"Historisches Versprechen" Pharmabosse schließen Allianz gegen Zeitdruck im Impfstoffrennen

In einem höchst ungewöhnlichen gemeinsamen Aufruf versprechen die Chefs führender Corona-Impfstoffentwickler, trotz des Zeitdrucks sorgfältig zu testen. Damit wehren sie sich vor allem gegen Druck aus der Politik.
Seltene Boss-Allianz: Albert Bourla (Pfizer), Emma Walmsley (GlaxoSmithKline), Kenneth Frazier (Merck) und Ugur Sahin (Biontech).

Seltene Boss-Allianz: Albert Bourla (Pfizer), Emma Walmsley (GlaxoSmithKline), Kenneth Frazier (Merck) und Ugur Sahin (Biontech).

In einer höchst ungewöhnlichen Allianz haben sich die eigentlich im Impfstoffrennen konkurrierenden Pharmabosse an die Öffentlichkeit gewandt. Die CEOs von neun führenden westlichen Arzneimittelherstellern gaben per offener Erklärung das "historische Versprechen", sich trotz des immensen Zeitdrucks auf eine sorgfältige Corona-Impfstoffentwicklung nach wissenschaftlichen Standards zu verpflichten.

Mit dabei sind fast alle der westlichen Firmen, die besonders aussichtsreich an möglichen Anti-Corona-Impfstoffen forschen: die britischen Rivalen AstraZeneca  und GlaxoSmithKline, die US-Unternehmen Johnson & Johnson , Merck & Co, Moderna  und Novavax, Sanofi aus Frankreich sowie die Mainzer Biotechfirma Biontech  und ihr US-Partner Pfizer. Für sie stehe die Sicherheit und Wirksamkeit bei der Entwicklung eines Corona-Impfstoffes an oberster Stelle. Sie verpflichteten sich darauf, trotz des hohen Marktpotenzials keine Abkürzungen zu nehmen.

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Eine Zulassung oder Notfallgenehmigung werde erst beantragt, wenn dessen Sicherheit und Wirksamkeit in einer entscheidenden Phase-3-Studie nachgewiesen sei, die den üblichen regulatorischen Anforderungen entspreche, hieß es in dem von allen neun CEOs unterschriebenen Brief. "Wir glauben, dass dieses Versprechen dazu beitragen wird, das Vertrauen der Öffentlichkeit in den strengen wissenschaftlichen und regulatorischen Prozess zu sichern."

Das ungewöhnliche Versprechen der Arzneimittelhersteller, sich an lang etablierte Regeln zu halten, zeigt, wie stark die gegenwärtige Suche nach einem Impfstoff zur Eindämmung der Pandemie bereits politisiert wurde. Die Manager wehren sich damit auch gegen den steigenden Druck aus Politik und Öffentlichkeit, möglichst schnell mit einem Impfstoff auf den Markt zu kommen.

So hatte beispielsweise US-Präsident Donald Trump (74) erklärt, ein Impfstoff sei womöglich schon vor der US-Wahl im November erhältlich. Und der amerikanischen Zulassungsbehörde FDA hatte er sogar unterstellt, den Prozess absichtlich zu verlangsamen, um ihm politisch zu schaden. Die Weltgesundheitsorganisation WHO wiederum hatte zur Vorsicht gemahnt, nachdem der FDA-Chef Stephen Hahn (60) Ende August erklärt hatte, dass seine Behörde durchaus bereit sei, einen Impfstoff vor Abschluss der Phase-3-Wirksamkeitsstudie zuzulassen, wenn man davon überzeugt sei, dass die Vorteile die Risiken überwiegen.

"Es herrscht neben dem Druck und der Hoffnung auf einen möglichst schnell verfügbaren Impfstoff auch viel Verunsicherung bei den Menschen, dass hier Schritte bei der Entwicklung ausgelassen werden könnten", sagte Biontech-Vorstandschef Ugur Sahin (54), einer der Unterzeichner des Aufrufs. "Wir möchten die Impfstoffentwicklung so weit wie möglich beschleunigen, aber wir werden keine Abkürzung nehmen und wichtige Schritte auslassen." Die Pandemie sei nur mit einem wirksamen Impfstoff aufzuhalten.

Weltweit forschen etliche Unternehmen fieberhaft an Impfstoffen gegen das neuartige Coronavirus. Aktuell gibt es aktuell laut Weltgesundheitsorganisation WHO 176 Projekte, 34 davon befinden sich in der Erprobung an Menschen. Biontech befindet sich dabei genau wie AstraZeneca bereits in den Massentests der Phase 3. Wann genau und ob überhaupt einer oder mehrere der getesteten Impfstoffe auf den Markt kommen, ist unklar. Zuletzt rechneten Beobachter mit Anfang 2021.

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In Russland ist dagegen bereits seit Mitte August ein weltweit erster Impfstoff namens "Sputnik" zugelassen. Die Behörden dort hatten allerdings Kritik von Experten auf sich gezogen, weil der damals erst weniger als zwei Monate an Menschen getestet wurde. Die Genehmigung erfolgte vor der entscheidenden Wirksamkeitsstudie, an der üblicherweise Tausende Testeilnehmer beteiligt sind. Eine erfolgreiche Phase-3-Studie ist normalerweise aber die wesentliche Voraussetzung für eine behördliche Zulassung.

Die russischen Forscher haben den Aufruf der Pharmabosse ebenso wenig unterschrieben wie die Wettbewerber aus China, Sinvac Biotech und CanSino Biologies, die ihre Wirkstoffe bereits in großem Stil auch außerhalb des Landes testen lassen. Auch in China wird der Impfstoff bereits verabreicht: Sinovac-Chef Weidong Yin hatte jüngst erklärt, dass die meisten seiner Angestellten und ihre Familien bereits einen experimentellen Impfstoff genommen hätten, der von der chinesischen Firma im Rahmen des Notfallprogramms des Landes entwickelt wurde.

lhy/Reuters
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