Uğur Şahin zelebriert den Wendepunkt BioNTech kann auf fast zehn Milliarden Euro hoffen

BioNTech ist mit dem Erfolg in der Corona-Impfstoffstudie das Unternehmen der Stunde. Rote Zahlen spielen keine Rolle mehr – Gründer Uğur Şahin kann auf das große Geschäft hoffen.
BioNTech-Chef Uğur Şahin

BioNTech-Chef Uğur Şahin

Foto: Biontech / dpa

Einen Vergleich mit Tesla zieht Uğur Şahin (55) diesmal nicht. Das ist auch gar nicht nötig. BioNTech ist das Unternehmen der Stunde, seit die Nachricht von der erfolgreichen Studie für einen Corona-Impfstoff die Welt elektrisiert. Die Arbeit der Mainzer Firma verspricht Erlösung von der Pandemie, so zumindest lässt sich die euphorische Reaktion der Börse lesen. Dass BioNTech sich nebenbei selbst als ernst zu nehmenden Player in der Pharmaindustrie etabliert und der bislang unerprobten mRNA-Technik zum Durchbruch verhilft, ist mindestens genauso wichtig.

Der Firmengründer und Medizinprofessor muss an diesem Dienstag nicht mehr als visionärer Disruptor auftreten, als er in einer Telefonkonferenz mit Analysten die neuen Geschäftszahlen präsentiert. Nüchtern, fast beiläufig trägt Şahin seinen Text vor, redet von einem "Wendepunkt und Meilenstein, sowohl für unser Unternehmen als auch für die Innovation in der Wissenschaft" und einer "guten Nachricht für die Menschheit".

"Wir fühlten die Pflicht, etwas zu tun", begründet er die Entscheidung zu Beginn der Pandemie, das Projekt "Lightspeed" zu starten . Bislang gibt es weltweit kein zugelassenes Medikament auf mRNA-Basis. Eine Zulassung des Impfstoffs dürfte Şahin daher auch seinem langfristigen Ziel näherbringen, "einen Marktführer in der Immuntherapie der nächsten Generation aufzubauen". Die seit Jahren vorangetriebenen Krebsprojekte laufen weiter, elf davon befinden sich in klinischen Studien. Hinzu kommen noch Projekte gegen Influenza, HIV, Tuberkulose und seltene Krankheiten. Außerdem verheißt der Durchbruch beim Impfstoff dem Unternehmen etwas ganz Neues: Profit.

US-Deal als Benchmark

Noch schreibt das 2008 gegründete BioNTech rote Zahlen. Im dritten Quartal 2020 war das Ergebnis besonders negativ. Im Vergleich zum dritten Quartal des Vorjahrs versiebenfachte sich der Nettoverlust auf 210 Millionen Euro. Doch keiner der Analysten im Call interessierte sich für diese Zahlen. Die deutlich auf knapp 228 Millionen Euro gestiegenen Ausgaben für Forschung und Entwicklung gehören ja zum Plan: Jetzt wird gesät, mit dem Marktstart des Corona-Impfstoffs beginnt die Ernte. Angesichts von fast einer Milliarde Euro Barreserven muss sich aktuell auch niemand sorgen, dass die Verluste BioNTech überfordern könnten.

Wieviel BioNTech an der Corona-Impfung verdienen wird, mag das Unternehmen noch nicht abschätzen – aber dass es einen üppigen Gewinn anpeilt (im Gegensatz zu manchen etablierten Impfstoffgiganten), steht fest. Schon jetzt haben BioNTech und Pfizer für insgesamt 570 Millionen Dosen Liefervereinbarungen mit Regierungen geschlossen. Finanzvorstand Sierk Poetting (47) nennt dabei den im Juli geschlossenen Deal mit den USA als "Benchmark". Wenn es mit der Notfallzulassung noch im November klappt, winkt BioNTech und US-Partner Pfizer eine Überweisung von 1,95 Milliarden Dollar allein für die ersten 100 Millionen Impfstoffdosen – rechnerisch also 19,50 Dollar (16,50 Euro) pro Dosis, das Doppelte pro geimpfter Person.

Erlös von 21 Milliarden Euro und mehr in Aussicht

Ob dieser Preis auch für die weiteren staatlichen Aufträge gilt, verraten die Beteiligten nicht. Poettings Aussage lässt aber den Schluss zu, dass BioNTech sich nicht so viel billiger verkauft, wenn an diesem Mittwoch der Vertrag mit der Europäischen Union unterschrieben wird – zumal jetzt, mit dem Status als begehrter Pionier. Der Preis ist zwar deutlich höher als der von geplanten Corona-Impfstoffen herkömmlicher Bauart (AstraZeneca nimmt laut italienischem Gesundheitsministerium 2,50 Euro pro Dosis), aber weit niedriger als bei anderen Biotechfirmen, die wie BioNTech auf mRNA-Technik setzen: Stéphane Bancel  (48) vom US-Rivalen Moderna findet schon seine Verträge für 32 bis 37 Dollar pro Dosis "weit unter Wert".

Fotostrecke

Diese Impfstoffprojekte gegen Covid-19 sind am weitesten

Foto: MENAHEM KAHANA / AFP

Die USA haben eine Option auf 500 Millionen weitere Impfstoffdosen von BioNTech und Pfizer, die EU will 200 bis 300 Millionen bestellen. Mit Japan (120 Millionen), Großbritannien (30 Millionen), Hongkong und Macau (bis zu 10 Millionen), Kanada (Menge unbekannt) und neun weiteren, nicht genannten Ländern haben die Partner bereits Deals geschlossen. Zu den insgesamt 570 Millionen fest bestellten Dosen kommen 600 Millionen weitere als Option. Wenn es so kommt, ist die für 2021 geplante Produktion von 1,3 Milliarden Dosen annähernd ausgebucht. Wenn dabei der US-Preis als Richtschnur dient, stünden Erlöse von rund 9,4 Milliarden Euro fest – mit Aussicht auf 21 Milliarden Euro und mehr. Auf Anhieb wäre der Impfstoff eines der umsatzstärksten Medikamente der Welt.

Diese Einnahmen stehen den Deutschen allerdings nicht allein zu. BioNTech muss sie mit Pfizer teilen: Jeder bekommt die Hälfte, so sieht es die im April geschlossene Partnerschaft vor. Schließlich hatte Pfizer maßgeblich die aufwändigen Studien organisiert und vorfinanziert. Auch die Kosten dürften mit dem Aufbau der Massenproduktion wie im gerade übernommenen Marburger Werk noch einmal in die Höhe schießen; die Logistik mit einer geschlossenen Kühlkette für den Impfstoff ist ebenfalls keine Kleinigkeit. Und noch steht die Zulassung der Aufsichtsbehörden aus. Doch die Erfolgsstory ist bereits geschrieben.

ak/dpa-afx
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.