500 Millionen Impfdosen US-Präsident Biden bestellt Biontech für Rekord-Impfspende

Vor dem G7-Gipfel in Cornwall kündigt US-Präsident Joe Biden eine massive Impfspende an ärmere Länder an. Dafür bestellen die USA eine weitere halbe Milliarde Dosen von Biontech und Pfizer - zum Selbstkostenpreis.
Große Order gelandet: US-Präsidentenpaar Jill und Joe Biden nach der Ankunft zum G7-Gipfel in Newquay, England

Große Order gelandet: US-Präsidentenpaar Jill und Joe Biden nach der Ankunft zum G7-Gipfel in Newquay, England

Foto: Phil Noble / dpa

Vor dem G7-Gipfel im englischen Cornwall sagt die US-Regierung eine Spende von 500 Millionen Impfdosen an Dutzende arme Länder der Welt zu. Nach Angaben des Weißen Hauses sollen die Dosen des Impfstoffs von Pfizer und Biontech an 92 Länder mit niedrigem und niedrigem mittleren Einkommen sowie an die Afrikanische Union verteilt werden. Rund 200 Millionen Dosen sollen zwischen August und Ende des Jahres geliefert werden, die übrigen 300 Millionen bis Juni 2022. Sie seien Teil des zugesagten Beitrags von vier Milliarden Dollar für die globale Impfstoffinitiative Covax. US-Präsident Joe Biden (78) werde den "historischen Schritt" an diesem Donnerstag verkünden und andere Demokratien aufrufen, die globale Versorgung mit Impfstoffen zu unterstützen.

"Das Ziel der heutigen Spende ist, Leben zu retten und die Pandemie zu beenden, und es legt die Basis für weitere Aktionen, die in den kommenden Tagen angekündigt werden", hieß es in der Mitteilung. Laut dem Fernsehsender CNBC laufen ähnliche Gespräche der Biden-Regierung mit dem US-Hersteller Moderna. Pfizer und Biontech bestätigten den Großauftrag am Donnerstag. "Unsere Partnerschaft mit der US-Regierung wird helfen, hunderte Millionen Dosen unseres Impfstoffs so schnell wie möglich in die ärmsten Länder rund um die Welt zu bringen", erklärte Pfizer-Chef Albert Bourla (59). Die Hersteller hatten sich bereits auf dem Weltgesundheitsgipfel im Mai verpflichtet, zwei Milliarden Impfdosen als Non-Profit-Geschäft abzugeben, den genauen Weg aber offen gelassen.

Die zusätzlichen Impfdosen sollen in den US-Werken von Pfizer hergestellt und zum Selbstkostenpreis an die USA verkauft werden - also deutlich günstiger als die hochprofitablen Lieferungen zum Eigenbedarf der reichen Staaten. Für die jüngste Bestellung weiterer 1,8 Milliarden Biontech-Dosen der Europäischen Union für die kommenden Jahre wurde der Preis sogar noch spürbar erhöht auf 19,50 Euro je Dosis.

Bidens Regierung arbeitet zugleich daran, beim Aufbau eigener lokaler Impfstoffproduktion in verschiedenen Ländern zu helfen, unter anderem durch die Quad-Initiative mit Japan, Indien und Australien. Anfang Mai hatte die US-Handelsbeauftragte Katherine Tai (47) die Branche geschockt, indem sie die von Schwellen- und Entwicklungsländern in der Welthandelsorganisation geforderte Aussetzung des Patentschutzes für Corona-Impfstoffe unterstützte. Die EU sperrt sich noch, auch Biontech-Chef Uğur Şahin (55) argumentiert vehement dagegen. Aber der Druck steigt, neben der Spende von Impfstoffen weitere Wege zu öffnen, um die Vakzine global verfügbar zu machen. Für das Geschäft während der Pandemie dürfte das wegen der staatlich garantierten Abnahme kaum Folgen haben. Langfristig aber droht Biontech und Co. stärkere Konkurrenz um den Impfstoffmarkt der Zukunft.

Biontech unterstützt die Initiative der EU, eine Milliarde Euro in den Aufbau afrikanischer Impfstoffproduzenten zu investieren. Şahin trat vor dem G7-Gipfel in einer Videokonferenz mit EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen (62) auf. Der Technologietransfer werde aber Zeit brauchen, erklärte Şahin: Zwölf Monaten bis zu einer Abfüllung der mRNA-Impfstoffe in Afrika seien das Ziel. Für die komplette Produktion müssten aber rund vier Jahre veranschlagt werden.

"Unsere Nation wird das Arsenal der Impfstoffe"

Beim Gipfel wollen die G7-Staaten zudem eine Gesundheitserklärung verabschieden, um besser gegen künftige Virusausbrüche vorgehen zu können. In einem Entwurf, der am Donnerstag der Deutschen Presseagentur vorlag, verpflichtet sich die G7-Gruppe, "die kollektiven Abwehrkräfte zu stärken, um durch wirksames multilaterales Handeln und ein gestärktes globales Gesundheitssystem besser gegen künftige Pandemien vorzubeugen, diese zu entdecken, darauf zu reagieren und sich davon zu erholen". "Globale Lösungen sind gefordert", hieß es weiter. Im Mittelpunkt soll eine "reformierte" Weltgesundheitsorganisation (WHO) stehen.

Die Corona-Pandemie gehört neben dem Klimaschutz zu den zentralen Themen des Treffens der Staats- und Regierungschefs aus den USA, aus Deutschland, Großbritannien, Kanada, Frankreich, Italien und Japan sowie EU-Vertretern, das von Freitag bis Sonntag in Cornwall stattfindet. Der Gipfel der wichtigen Industriestaaten soll eine Demonstration der Geschlossenheit zwischen den weltweit führenden demokratischen Nationen werden. Gastgeber Großbritannien hat daher auch Südkorea, Südafrika, Australien und Indien eingeladen.

Das Weiße Haus teilte mit, die Impfstoffspende werde helfen, den globalen Kampf gegen die Pandemie zu verstärken. Sie werde zudem die Grundlage für weitere Maßnahmen bilden, die in den kommenden Tagen bekanntgegeben würden. "Präsident Biden hat deutlich gemacht, dass Grenzen diese Pandemie nicht aufhalten können, und hat versprochen, dass unsere Nation das Arsenal der Impfstoffe sein wird", hieß es. Die US-Regierung hatte bislang zugesagt, bis Ende Juni 80 Millionen Impfstoffdosen aus ihren eigenen, nicht genutzten Beständen mit anderen Staaten zu teilen.

Neben dem Impfstoff von Astrazeneca, der von den USA zwar massenhaft bestellt aber bislang nicht zugelassen wurde, soll dafür auch das ähnliche Produkt des US-Pharmariesen Johnson & Johnson genutzt werden. Auch davon lagern größere Mengen in den USA. Ihre Nutzung hängt an der Freigabe des Werks eines Lieferanten, das nach einer Vermischung verschiedener Impfstoffe im April von den Behörden geschlossen wurde. Diese Freigabe, die auch für den Impffortschritt in Europa wichtig ist, steht noch immer aus. In den USA hat inzwischen die Mehrheit der Bevölkerung ihre erste Impfdosis erhalten, knapp 43 Prozent sind vollständig geimpft. Seit Wochen aber lässt das Impftempo deutlich nach.

Biden spricht von "Wendepunkt der Weltgeschichte"

Zum Auftakt seiner ersten Auslandsreise als Präsident seit der Amtsübernahme von Donald Trump (74) im Januar rief Biden zum Schulterschluss demokratischer Länder weltweit gegen Autokraten auf. "Wir befinden uns an einem Wendepunkt der Weltgeschichte", sagte er vor US-Soldaten auf dem Luftwaffenstützpunkt Mildenhall in Ostengland. "Sie wissen besser als jeder andere, dass Demokratie nicht durch Zufall entsteht. Wir müssen sie verteidigen. Wir müssen sie stärken." Er fügte hinzu: "Wir müssen diejenigen in Misskredit bringen, die glauben, dass das Zeitalter der Demokratie vorbei ist."

Der US-Präsident und First Lady Jill Biden (70) waren am Mittwochabend in Großbritannien angekommen. An diesem Donnerstag trifft Biden mit dem britischen Premierminister Boris Johnson (56) zusammen. Biden und Johnson wollten eine neue Atlantik-Charta vereinbaren und dabei mehrere Bereiche festlegen, in denen sie "zum Wohle der Menschheit zusammenarbeiten", wie die Regierung in London am späten Mittwochabend mitteilte. Das Dokument soll der Atlantik-Charta nachfolgen, die der britische Premierminister Winston Churchill und US-Präsident Franklin D. Roosevelt 1941 während des Zweiten Weltkriegs vereinbart hatten. Die damaligen Beschlüsse gelten als Wegbereiter für die Vereinten Nationen und die Nato.

Die Staats- und Regierungschefs sieben wichtiger Industrienationen tagen dann von Freitag bis Sonntag in dem südwestenglischen Badeort Carbis Bay. Am Rande des G7-Gipfels will Biden auch mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (66) zusammenkommen. Zum Abschluss ihres Besuches in Großbritannien werden der US-Präsident und die First Lady am Sonntag von Königin Elizabeth II. auf Schloss Windsor nahe London empfangen. Am Montag nimmt Biden am Nato-Gipfel in Brüssel teil, wo am Tag darauf ein Spitzentreffen mit EU-Vertretern auf dem Programm steht. Am Mittwoch kommender Woche ist dann ein mit Spannung erwartetes Gipfeltreffen Bidens mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin (68) in Genf angesetzt, bevor der US-Präsident nach Washington zurückkehrt.

ak/dpa-afx, Reuters