Kombination aus zwei Vakzinen Astrazeneca und Russland besiegeln Impfstoffkooperation

West-Ost-Allianz: Der britische Pharmakonzern Astrazeneca hat eine fertige Corona-Impfung, aber Zweifel an den Studienergebnissen. Das russische Gamaleya-Institut liefert einen ähnlichen Stoff, hat aber Akzeptanzprobleme im Westen. Jetzt tun sich beide zusammen

Prestigeerfolg: Russlands Präsident Wladimir Putin in der Videokonferenz mit Gamaleya-Institutschef Alexander Ginzburg und Astrazeneca-Chef Pascal Soriot

Prestigeerfolg: Russlands Präsident Wladimir Putin in der Videokonferenz mit Gamaleya-Institutschef Alexander Ginzburg und Astrazeneca-Chef Pascal Soriot

Foto: Alexei Nikolsky / AP

Im Kampf gegen das Coronavirus soll eine Kombination aus dem russischen Impfstoff "Sputnik V" und dem Vakzin "AZD1222" des britischen Pharmakonzerns Astrazeneca zu einem hochwirksamen Schutz vor dem Erreger führen. Das teilten beide Seiten am Montag bei der Unterzeichnung eines Memorandums für eine Zusammenarbeit bei der Entwicklung von Impfstoffen mit.

Kremlchef Wladimir Putin (68) lobte im Staatsfernsehen die Kooperation als beispielhaft. Hier werde getan, wozu die Weltgesundheitsorganisation immer wieder aufrufe: "zur Vereinigung der Anstrengungen". Russland hat neben "Sputnik V" noch zwei weitere Impfstoffe entwickelt.

Eine Kombination verschiedener Vakzine kann Astrazeneca zufolge womöglich zu einem besseren Schutz gegen das Virus führen. Der Chef des Gamaleya-Forschungszentrums für Epidemiologie und Mikrobiologie, Alexander Ginzburg (69), sagte in Moskau, dass beide Impfstoffe zusammenpassten. Die klinischen Studien könnten sofort beginnen.

Sowohl "Sputnik V" als auch "AZD1222" sind sogenannte Vektorimpfstoffe, die den Körper der geimpften Person anleiten, Antikörper gegen das Coronavirus zu bilden. Beide verwenden Adenoviren, die herkömmliche Erkältungen auslösen, als Grundlage. Russland wurde für die frühzeitige Notzulassung des Sputnik-Vakzins im August heftig kritisiert, weil noch nicht ausreichend Daten zur Wirksamkeit und Verträglichkeit des Mittels vorlagen. Inzwischen hat die klinische Studie unter mehr als 22.000 Probanden in mehreren Ländern aber eine Wirksamkeit von 91,4 Prozent ohne schwere Nebenwirkungen bestätigt. Mehrere Länder haben den Impfstoff bestellt, aber keines in Westeuropa oder Nordamerika, wo bislang auch keine Zulassung beantragt wurde.

Astrazeneca in der Warteschleife

Der von Astrazeneca und der Universität Oxford entwickelte Impfstoff galt lange als größter globaler Hoffnungsträger. Der Pharmariese hat das größte Produktionsnetzwerk für eine Corona-Impfung bereitgestellt. WHO und EU setzten stark auf dieses Mittel. Es wurde Anfang Oktober als erstes zum europäischen Zulassungsverfahren angemeldet. Auch der Astrazeneca/Oxford-Impfstoff erwies sich in der abschließenden Phase-III-Studie als ausreichend wirksam.

Für Verwirrung sorgte jedoch die Feststellung, dass der Impfstoff zu 90 Prozent wirksam sei, wenn die erste Spritze eine halbe Dosis enthalte, mit voller Dosis aber nur zu 62,1 Prozent. Die Projektpartner stritten anschließend, ob die wirksame Formel aus Absicht oder Zufall gefunden wurde. Astrazeneca kündigte eine neue Studie an, um für Klarheit zu sorgen - was aber weitere Monate kosten dürfte.

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Foto: MENAHEM KAHANA / AFP

Russlands staatlicher Direktinvestmentfonds RDIF hatte Astrazeneca nach eigenen Angaben eine Zusammenarbeit angeboten. Während in Russland bereits Massenimpfungen laufen mit "Sputnik V", ist das Vakzin von Astrazeneca bisher nicht zugelassen. RDIF-Chef Kirill Dmitrijew (45) sagte, dass Russland offen sei für weitere Kooperationen mit westlichen Partnern. "Sputnik V" sei hochwirksam auch bei Mutationen - wie jetzt in Großbritannien - und preisgünstig.

Großbritannien könnte Astrazeneca-Impfstoff noch 2020 zulassen

In Russland sollen nach Angaben der Gesundheitsbehörden bis Jahresende mehr als eine halbe Million Impfdosen verabreicht werden. Bis November 2021 sollen 70 Prozent der Bevölkerung geimpft sein. Das Land will im nächsten Jahr eine halbe Milliarde Impfdosen produzieren lassen - vor allem für den Export.

Der Wissenschaftler Ginzburg sagte, dass in Kürze auch mit der Impfung von Über-60-Jährigen begonnen werden solle. "Sputnik V" war zunächst nur für Menschen im Alter von 18 bis 60 Jahren zugelassen worden. Ginzburg äußerte die Hoffnung, dass sich auch Putin bald impfen lasse. Der 68-jährige Präsident hatte in der vergangenen Woche erklärt, dass er wegen der bisherigen Nichtzulassung des Vakzins für ältere Menschen auf die Spritze verzichte. Seine Tochter Katerina Tichonowa (34) hatte zu den ersten Probandinnen gehört.

In Großbritannien könnte das Astrazeneca-Vakzin unabhängig von der Russland-Kooperation und einer neuen Studie noch in diesem Jahr zugelassen werden. Die britische Arzneimittelbehörde MHRA habe ihre Überprüfung noch nicht abgeschlossen, sagte eine MHRA-Sprecherin am Samstag. "Unser Verfahren zur Zulassung von Impfstoffen soll sicherstellen, dass jeder zugelassene Covid-19-Impfstoff die erwarteten hohen Standards in Bezug auf Sicherheit, Qualität und Wirksamkeit erfüllt." Zuvor hatte die Zeitung "Daily Telegraph" berichtet, das Vakzin solle am 28. oder 29. Dezember die Zulassung erhalten.

ak/dpa-afx