Geldregen Stadt Mainz erwartet Milliardenüberschuss dank Biontech

Gewerbesteuer aus den Milliardengewinnen von Biontech dürfte die Stadt Mainz, die jetzt noch unter einem Haushaltsaufpasser leidet, plötzlich entschulden. Biontech hat die Prognose für sein Impfstoffgeschäft erneut angehoben.
Stadt im Glück: Marktplatz von Mainz

Stadt im Glück: Marktplatz von Mainz

Foto: Andreas Arnold / dpa

Der Erfolg des Corona-Impfstoffherstellers Biontech eröffnet der Stadt Mainz ungeahnte Entwicklungsmöglichkeiten. Anstelle des geplanten Minus von 36 Millionen Euro werde die rheinland-pfälzische Landeshauptstadt voraussichtlich zum Jahresende einen Überschuss in Höhe von 1,09 Milliarden Euro verzeichnen, kündigte Finanzdezernent Günter Beck (65, Grüne) am Dienstag in Mainz an. "Diese Entwicklung ist sensationell." Für 2022 sei ein Plus in Höhe von 490,8 Millionen Euro zu erwarten. Damit könne die Stadt ihre Kassenkredite in Höhe von rund 634 Millionen Euro bezahlen und gelte bis Ende nächsten Jahres als schuldenfrei.

Die Stadt will dank des Geldsegens den Gewerbesteuerhebesatz von derzeit 440 Punkten auf 310 und damit auf das Niveau des benachbarten wohlhabenderen Ingelheim senken. Dies werde zur Entlastung der in Mainz ansässigen Unternehmen von insgesamt 351,6 Millionen Euro im kommenden Jahr führen, sagte Beck. Über die geplante Senkung solle die Stadtverordnetenversammlung noch im November entscheiden.

"Nichts ist wichtiger als die Schulden loszubekommen, damit die Stadt ohne Fesseln laufen kann", sagte Oberbürgermeister Michael Ebling (54, SPD). "Wir gehen auch in den kommenden Jahren von einem deutlichen Überschuss aus." Damit werde Mainz "eine neue Stufe zur Entwicklung des Biotechstandorts zünden" und investieren, um weitere Unternehmen der Branche anzulocken. Noch im Juli hatte die Landesbehörde ADD den vom Stadtrat beschlossenen Haushalt gekippt, geplante Neubauten von Schulen und Kitas sowie Neueinstellungen von Personal moniert, stärkere Sparmaßnahmen und unter anderem eine Erhöhung der Grundsteuer verlangt.

Milliardengewinn und höhere Umsatzprognose

Biontech gab unterdessen bekannt, in den ersten neun Monaten dieses Jahres gut 7,1 Milliarden Euro Gewinn erzielt zu haben. Wie viel Gewerbesteuer das Unternehmen an seinem Hauptsitz in Mainz bezahlt, war zunächst nicht klar.

Nach dem US-Partner Pfizer hob auch Biontech die Prognose für seinen Umsatz mit dem gemeinsam vermarkteten Covid-19-Impfstoff erneut an. Für 2021 erwartet Biontech für das Vakzin nun Verkaufserlöse von 16 bis 17 Milliarden Euro statt bisher erwarteter 15,9 Milliarden, wie das Mainzer Biotechunternehmen am Dienstag mitteilte. Die Prognose basiert auf bisher unterzeichneten Lieferverträgen über bis zu 2,5 (zuvor rund 2,2) Milliarden Impfdosen in diesem Jahr.

Insgesamt wollen Biontech und Pfizer bis Jahresende bis zu drei Milliarden Dosen herstellen. Für das kommende Jahren streben sie eine Produktionskapazität von bis zu vier Milliarden Dosen an.

"Wir arbeiten weiterhin mit Nachdruck daran, den globalen Impfstoffbedarf zu decken", sagte Vorstandschef Uğur Şahin (56). Das Vakzin stehe nun auch zusätzlichen Altersgruppen zur Verfügung. "Die erste Notfallzulassung eines Covid-19-Impfstoffs für Kinder zwischen 5 bis unter 12 Jahren in den Vereinigten Staaten sowie Genehmigungen für Auffrischungsimpfungen in verschiedenen Bevölkerungsgruppen unterstreichen dies." Biontech bekräftigte, dass bisher keine Daten auf die Notwendigkeit einer Version seines Impfstoffs gegen Varianten wie die hochansteckende Delta-Variante hindeuteten. Biontech und Pfizer arbeiteten aber an der Entwicklung variantenspezifischer Impfstoffe.

Im dritten Quartal fuhr Biontech dank des Impfstoffgeschäfts einen Umsatz von insgesamt 6,08 Milliarden Euro ein. Im selben Zeitraum des Vorjahres, vor Zulassung des Impfstoffs, waren es nur 67,5 Millionen Euro - ein Plus von 8907 Prozent. Der Nettogewinn belief sich auf 3,2 Milliarden nach einem Verlust von 210 Millionen Euro im Vorjahreszeitraum. Pfizer hatte jüngst seine Umsatzprognose für den Covid-19-Impfstoff auf 36 Milliarden Dollar in diesem Jahr angehoben von zuvor 33,5 Milliarden und erwartet weitere 29 Milliarden Umsatz 2022. Die angehobene Prognose bescherte Biontech den größten Kurssprung seit drei Monaten: Die Aktien der Biotechfirma stiegen um mehr als 11 Prozent. Nach Start des Börsenhandels an der New Yorker Nasdaq drehte der Kurs jedoch ins Minus und gab nun mehr als 3 Prozent nach.

Moderna zieht mit Zulassungsantrag für Kinder nach

Der US-Wettbewerber Moderna beantragte am Dienstag die Zulassung seines Covid-Impfstoffs in der Europäischen Union für Sechs- bis Elfjährige. "Dies ist unser erster Antrag für die Verwendung unseres Impfstoffs in dieser Altersgruppe", erklärte Moderna-Chef Stéphane Bancel. Das Mittel von Biontech und Pfizer ist in den USA bereits seit Ende Oktober für Kinder ab fünf Jahren zugelassen, die Entscheidung der europäischen Arzneimittelbehörde EMA steht noch aus. Für Zwölfjährige und Ältere können beide mRNA-Impfstoffe eingesetzt werden. Einige EU-Staaten wie Schweden und nun auch Frankreich empfehlen jedoch Biontech statt Moderna wegen sehr selten auftretender Herzmuskelentzündungen bei geimpften Jungen. Moderna hatte in der vergangenen Woche seine Umsatzprognose für dieses Jahr gesenkt, nachdem die Ziele für das dritte Quartal verfehlt wurden.

ak/dpa-afx, Reuters
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