelieferten Ampullen mit dem Argument, dass alle Verträge auf die Lieferung einer bestimmten Menge an Impfdosen und nicht von Ampullen ausgestellt seien - und man mit sechs Dosen pro Ampulle rechne wie die EMA. Den Bundesländern wird dies in der Reuters vorliegenden Lieferübersicht auch genau vorgerechnet.

Aber nun gibt es Klagen nicht nur aus den Bundesländern, sondern auch anderen EU-Staaten, dass Versprechen und Realität nicht übereinstimmen: Oft reiche es eben nicht für die sechste Impfdosis, lautet die vielfache Beschwerde auch aus Schweizer Kantonen. Thüringens Gesundheitsministerium spricht sogar nur von 50 Prozent der Fälle. Die Konsequenz: Es fehlt ein erheblicher Teil der eingeplanten Menge, Impftermine müssen verschoben werden.

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Nur stellt sich die Frage, woran die mangelnde Ausbeutung liegt. Im Kreise der Gesundheitsminister wird darauf verwiesen, dass Biontech ursprünglich eine andere Spritzennadel empfohlen habe und nun aber ein Besteck empfehle, mit dem die sechste Dosis wirklich gesichert werden könne. Aber das scheint nur Teil des Problems zu sein: Eine Sprecherin des niedersächsischen Gesundheitsministeriums verweist gegenüber Reuters gleich auf drei Gründe - "unter anderem auf die variierende Abfüllmenge des Herstellers, das Impfbesteck, aber auch die Technik der Entnahme des Impfstoffs". Angesichts der winzigen Menge von 0,3 Millilitern pro Impfung spielen Material und Geschicklichkeit eine große Rolle - gerade weil derzeit jeder Tropfen wegen der Knappheit genutzt werden soll. Auch ein Sprecher des baden-württembergischen Gesundheitsministeriums sagte, dass es davon abhängt, wie geschickt die Personen seien, die den Impfstoff verabreichten.

Und die Schwankung aller Faktoren sei so stark, dass es auch Berichte aus einzelnen Impfzentren gebe, die sogar sieben Impfdosen aus einer Ampulle zögen, sagte die Sprecherin des Gesundheitsministeriums in Hannover. Ähnliche Erfahrungen macht man in Dänemark: Auch dort ziehen die Behörden eine siebte Dosis und erhöhen damit die Zahl der Menschen, die sie impfen können.

Biontech will das Problem nun erst einmal mit einer besseren Aufklärung angehen - und hat den Nutzern gleich eine ganze Herstellerliste mit geeigneten Spitzen und Nadel geschickt, damit man sich die umkämpfte sechste Dose sichern kann.

Andreas Rinke, Reuters