Geschichte eines Durchbruchs Projekt „Lightspeed“ – so lief die Suche nach Biontechs Impfstoff

Die Entwicklung des Impfstoffs BNT162b2 ist das aufregendste Projekt der deutschen Unternehmensgeschichte. Ein Rennen gegen die Zeit – und gegen alle Konventionen. manager magazin zeichnet den Krimi im Detail nach.
Visionär: BioNTech-Chef Ugur Şahin

Visionär: BioNTech-Chef Ugur Şahin

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Dominik Pietsch / Biontech / picture alliance / dpa

Die Nachricht ist eine Erlösung. Der Impfstoff BNT162b2, entwickelt vom Mainzer Biotechunternehmen Biontech, ist wirksam – und zwar zu mehr als 90 Prozent. Das sei der erste Beweis, dass Covid-19 wirklich durch einen Impfstoff verhindert werden kann, jubelt Ugur Şahin (55).

Der Gründer und Chef des deutschen Start-ups hat es mit seinen Leuten und den Entwicklungspartnern des US-Konzerns Pfizer also tatsächlich geschafft. Eine Zwischenauswertung ihrer Massenstudie mit bis heute 43.583 Probanden hat überwältigende Ergebnisse gezeigt. Zwar liegen bislang nur Daten für 94 Fälle vor, aber nach dem ausgeklügelten Studiendesign reicht das, um zunächst eine Notfallzulassung bei den Aufsichtsbehörden zu beantragen. Die Aktienkurse von Biontech  und Pfizer  explodierten, Glückwünsche kommen aus der ganzen Welt.

„Heute ist ein großer Tag für die Wissenschaft und die Menschheit“, sagt Pfizer-Chef Albert Bourla (58). „Wir erreichen diesen wichtigen Meilenstein in unserem Impfstoffprogramm zu einer Zeit, in der die Welt ihn am meisten braucht.“

Dahinter steckt ein Wissenschafts- und Wirtschaftskrimi ohne Beispiel. Die Entwicklung des Impfstoffs BNT162b2 ist das wohl aufregendste Forschungsprojekt der deutschen Unternehmensgeschichte. Nie zuvor blickte die ganze Welt so sehr auf ein deutsches Unternehmen. Nie zuvor ist ein Impfstoff in derartiger Geschwindigkeit entwickelt worden. Nie zuvor hing so viel von den Entscheidungen der beteiligten Frauen und Männer ab, nicht nur für die Unternehmen und deren Investoren . Sondern für die Weltwirtschaft und die Weltbevölkerung. manager magazin zeichnet „Projekt Lightspeed“ im Detail nach.

 24. Januar

An diesem Freitag liest Şahin in der medizinischen Fachzeitschrift „Lancet“ über eine neue Studie. Das tödliche Virus in China ist demnach deutlich ansteckender als bislang gedacht. Zwei Tage zuvor hat bereits der Chef des US-Konkurrenten Moderna, Stéphane Bancel (48), angekündigt, nach einem Serum zu suchen. Nun wollen auch Şahin und seine Frau Özlem Türeci (53), Chief Medical Officer von Biontech, einsteigen.

Am Wochenende telefoniert Şahin mit Aufsichtsratschef Helmut Jeggle (50). „Ich war sehr überrascht, wie ernst Ugur das Virus nahm und dass er tatsächlich wertvolle Personalressourcen einsetzen wollte“, erinnert der sich.

„Wir wollen ein großes europäisches Pharmaunternehmen aufbauen“: Ugur Sahin, Gründer und CEO von Biontech

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Andreas Arnold / dpa

Biontech forscht an mRNA-Wirkstoffen: Mit synthetisch programmierten Botenmolekülen wollen sie die menschlichen Zellen selbst zu Wirkstofffabriken machen. Sie hoffen seit Jahren, damit ganz neuartige Medikamente zu erfinden, vor allem gegen Krebs. Aber weltweit wurde noch nie ein Mittel auf mRNA-Basis zugelassen. Und jetzt ein Impfstoff gegen ein Virus in China? „Aber wenn Ugur ein Projekt starten will, vertrauen wir ihm voll“, sagt Jeggle.

Schon am folgenden Montag präsentiert Şahin dem Vorstand eine Art Stufenplan. Bis April sollen die klinischen Studien starten. „Es ist unsere Pflicht, unsere ganze Technologieexpertise einzusetzen.“ Es ist der offizielle Startschuss für ein Hochrisikoprojekt.

„Im Rückblick muss ich gestehen, da war sehr viel Vertrauen dabei“, wird sich Finanzchef Sierk Poetting (47) später erinnern.  Es habe doch einige Stellen gegeben, an denen es „auch in eine andere Richtung hätte laufen können“.

Die Direktoren und Führungskräfte, viele kurz vor dem Skiurlaub, murren zunächst über den Vorstoß des Gründers. Einige halten die Nachrichten aus China für einen „Hype“. Aber Şahin und Türeci bestehen auf ihrer Idee. In einer Mitarbeiterversammlung schwört Şahin die Mannschaft ein. Er ist der Kopf der Firma, sprudelt vor Ideen, kann das gesamte Team motivieren. Er vergleicht Corona mit der Hongkong-Grippe, die in den 1960er Jahren viele Tote forderte. Auf seinen Appell melden sich intern viele Freiwillige für das Projekt.

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